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„Er hat sie sofort ins Herz geschlossen“

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Svitlana Sements und Tochter Anastasiia freuen sich über die Unterstützung. Peter Jülich
Svitlana Sements und Tochter Anastasiia freuen sich über die Unterstützung. Peter Jülich © Peter Jülich

Ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen helfen ukrainischen Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern

Die dramatischen Erlebnisse des Krieges in ihrer Heimat, der Ukraine, und der Flucht nach Deutschland hat Maryna Zolotashko immer noch nicht richtig verarbeitet. Zumindest rollen ihr Tränen über die Wangen, wenn sie von den ersten Kriegstagen, den Bomben, Panzern, Toten und dem Gedränge bei der Flucht erzählt.

Die Frau aus Kiew ist mit ihren Zwillingssöhnen Volodymir und Dmitrii in einem Zug nach Polen und schließlich mit dem Bus nach Deutschland gekommen. Zunächst war sie mit weiteren Familien im Merkurhotel in Kelsterbach untergebracht, mittlerweile leben sie im Airport-Hotel in Kelsterbach in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Die meisten Familien haben ein Kind, das lebensverkürzend erkrankt ist.

Gebietsmäßig ist Kelsterbach für sie zuständig. Die Gemeinde hat aber den Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Löwenzahn in Frankfurt angefragt, ob er helfen könne. Und es hat geklappt. Koordinatorin Kerstin Lüttke und ihre Ehrenamtlichen betreuen momentan zwei Familien in Kelsterbach. Zwei weitere haben sich ebenfalls Hilfe gewünscht, die eventuell von den Ehrenamtlichen, die im Dezember ihre Ausbildung beenden, betreut werden können.

Zolotashkos achtjähriger Sohn Dmitrii leidet seit der Geburt am Möbius-Syndrom, hat Syndaktylie und Fehlstellungen der Rippen und Wirbelsäule. Normalerweise ist er auf einen Rollstuhl angewiesen, doch diesen konnten sie auf der Flucht nicht mitnehmen. Momentan nutzen sie einen Roller für längere Strecken oder der Junge muss unter großen Anstrengungen gehen.

Ein spezieller Rollstuhl ist bestellt, konnte aber nur durch Spenden finanziert werden. Das Procedere mit den Krankenkassen sei eine Qual, berichtet Lüttke.

Doch langsam gestaltet sich das Leben für die Familie in Deutschland. Die alleinerziehende Mutter macht einen Deutschkurs und will mit ihren Kindern auf alle Fälle hier bleiben. Beide Söhne besuchen seit kurzem die Schule, Dmitrii hat ein Zusage zur pädagogischen Förderung und auch ein spezielles Korsett soll bald seinen Alltag verbessern. Zwei Mal in der Woche kommt die Ehrenamtliche Manuela zur Familie und kümmert sich für ein paar Stunden um Dmitrii.

„Er hat sie sofort ins Herz geschlossen und lässt sie oft gar nicht gehen“, übersetzt eine Dolmetscherin Maryna Zolotashkos Worte. Die Mutter habe dann Zeit für sich, für Erledigungen oder für ihren anderen Sohn. „Es ist eine große Entlastung.“

Auch Svitlana Sements erhält Hilfe vom Hospizdienst für ihre 15-jährige Tochter Anastasiia. Diese ist an Epilepsie, Mikrozephalie und Skoliose erkrankt. Während des Gesprächs spielt ihre Mutter ihr Musik vom Handy vor. „Das beruhigt sie.“ Sie liebe besonders Céline Dions „My heart will go on“ und klassische Musik.

Als Svitlana ein ukrainisches Lied anmacht, lacht Anastasiia und wedelt aufgeregt mit den Armen. Das Mädchen ist sehr auf den Rollstuhl angewiesen, kann nichts sehen und hat weitere kognitive Einschränkungen. Die Musik scheint sie aber zu erreichen.

Auch die Ehrenamtliche Yvonne mit ihrem Hund dringt zu Anastasiia durch. Sie gehen spazieren, waren Eis essen und zum Geburtstag gab es einen Teddy, über den sich das Mädchen gefreut hat. „Es sind warme Treffen“, beschreibt es die Mutter. Sobald sie passende Hilfsmittel hat, soll auch Anastasiia eine Schule besuchen.

Svitlana Sements ist noch unentschlossen, ob sie in Deutschland bleiben will. Die alleinerziehende Mutter sagt: „Ich bleibe da, wo es uns beiden gut geht.“ Der Kreis Groß-Gerau ist für die beiden ein gutes Beispiel. Es gehe ihnen dort sehr gut, sie fühlten sich wohl und die Mutter genießt die Freiheit mit ihrem Kind.

In der Ukraine sei wenig barrierefrei. In Deutschland könne sie unbedenklich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, es gebe Fahrstühle . Und wo die Barrierefreiheit mal fehle, gebe es hilfsbereite Menschen, die von sich aus anbieten, den Rollstuhl an Treppen zu tragen.

„So viele hilfsbereite Menschen. Sie sehen einen und schauen nicht weg“, übersetzt die Dolmetscherin die Worte der Mutter .

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