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Er macht dunkle Geschichte wieder lebendig

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Das Eintracht-Käppi hat Helmut Sonneberg immer dabei.
Das Eintracht-Käppi hat Helmut Sonneberg immer dabei. © Maik Reuß

HÖCHST Der KZ-Überlebende und NS-Zeitzeuge Helmut Sonneberg berührt das Publikum im Neuen Theater

Tief saß der Schock. Tagelang habe er geheult, berichtet Helmut Sonneberg über jenen Moment, da ihm eröffnet wurde, dass sich alles ganz anders verhält als es bis dahin den Anschein hatte. Den er Papa nenne, sei nicht sein leiblicher Vater, sondern sein Stiefvater. Sein richtiger Name laute Sonneberg. „Dann wurde mir gesagt, du bist gar nicht katholisch, sondern Jude“, erinnert sich einer der letzten Zeitzeugen an die Tage des Jahres 1938, die auf das Novemberpogrom folgten. „Von diesem Moment an hatte ich keine Freunde mehr.“ Sonneberg, am 4. Juni 1931 in Frankfurt geboren, zählte da sieben Jahre. Alt genug, sehr genau zu spüren, dass sich sein und seiner Familie Leben gravierend veränderte.

Beredt schildert der heute 91-Jährige vor gespannt lauschender Zuhörerschaft im Neuen Theater, wie es ihm als Kind jüdischer Eltern bis zum Kriegsende 1945 erging. Als sachkundiger Gesprächspartner sitzt Sascha Mahl an seiner Seite, selbst Historiker und Stadtführer in Frankfurt. Ausgrenzung, Diskriminierung, Todesangst, Deportation: Mit diesen vier Begriffen skizziert er die Situation der Verfolgten nach Erlass der „Nürnberger Rassegesetze“.

Obgleich katholisch getauft und Messdiener am Frankfurter Dom, wurde der vierjährige Helmut als „Volljude“ eingestuft, da seine Mutter jüdischen Glaubens war. „Meine Mutter ging mit mir am 10. November zum Börneplatz, wo die Synagoge in hellen Flammen stand. Sie weinte“, sagt Sonneberg. Die Feuerwehr ließ das 1881 im Stil der Neorenaissance errichtete Gebäude abbrennen und sorgte lediglich dafür, dass das Feuer nicht auf andere Gebäude übergriff. „Warum löschen die denn nicht?“, fragte er die fassungslose Mutter.

Klein und schmächtig wie er gewesen sei, hätten die Eltern entschieden, mit der Einschulung ein Jahr zu warten. Auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) wurde der Siebenjährige aus der Familie gerissen und in das jüdische Waisenhaus am Röderbergweg gesteckt. Dort erhielt er bis 1941 eine Art Grundschulunterricht. „Ein Rabbiner mit langem, weißem Bart unterrichtete uns in hebräischer Sprache, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte“, sagt Sonneberg über diese Jahre. „Die weiterführende Schulbildung fehlt mir bis heute.“ Die Schulkameraden blieben nur kurze Zeit und verschwanden dann. Auf der „Sonderschule“ geriet er mehrfach in Situationen, in denen sich „die natürliche Gemeinheit Auslauf verschaffte“ (Joachim Fest). „Da kamen gleichaltrige Jungs auf einen zu, schlugen, traten und bespuckten einen, und man durfte sich nicht wehren“, schildert Sonneberg bewegt.

Dem Vater, im Ersten Weltkrieg hochdekoriert, gelang es, den Sohn zurück in die Familie zu holen. Den Deportationsbefehl in das Ghetto Theresienstadt Mitte Februar 1945 konnte er freilich nicht verhindern. Dort hausten damals 55 000 Menschen auf engstem Raum. Ausgelegt war die Festung für rund 4000 Soldaten. „Super“ sei die Verpflegung gewesen, merkt der Zeitzeuge ironisch an. „Mit meinen knapp 14 Jahren wog ich gerade 27 Kilo.“ Ein bis auf das Skelett abgemagerter „lebender Toter“. Zurück kam er mit blauen Lippen und einem offenen Bein aufgrund der Mangelernährung.

Später spielte Sonneberg bei Eintracht Frankfurt Fußball. Aus dem Verein trat er aus, als 1955 der frühere SS-Mann Rudolf Gramlich Präsident wurde.

Heute könne er sagen: „Ich habe überlebt.“ Die Zeit habe ihn geprägt. Gleichwohl fühle er sich gut. „Ich bin ein zufriedener Mensch. Diese innere Zufriedenheit sorgt dafür, dass die Seele gesund bleibt.“

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