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Johanna und Richard Tesch anno 1914.

75. Todestag

Johanna Tesch: Erinnerungen an eine Frankfurter Widerstandskämpferin

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Zum 75. Todestag der Frankfurter Widerstandskämpferin Johanna Tesch soll der bewegende Briefwechsel mit Ehemann Richard veröffentlicht werden.

In einem Brief an ihren Mann Richard vom 5. Februar 1919 schreibt Johanna Tesch in einem Nachsatz: „Hoffentlich kannst Du mein Geschmier lesen.“ Gut 100 Jahre später beantwortet Enkelin Sonja Tesch die indirekt gestellte Frage wie folgt: „Die Briefe meiner Oma sind eine ziemliche Fummelei und nicht so ganz leicht zu lesen.“ Für Enkelin Sonja, war die Großmutter, die sie nie persönlich kennenlernte, „schon als kleines Mädchen ein Vorbild gewesen“. Die Frankfurterin Johanna Tesch, heute als Widerstandskämpferin geehrt, war viel mehr als das. Eine moderne Frau und eine der ersten weiblichen Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik.

Von dieser Zeit zeugen die vielen Briefe, die Johanna ihrem Mann Richard von 1919 bis 1925 aus Weimar und Berlin schrieb und die ihr Gatte, der neben seiner Arbeit in der Union-Druckerei die beiden Kinder in der Wohnung im Riederwald versorgte, immer wieder beantwortete.

Brief von Johanna Tesch 1921 an ihren „Pa“ Richard auf Reichtstagspapier.

Sonja Tesch, in den 40er Jahren geboren, wurde nach dem Krieg groß, in einer Zeit, als sich viele junge Menschen damit auseinandersetzen mussten, dass ihre Eltern oder Großeltern Nazis waren. Sonja Tesch konnte hingegen eine Oma „vorweisen“, die gegen das Nazi-Regime gekämpft hatte. „Ich war sehr glücklich damit und daher hat mir meine Großmutter schon immer viel bedeutet“, erinnert sich die Enkelin.

Als 1970 ihr Vater Carl starb, erbte Sonja Tesch auch 242 Briefe, die sich das Ehepaar Johanna und Richard zwischen 1919 und 1925 schrieb. Die Enkelin fertigte Kopien der Briefe und vermachte die Originale dem Frankfurter Institut für Stadtgeschichte. Von den Briefen war die Enkelin dann so fasziniert, dass sie anfing, das „Geschmier“ abzutippen. „Damit habe ich schon vor 40 Jahren angefangen, damals noch auf der Schreibmaschine“, erinnert sich Sonja Tesch.

Im Laufe der Jahre trat das Transkribieren der Briefe etwas in den Hintergrund, bis Tesch im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Frankfurter Stadthistoriker Dieter Wesp eine Veranstaltung zu Ehren ihres Vaters Carl vorbereitete. Im Laufe der gemeinsamen Arbeit offenbarte Sonja Tesch Wesp zufolge dann, „sie hätte noch einen Wunsch in ihrem Leben, die Briefe ihrer Großeltern zu veröffentlichen“.

Familienfeier im Riederwald anno 1935.

Wesp musste sie da nicht lange bitten, denn der Stadthistoriker sieht in dem Briefwechsel einzigartige Dokumente für die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse vor rund 100 Jahren, an denen auch Forscher und Wissenschaftler Interesse haben könnten. Vor allem aber bieten die Briefe einen sehr persönlichen Einblick in das Leben der Eheleute Tesch, die – sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit, mit vertauschten Rollen agieren. Sie schlägt sich mit den Kommunisten rum, er mit den Kindern. Oft geht es in den Briefen der SPD-Abgeordneten um ihre strapaziösen Reisen, das Gehalt im Reichstag oder andere Abgeordnete. Ehemann Tesch schildert die Entwicklungen in Frankfurt, in der Familie oder im heimischen Schrebergarten. Ab und an klagt Richard auch mal über seine Doppelrolle und erbittet sich Tipps im Haushalt. Dann erhält der Gatte postalische Anweisungen: „Den Kalbskopf tut ihr am besten in Sülze einkochen.“ Dazu empfiehlt die Abgeordnete und verhinderte Hausfrau Pfeffer, Lorbeer, Nelken und Zwiebel.

Über ihre vertauschten Rollen sind sich die beiden natürlich im Klaren. Daher unterzeichnet Johanna ihre Briefe gerne mit „Dein Hans“.

Natürlich geht es in jenen bewegten Zeiten nicht vorrangig um Kochrezepte, sondern auch um ernste Themen wie den Kapp-Putsch, das Betriebsrätegesetz oder das Frankfurter Hochwasser von 1920.

Wesp und sein Verein für Frankfurter Arbeitergeschichte haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, einen Teil der Briefe zu veröffentlichen. Als Print-Dokumentation entstanden ist bereits eine erste Auswahl von rund 100 Briefen und Postkarten aus jener Zeit. „Es steckt viel Arbeit drin“, verrät Wesp, der aus dem Studium jener Briefe auch einiges gelernt hat, etwa wie stark die Animositäten zwischen der SPD und der USPD waren. Briefe zwischen den Eheleuten Tesch sind auch noch aus späteren Jahren erhalten, auch, als Johanna Tesch nach der groß angelegten „Aktion Gitter“ der Nazis ins Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert worden war. „Es gibt ja sonst kaum Dokumente, die an KZ-Insassen geschrieben wurden“, betont Wesp. In jenem KZ in Brandenburg starb die entkräftete Johanna Tesch dann heute vor 75 Jahren.

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