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Etwas Hoffnungsblau hat auch das Nordend am Jahresende.

Zufallstreffer im Nordend

Entzaubertes Nordend

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Auch in einem der hippsten Frankfurter Stadtteile ist es an einem verregneten Wintertag nicht schöner als anderswo. Wir waren trotzdem dort ? wegen eines gelben Dartpfeils. Ein Blick auf das Nordend mit mehr Hoffnung denn mit journalistischer Distanz.

Bah, denke ich mir und stapfe missmutig vom Auto weg in Richtung Rothschildallee. Von wegen: „schickes Nordend“. Und: „Da ist doch bestimmt was los!“ Das hatten die Kollegen dem Fotografen und mir mit auf den Weg gegeben, nachdem ich am nachweihnachtlichen Freitagmorgen in der Redaktion den gelben Dartpfeil auf den Stadtplan geworfen hatte. Zuerst war ich auch froh über mein zufälliges Ziel, hatte ich doch zunächst die Befürchtung, einen Acker in Oberrad oder Nieder-Erlenbach zu treffen und dort stundenlang ausharren zu müssen, bis mal ein Jogger vorbeikommt.

Aber die anfängliche Begeisterung über die Ecke Rothschild- und Günthersburgallee verschwindet schon nach den ersten zwei Minuten am Zielort auf Nimmerwiedersehen. Kahle Bäume, noch kahlere Rasenstücke, auf denen ein paar Tauben nach Futter picken, und ein mehr als tristes Wohnhochhaus definieren den Ort, an dem die Reportage spielen soll. An Menschen lassen sich ein paar Jogger blicken – auch nicht besser als der Oberräder Acker. Der Fotograf fängt in seiner Verzweiflung an, Mülleimer zu fotografieren. Die Schönheit im Hässlichen beginnt sich zu unserem Motiv zu mausern.

Journalistische Neugier

Aber da – ein Kontrast schiebt sich ins Blickfeld. Eine feine Dame mit schwarzem Mantel und rotem Schal und ihre Hündin kommen den Gehweg entlang und setzen gegen das Einheitsgrau der Umgebung etwas Leuchtendes. Die Dame heißt Ami Seeber und sie wohnt schon seit 75 Jahren an der Günthersburgallee. Ihre Begleiterin, die 15-jährige Jule, trägt eine knallrote Hundedecke, die perfekt mit Frauchens Schal korrespondiert. Es scheint also zu stimmen, was man über die stilsicheren Nordend-Bewohner sagt. Als Frau Seeber dann noch erzählt, dass sie und ihr Mann vor vielen Jahren für die Frankfurter Rundschau gearbeitet haben, hebt das doch merklich meine Laune. Hier scheinen nette Menschen zu wohnen. Und auch der Blick schärft sich. Vielleicht ist das doch kein so schlechter Ort. Gegenüber dem grünen Hochhaus reihen sich historische Stadthäuser mit kleinen, liebevoll angelegten Vorgärten. Frischen Mutes nähern wir uns der Rothschildallee, im Vergleich zu den Bürgersteigen ist auf dem Asphalt ziemlich viel los.

Die Trinkhalle an einer Ecke der großen Straße weckt unsere journalistische Neugier, wahrscheinlich ein Hotspot in diesem Viertel. „Die Trinkhallenzeiten sind längst vorbei“, zerschlägt Kioskbesitzer Saith Zulfiqar die Hoffnung auf eine große Ansammlung netter, gut gekleideter Nordendler, die es hier doch zuhauf geben soll und bei Zulfiqar vielleicht frühmorgens ein paar Sixpacks abstauben.

Die einzigen, die an dem Wasserhäuschen vorbeikommen, sind ein offensichtlich Ortsfremder und eine noch Ahnungslosere, die eine Straße suchen und sich deswegen streiten. Keiner kann ihnen weiterhelfen und sie ziehen keifend weiter. Zulfiqar sitzt das stoisch aus. „Ich bin seit sechs Uhr hier und habe noch bis 23 Uhr geöffnet.“

Seit sechs Jahren betreibt er den kleinen Kiosk mit dem Schiebefenster, seit drei Jahren ist er sein einziger Mitarbeiter.

Dem Team geht ein Licht auf

Zwischenfazit: Auch Herr Zulfiqar ist nett, was die triste Umgebung und seine noch viel tristere Wirtschaftslage kurzzeitig vergessen lässt. Weiter, treibt der Fotograf an. Ein riesiger eiserner Zaun, ein paar Meter die Günthersburgallee hinunter in Richtung des gleichnamigen Parks, erregt unsere Aufmerksamkeit. Er ist – klar – grau. Die vielen Bäume in dieser Gegend ohne Laub ringsum und der nasse Sand auf dem umzäunten Spielplatz tragen auch nicht zur Erheiterung des FR-Teams bei. Gott sei Dank gibt es auch hier Menschen.

Claudia Peukert hat ihre drei Kinder Aurelia, Justus und Filippa in dicke Matschhosen und Gummistiefel gesteckt. Justus in seiner gelben Jacke schießt lachend einen roten Ball mit weißen Punkten über den nassen Sand. Na bitte: Lebensfreude – geht doch! „Im Sommer ist es hier total voll“, versucht Mutter Peukert eine Ehrenrettung des Nordends. „Dann sind hier immer so gefühlt hundert Kinder.“ Und da dämmert es auch dem gewieften FR-Team: Der abgängige Sommer ist der Grund für das lebensfeindliche Grau. Fast schon erleichtert treten wir den Rückzug zum Auto an.

Alle echt nett

Plötzlich ändert sich das Licht dieses trüben Tages. Ein Streifen blauer Himmel kündet von der ewigen, nicht ausrottbaren Hoffnung. Und dann fangen auch noch die Vögel an zu zwitschern. Hach, wie schön es hier doch ist, nein, wie schön es hier doch sein kann und erst sein wird, wenn die Sonne zurückkehrt, die Bäume und Sträucher wieder sprießen…

Wie ein verfrühter Bote des Frühlings kommt da Ingeborg Ullrich des Wegs. Die Postbotin hat eine lila Kunststoffblüte in ihre Haare gesteckt und lächelt freundlich. Ob sie ihren Job mag, will ich wissen. „Bei schlechtem Wetter nicht“, antwortet sie und lächelt nicht mehr, sie strahlt.

Fazit: Die Leute im Nordend sind echt nett. Da kann man wirklich den fahlen Winter ignorieren und auf bessere Zeiten hoffen.

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