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Susanne Böhme-Kuby und Erich Kuby auf der Frankfurter Buchmesse 1990.

Erich Kuby

Dokument eines Sündenfalls

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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„Frankfurt liest ein Buch“ widmet sich in diesem Jahr Erich Kubys „Rosemarie“. Susanne Böhme-Kuby erklärt, warum ihr Gatte die Stadt nur schemenhaft beschreibt.

Das Thema um die ermordete Prostituierte Rosemarie Nitribitt brannte Erich Kuby wohl unter den Nägeln. Am 29. Oktober 1957 war die 24-Jährige in ihrer Wohnung in der Frankfurter Stiftstraße umgebracht worden. Nur gut zwei Wochen später notiert Kuby in seinem Notizbuch: „15.11. Geburt Rosemarie Film“. An jenem Abend hatte er den Filmproduzenten Ludwig Waldleitner in einer Hotelbar in Stuttgart davon überzeugt, dass Leben und Tod der Nitribitt einen guten Stoff für einen Spielfilm hergäben. Waldleitner beauftragte Kuby, ein Drehbuch zu schreiben. Bereits am 1. April 1958 war der Film fertig. Sein Buch schrieb Kuby im Sommer 1958 in einem Bauernhaus auf Elba.

Es ist ein Buch, dessen Handlung größtenteils in Frankfurt stattfindet, in dem die Stadt aber kaum eine Rolle spielt. Ganz anders als bei der zehnten Auflage von „Frankfurt liest ein Buch“, als das erwählte Werk „Westend“ von Martin Mosebach schon einen Stadtteil im Namen trägt und viele Anknüpfungspunkte bot, bleibt Frankfurt diesmal als Schauplatz fast außen vor. Denn Kuby ging es nicht darum, eine Kriminalgeschichte in den Straßen Frankfurts zu entwerfen. „Mein Buch beschreibt einen Skandal, in dem Rosemarie und ihr Beruf nur das dramatische Vehikel sind“, schreibt Kuby selbst in seinem Nachwort zur Neuauflage 1996. Kubys zweite Ehefrau Susanne, mit der er von 1979 bis zu seinem Tod 2005 liiert war, ergänzt: „Er sah den Fall als Symptom eines gesellschaftlichen Zustands und verdichtete dies zu einem Dokument des Sündenfalls der bundesrepublikanischen Restauration.“ Daher habe ihr Mann „die sozialpolitischen Bedingungen“ von Rosemaries Karriere bis zum Tod recherchiert, nicht aber die Gegebenheiten vor Ort.

So bleibt das Bild Frankfurts in jenem auf Elba niedergeschriebenen Buch unbestimmt. Kein einziger Straßenname wird erwähnt, nur die Stadtteile Dornbusch und „Sachsenhausen, eine bescheidene Gegend von Frankfurt, auf dem linken Mainufer gelegen“. Der „Frankfurter Hof“ wird im Buch zum „Palasthotel“, Nitribitts Wohnung in der Stiftstraße ist einfach „ein Appartement in der City“. Das damalige Café Kranzler an der Hauptwache wird einmal erwähnt, ansonsten bleibt Frankfurt mit seinen Bewohnern unbestimmt, es ist in der Julihitze von „öffentlichen Bädern“ die Rede oder: „Die Frankfurter waren auf dem Weg in die letzten Kinovorstellungen.“

Kuby wuchs im bayerischen Voralpenland auf, studierte in Erlangen und Hamburg und verbrachte die letzten 25 Jahre seines Lebens in Italien. Frankfurt besuchte er nur ab und an zur Buchmesse, wenn er wieder ein neues Buch herausgebracht hatte. Es verwundert daher nicht, wenn Susanne Böhme-Kuby sagt: „Er hatte meines Wissens kein besonderes Verhältnis zu Frankfurt.“ Grämen muss sich Frankfurt deswegen nicht, denn Böhme-Kuby ergänzt: „Er war überhaupt ziemlich unabhängig von Orten, selbst von denen, in denen er gelebt hat.“

In dem Buch geht es ohnehin nicht um einen Ort, sondern um eine Person. „Ich vermute, er hielt sich in gewisser Weise für den Erfinder des Mädchens Rosemarie, das ohne den Film wohl nur eine unter vielen letztlich unbekannten geblieben wäre und nicht dieses Symbol des sogenannten Wirtschaftswunders, dessen wir uns heute erinnern“, so Böhme-Kuby. Sie wünscht sich, dass die Aufmerksamkeit für Kubys „Rosemarie“ sich auch auf andere Bücher ihres Mannes erstrecken würde, wie etwa „Mein Krieg“, das Kuby selbst seiner Frau zufolge „für sein wichtigstes, die Zeit überdauerndes Buch hielt“. Dank „Frankfurt liest ein Buch“ wird auch „Rosemarie“ noch eine Zeitlang überdauern.

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