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Ein Ziel der Initiative: Die Getöteten aus Hanau sollen nicht vergessen werden.

Die FR spendet

Erinnern und aufklären

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Die Initiative 19. Februar Hanau kämpft für die Opfer des Terroranschlags.

Ein Platz, an dem man sich treffen, aussprechen und auch „ausweinen“ kann. So hat Çetin Gültekin, dessen Bruder Gökhan während des rassistischen Anschlags in Hanau ermordet wurde, den „Laden“ der Initiative 19. Februar beschrieben. „Dieser Raum muss lange Zeit bleiben“, sagte Serpil Temiz, deren Sohn Ferhat ermordet wurde, vor der offiziellen Eröffnung. Sie sprach von einem Ort, „der Kraft gibt“ und an dem sie dafür kämpfen, dass ihre Lieben nicht vergessen und die Taten aufgeklärt werden.

Temiz, Gültekin und viele andere Angehörige der Opfer sowie Überlebende kommen weiterhin häufig in die 140 Quadratmeter große Anlaufstelle, die gegenüber vom ersten Tatort liegt, und bringen sich ein. Seit gut einem halben Jahr gibt es die Einrichtung in der Krämerstraße nun.

Hier wird unter anderem Beratung – auch beim oft schwierigen Umgang mit Behörden – angeboten und zu den Umständen des Terroranschlags recherchiert. Außerdem organisiert die Initiative Gedenk- und Protestveranstaltungen, Pressetermine, vernetzt sich mit anderen Organisationen.

Wie Sie helfen können

Die Initiative 19. Februar Hanau hat sich unmittelbar nach dem rechtsextremen Terroranschlag gebildet. Sie hat seit Mai eine Anlaufstelle in der Krämerstraße, in der Nähe des ersten Tatortes. Neben Angehörigen der Getöteten bringen sich hier zum Beispiel Unterstützer des Bündnisses „Solidarität statt Spaltung“ ein. „Wir fordern: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen!“, so lautet das Motto der Initiative.

Spendenkonto: Lückenlos e. V., IBAN: DE19430609674108589900, BIC: GENODEM1GLS, GLS Bank Bochum, Verwendungszweck „19Februar“.

www.19feb-hanau.org

Hagen Kopp, einer von etwa 20 Aktivist:innen, die sich regelmäßig in der Initiative engagieren, zieht eine positive Bilanz. „Am Anfang haben wir nur nach einem Treffpunkt gesucht und wussten nicht, wie sich alles entwickeln würde.“ Die Resonanz sei großartig. „Ein großer Teil der Familien ist weiterhin fast jeden Tag da. Wir haben einen sozialen Raum geschaffen, in dem man einen Tee trinken und sich austauschen kann.“ Der Raum habe wie eine Art Katalysator gewirkt: „Wie die Angehörigen öffentlich für Aufklärung und Erinnerung kämpfen, welche klaren Worte sie nach solchen schweren Traumata finden – das ist einzigartig.“ Wichtig sei auch, den Familien in Erinnerung zu rufen, „wie viel sie schon geleistet haben“.

Die geplante große Demo am 19. August wurde zwar abgesagt, dennoch, so Kopp, konnten durch die Online-Übertragung des Gedenkens am Freiheitsplatz sehr viele Menschen erreicht werden. Empörend sei, dass die Behörden den Familien nach wie vor viele Antworten zum Anschlag schuldig bleiben und bislang so gut wie keine Lehren aus den Versäumnissen gezogen worden seien. „Deshalb werden wir weiter Druck machen.“

Katharina setzt sich von Beginn an in der Initiative ein. Sie pflegt das E-Mail-Postfach, kümmert sich um Anfragen, macht die Buchhaltung. „Man findet immer etwas zu tun“, sagt die 28-Jährige. Und dazwischen bleibt Zeit für Gespräche mit Mitstreiter:innen oder ein Spiel mit den Kindern unter den Angehörigen. Nach dem Anschlag habe sie eine tiefe Traurigkeit und Angst, aber auch eine unglaubliche Wut gespürt, erinnert sich die Hanauerin. Deshalb wolle sie die Betroffenen unterstützen und dazu beitragen, dass Konsequenzen aus den Attentaten gezogen werden und „so etwas nie wieder passiert“. Diese Ziele treiben die Frau an.

Das Spektrum an Gefühlen in der Krämerstraße sei breit: Da sei die nach wie vor unfassbare Trauer. Aber auch Freude, zum Beispiel darüber, den Betroffenen ein Forum gegeben zu haben.

Die Miete für die Räume in der Innenstadt ist erst mal gesichert, auch dank einer erfolgreichen Sammelaktion auf der Plattform Betterplace.org. Finanzielle Unterstützung könne die Initiative jedoch nach wie vor gut gebrauchen, etwa für Öffentlichkeitsarbeit, auch in Form einer Dokumentation, vor allem aber gehe es um direkte Hilfe für die Angehörigen. Diese brauchen beispielsweise Geld für Anwälte, um die Aufklärung voranzutreiben. Zudem planen sie, einen eigenen Verein zu gründen. Und Serpil Temiz ist es ein besonderes Anliegen, Antirassismusarbeit an Schulen zu machen. „Das sind weitere eindrucksvolle Schritte in der Selbstorganisation“, sagt Hagen Kopp. „Wir werden die Familien dabei unterstützen.“

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