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Corona in Frankfurt: So arbeitet das Gesundheitsamt

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Von: Steven Micksch

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Silvia Morris kümmert sich im Frankfurter Gesundheitsamt um die Fallerfassung.
Silvia Morris kümmert sich im Frankfurter Gesundheitsamt um die Fallerfassung. © Steven Micksch

Steigende Corona-Zahlen und der immer noch nicht behobene Softwarefehler machen die Arbeit im Gesundheitsamt Frankfurt zur Belastung.

Frankfurt – Es ist ein vielstimmiges Gebrabbel in den vier Büroräumen des Frankfurter Gesundheitsamtes in der Töngesgasse. Die insgesamt zehn jungen Menschen sind mit Headsets ausgestattet, erzählen, hören zu und machen sich Notizen. Nach dem Auflegen ist für 30 Sekunden Ruhe, zumindest am jeweiligen Platz. Ist diese Zeit um, klingelt der Apparat wieder und die Hilfeleistung bei der Corona-Hotline geht von vorne los. Sylke Dobat ist Leiterin des Teams und sitzt in einem weiteren Büro. „Wir arbeiten hier sieben Tage die Woche, egal, ob Wochenende oder Feiertag“, sagt sie. 800 bis 900 Anrufe bewältigen sie jeden Tag. Die Zahl der Menschen, die anrufen, ist aber viel höher.

Eine Stunde zuvor sitzt Dobat mit den Vertreterinnen und Vertretern der anderen Abteilungen des Frankfurter Gesundheitsamtes in der Lagebesprechung. Dreimal pro Woche kommen die Männer und Frauen aktuell zusammen. Wer nicht im Gebäude ist, nimmt per Video teil. Prägendes Thema sind weiterhin die Probleme nach dem Update der RKI-Meldesoftware SurvNet. Die Performance bei der Falleingabe hat stark abgenommen. Wo früher drei Minuten reichten, brauchen die Mitarbeitenden nun zehn, weil das System langsam ist. „Motiviert die Leute weiterhin, aber bitte keinen Druck“, sagt Gesundheitsamtleiter Peter Tinnemann. Drei bis vier Tage sei man mit den Meldungen im Rückstand. 8600 Fälle waren Freitagmorgen nicht übermittelt.

Frankfurt: Welche Corona-Zahlen das Gesundheitsamt im Blick hat

Bei der Lagebesprechung gibt es eine Presseschau und eine Betrachtung des tagesaktuellen Infektionsgeschehens in der Welt, in Deutschland sowie in Hessen und Frankfurt. Die Lage in den Altenpflegeheimen wird spezifisch betrachtet, ein großes Ausbruchsgeschehen ist dort nicht zu beobachten. Dafür erwarte man, dass der Hospitalisierungsindex künftig steigt. Die Kapazitäten in den Frankfurter Krankenhäusern sind vorhanden.

Dann werden die Impfzahlen betrachtet. „Sie sind dramatisch eingebrochen“, sagt Tinnemann. Obwohl die Kapazitäten und auch die Impfdosen (Biontech 28 000, Moderna 18 000) vorhanden wären, wurden an der Messe in den zurückliegenden Tagen unter 1000 Menschen pro Tag geimpft. Warum so ein großer Prozentsatz an Menschen sich nicht impfen lasse, darüber könne man nur spekulieren. „Es braucht neue Ideen, um die Menschen zu erreichen“, sagt der Gesundheitsamtsleiter. Das Amt selbst könne nur das Impfangebot hochhalten, um dann bereit zu sein.

Sylke Dobat berichtet der Runde, dass eine Auswertung ergeben hat, dass es vor kurzem 10 000 tägliche Anrufversuche bei der Hotline gegeben habe. Ihrer Sitznachbarin entfleucht ein überraschtes „Oha!“.

Gesundheitsamt Frankfurt: Medizinische Fragen spielen bei Fragen kaum noch eine Rolle

Zurück in der Töngesgasse. Dobat erzählt, dass man sich einen Pool aus rund 70 Studierenden aufgebaut hat. 250 000 Anrufe habe man seit dem Beginn im Februar 2020 beantwortet. „Die Technik hatten wir schon, um auf Gefahrenlagen reagieren zu können“, sagt sie. Irgendwann wurde das Team in Frankfurt zur hessenweiten Corona-Hotline. Seitdem müssen die Mitarbeitenden auch Fragen aus Gießen oder Marburg beantworten und kommunale Unterschiede in den Regelungen beachten.

Anfangs hatten die Gespräche häufig einen medizinischen Inhalt, es sei um Ischgl gegangen, einen der ersten Corona-Hotspots zu Pandemiebeginn. Mittlerweile fragen die Menschen, ob ihr Status zur 2G-Plus-Regelung zählt, ob ihr Impfstatus noch gültig ist, oder sie wundern sich, dass ihre Verfügung vom Gesundheitsamt noch nicht angekommen ist.

