Das blumengeschmückte Grab von Günter Sare auf dem Höchster Friedhof.
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Das blumengeschmückte Grab von Günter Sare auf dem Höchster Friedhof.

Gedenken

Erinnerung an Günter Sare

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Vor 30 Jahren wurde der Frankfurter Günter Sare bei einer Demonstration gegen eine NPD-Veranstaltung von einem Wasserwerfer überfahren und getötet. Der Tod Sares prägt die linke und alternative Szene der Stadt bis heute.

Michael Wilk war einer der Ersten, die den Ernst der Lage erkannten. Der Notarzt und Aktivist, damals noch Medizinstudent, nahm am 28. September 1985 an einer Demonstration gegen eine NPD-Veranstaltung im Saalbau Gallus teil. Auf einmal bat ihn jemand um Hilfe: Günter Sare, ein 36-jähriger Maschinenschlosser und Mitarbeiter im Jugendzentrum Bockenheim, war von einem Wasserwerfer der Polizei überrollt und schwer verletzt worden. Gemeinsam mit zwei anderen leistete Wilk Erste Hilfe, kämpfte um Sares Leben. „Das war aber ein völlig aussichtsloses Unterfangen“, erinnert sich Wilk. „Der ist uns praktisch unter den Fingern weggestorben.“

Es sind folgenschwere Szenen, die sich an diesen Samstagabend in der Frankenallee abspielen: Schon seit Stunden protestieren Hunderte gegen die rechte NPD, als sich die Lage am Abend zuspitzt. Die Polizei geht mit Knüppeln gegen antifaschistische Protestierer vor, Steine und Flaschen fliegen, Wasserwerfer fahren auf. Um kurz vor 21 Uhr fährt eins der tonnenschweren Gefährte auf eine Personengruppe zu, der Wasserstrahl trifft Günter Sare, der daraufhin zu Boden geht. Kurz danach überfährt der Wasserwerfer den 36-Jährigen und zermalmt seinen Körper.

Michael Wilk sagt heute, das Verhalten der Polizisten vor Ort sei „völlig ignorant“ gewesen. Weil niemand geleuchtet habe, habe man Sare vor die Scheinwerfer eines Pkw zerren müssen, um überhaupt Erste Hilfe leisten zu können. Kurze Zeit später trifft ein Notarzt ein, doch es ist schon zu spät: Günter Sare stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

Noch am selben Abend kommt es in Frankfurt zu schweren Straßenschlachten. Für viele Linke ist das, was passiert ist, schlicht ein Mord. Polizisten werden attackiert, Schaufenster eingeworfen, es entsteht Millionenschaden. Tagelang gibt es wütende Proteste, auch in anderen deutschen Städten. Frankfurts Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) verhängt sogar ein Demonstrationsverbot, um die Lage in der Stadt zu beruhigen. Zwischen Polizei und linker Szene bleibt die Stimmung über Jahre vergiftet.

Der Kommandeur und der Fahrer des Wasserwerfers werden schließlich 1987 vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Ihre Angaben, dass sie den Mann übersehen hätten, sind nicht zu widerlegen. Der Tod Sares prägt dennoch die linke und alternative Szene in Frankfurt – bis heute, 30 Jahre danach.

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