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Video-Installation des albanischen Künstlers Adrian Paci im Historischen Museum Frankfurt.

Historisches Museum

Entschwindende Erinnerungen

Das Historische Museum zeigt eine neue Ausstellung rund um das Thema „Vergessen“.

Am Frankfurter Römer brummt es dumpf, dann plötzlich beginnt es, laut und hoch zu summen. In der Nähe der Straßenbahnlinie werden die Geräusche ohrenbetäubend laut. Der normale Passant bekommt davon nichts mit. Denn die Töne kommen aus Kopfhörern, die zu der Klanginstallation „Electric Walks“ der Künstlerin Christina Kubisch gehören. „Fragen auslösen“ wolle sie damit, sagt sie.

Die Installation ist der Teil der Ausstellung „Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“, die seit Mittwoch im Historischen Museum zu sehen ist. Die neue Ausstellung, setzt sich mit Themen wie Demenz, Traumata oder der Erinnerungskultur um den Holocaust auseinander. Für Museumsdirektor Jan Gerchow ist sie ein „Spiel von Vergessen und Erinnern“.

Auch die „Electric Walks“ von Christina Kubisch spielen mit dem Vergessen. Deren besondere Kopfhörer verstärken elektrische Ströme und machen diese hörbar. Wer diesen Geräuschen lauscht, vergisst, welche Klänge die Altstadt normalerweise produziert. Gerade auf diese zu achten, liegt der Künstlerin aber am Herzen: „Wir hören nicht bewusst“, sagt sie. Die Electric Walks rund um das Historische Museum sollen die Besucher darauf aufmerksam machen, wie wenig sie im Alltag ihrer Umgebung Gehör schenken.

Die Ausstellung im Inneren des Museums ist in acht inhaltliche Bereiche aufgeteilt. Gleich am Beginn, im Abschnitt „Das Vergessen erinnern“, erwartet den Besucher der Zettelkasten von Niklas Luhmann. Der berühmte Sozialwissenschaftler, der 1998 starb, sammelte seine Gedanken auf zehntausenden von Zetteln.

In den folgenden Räumen vermitteln große Vitrinen, Kunstwerke und Infotafeln Eindrücke und Wissen über das Thema Vergessen. Aufgelockert wird die Ausstellung mit interaktiven und multimedialen Elementen: So kann der Besucher an einem Touchscreen-Tisch spielerisch Werbeclips und Ähnliches aus den vergangenen Jahrzehnten zeitlich einordnen.

Thematisch ist die Ausstellung größtenteils keine leichte Kost: Die Themeninsel „Angst vor dem Vergessen“ befasst sich mit Demenz. In einer Vitrine liegen dort alte und neue Demenz-Medikamente in einem Meer aus rot-gelben Kapseln. Daneben sind Fotos zu sehen, die Demenzkranke von sich selbst gemacht haben. Auch das zwanghafte Vergessen wird beleuchtet. Dass viele Deutsche den Holocaust in den Nachkriegsjahren verdrängten und verleugneten, thematisiert die Ausstellung ebenfalls.

Aufgebrochen werden die thematisch anspruchsvollen Abschnitte immer wieder durch Kunstwerke: Die Arbeiten von 22 Künstlern und Künstlerinnen sind laut Kurator Kurt Wettengl eine„Ergänzung und Erweiterung der Ausstellung“.

Infos zur Ausstellung 

Die Ausstellung ist vom 7. März bis zum 14. Juli geöffnet. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 21 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet 10 Euro, 5 Euro ermäßigt. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm: Am 26. und 30. April, 14. Mai und 14. Juni zeigt das Schauspiel Frankfurt im Museum ein Jugendperformanceprojekt.

von Paul Siethoff

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