Die Studentinnen Melissa Turhan (l.) und Rosali Bördner arbeiten bei der hessenweiten Corona-Hotline, die im Frankfurter Gesundheitsamt angesiedelt ist.
Die Studentinnen Melissa Turhan (l.) und Rosali Bördner arbeiten bei der hessenweiten Corona-Hotline, die im Frankfurter Gesundheitsamt angesiedelt ist. © Steven Micksch

Die Gefühle, die den Studierenden von den Anruferinnen und Anrufern entgegengebracht werden, seien sehr unterschiedlich. Viele seien dankbar, manche eher ungehalten. Gerade Anfang 2021, als in Deutschland verstärkt mit den Impfungen begonnen wurde, gab es viele Beschwerdeanrufe, warum man selbst denn nicht schon geimpft werden dürfte. „Es gab aber auch immer wieder Anrufer mit Existenzängsten“, erinnert sich Dobat.

Frankfurter Gesundheitsamt: IT-Probleme erschweren Bearbeitung von Corona-Fällen

Doch nicht nur bei der Hotline im Gesundheitsamt herrscht in diesen Tagen Hochbetrieb. Auch in der Fallbearbeitung gibt es sehr viel zu tun – selbst wenn man die Probleme nach dem Software-Update außen vor lassen würde.

Silvia Morris sitzt in ihrem Büro in der Breite Gasse und versucht, die zahlreichen Meldungen in ihrer digitalen Fallmappe abzuarbeiten. „Durch die IT-Probleme ist es zurzeit schrecklich“, sagt sie, während sie auf den Monitor vor sich schaut. Die langen Wartezeiten werfe das Team zurück. „Und es zerrt an der Geduld.“

Corona in Frankfurt: Gesundheitsamt kontaktiert nur noch Risikogruppen

Die Kontaktnachverfolgung habe man im Gesundheitsamt größtenteils aufgegeben. Nur noch Menschen mit bereits bekannten Vorerkrankungen und Menschen über 60 Jahren würden noch telefonisch kontaktiert. Im Optimalfall ist die Telefonnummer beim Fall direkt hinterlegt, um Zeit zu sparen. Zweimal wird versucht, bei jeder Person über 60 Jahre anzurufen. Danach werde ein Anschreiben verschickt. In der Regel seien die älteren Menschen aber gut erreichbar.

Morris hat aber bemerkt, dass viele bereits vor ihrem Anruf bestens informiert seien und schon die meisten Kontaktpersonen gewarnt hätten. Und seit Omikron vorherrsche, gebe es viel mehr mildere Verläufe. „Delta war heftiger.“ Da habe sie Fälle gehabt, wo sie jeden Tag anrufen musste, um nach dem Gesundheitszustand zu fragen.

Die Dokumentation der Fälle sei heute nur noch in abgespeckter Form möglich. Impfstatus, Hospitalisierung oder nicht - und eine kurze Beschreibung des Krankheitsbildes. Auch Gesundheitsamtleiter Tinnemann beklagt, dass man zu „Protokollanten der Pandemie“ geworden sei. Das sei unbefriedigend und sorge für ganz viel Frust.

Corona: Frankfurter Gesundheitsamtsleiter will Fokus auf alte Menschen und Ungeimpfte legen

Tinnemann wünscht sich, dass man von einer aktuellen Eindämmungs-Strategie zu einer Beschützer-Strategie komme. Er würde gern den Fokus auf alte Menschen sowie Ungeimpfte legen und dort verstärkt dranbleiben. Doch in der aktuellen Situation sei dies nicht möglich. Seine ganze Mannschaft stehe unter großem Druck und sei durchgehend mit der Fallbearbeitung beschäftigt.

Frankfurts Gesundheitsamtleiter Peter Tinnemann wünscht sich Verbesserungen.
Frankfurts Gesundheitsamtleiter Peter Tinnemann wünscht sich Verbesserungen. © Renate Hoyer

Die Probleme im SurvNet beeinflussen die tägliche Arbeit enorm. Schaffte Morris früher 30 Fälle, sind es heute maximal zehn. Und die Infektiologin ist ja nicht nur mit der Meldung der Corona-Fälle beschäftigt, sondern kümmert sich auch noch um andere meldepflichtige Krankheiten wie etwa Thyphus, die es auch weiterhin gibt.

Frankfurt: Gesundheitsamt will „Meldewesen neu denken“

Die Eingabe der Daten bei den Corona-Fällen dauere lange, das System hänge immer wieder, beschreibt Morris. Häufig habe sie eine Fehlermeldung, die nur weggehe, wenn sie sich komplett abmelde. „Jeder gibt alles, was er kann“, versichert sie. Aber es sei nervenaufreibend. Doch die Motivation sei weiterhin da.

Peter Tinnemann führen die Probleme mit der Software nur vor Augen, dass man sich in diesem Bereich Gedanken über die modernste Technik machen müsse. „Wir müssen das Meldewesen neu denken und von Meldeketten zu einem Meldenetz kommen“, sagt er. Alle relevanten Informationen müssten allen involvierten Personen immer zur Verfügung stehen. (Steven Micksch)

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