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Hilke Sauthof-Schäfer ist bei der Gewerkschaft Verdi für den Gesundheitsbereich zuständig.

Pflegeberuf

"Entlastung ist wichtiger als Geld"

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Verdi-Sekretärin Hilke Sauthof-Schäfer spricht mit der Frankfurter Rundschau über wehrhafte Pflegekräfte und die Situation auf den Stationen.

Der Bereich Gesundheit bei Verdi ist einer der wenigen, der im vergangenen Jahr einen Mitgliederzuwachs verbuchen konnte. Bezirkssekretärin Hilke Sauthof-Schäfer nennt die Gründe und erläutert, wie der Pflegeberuf attraktiver gemacht werden könnte. Das käme auch den Patienten zugute.

Frau Sauthof-Schäfer, woran liegt es, dass Verdi im Gesundheitsbereich, vor allem bei den Krankenhäusern, Boden gutmachen konnte?
Es gibt verschiedene Faktoren. Zum einen wächst das Gesundheitswesen an sich. Die Gewerkschaft ist in diesem Bereich nicht traditionell verwurzelt, inzwischen aber gibt es das Bewusstsein, dass Pflegekräfte und Beschäftigte aus allen Gesundheitsberufen abhängig Beschäftigte sind und sie sich für ihre Interessen einsetzen müssen, damit sich etwas bewegt.

Was hat zu diesem Bewusstseinswandel geführt?
Das sind vor allem die Arbeitsbelastung, die Arbeitsverdichtung und die Erfahrung, dass die eigenen Ansprüche, wie eine gute Pflege aussehen sollte, nicht mehr umgesetzt werden können.

Die Pflegekräfte sind wehrhafter geworden. Wann war in Frankfurt der letzte Streik?
Im letzten Jahr. Da waren wir an der Auseinandersetzung für den Tarifabschluss im öffentlichen Dienst beteiligt. Und zusätzlich sind wir für einen Entlastungstarifvertrag in der Pflege auf die Straße gegangen. Da waren vor allem die Kolleginnen und Kollegen aus Höchst sehr aktiv.

Was ist ein Entlastungstarifvertrag und wie weit sind die Verhandlungen gediehen?
Leider sind wir noch nicht so weit, wie wir das gern hätten. Es gibt noch ein paar Knackpunkte, zum Beispiel, wie viele ausgebildete Pflegekräfte sind für wie viele Patienten mit welchem Schweregrad zuständig.

Also geht es darum, einen Personalschlüssel einzuführen? So etwas gibt es ja bisher noch nicht.
Ja, es geht um den Personalschlüssel, aber auch darum zu klären, was passieren soll, wenn der nicht eingehalten werden kann. Diese Diskussion führen wir auch gerade im Klinikum Höchst.
 

Wurden in Höchst schon neue Stellen geschaffen?
Neue nicht, aber es konnten alle Stellen besetzt werden und alle Auszubildenden werden übernommen. Aber das reicht nicht. Wir haben eine Erhebung gemacht und festgestellt, dass wir im ersten Schritt mindestens so viele Pflegekräfte brauchen, wie wir vor der Einführung der Fallpauschalen hatten.
 
Das heißt, es wurde Pflegepersonal abgebaut?
Ja, es wurde überall Personal in den letzten Jahren abgebaut.

Werden Pflegekräfte noch immer in ihrer Freizeit, etwa am Wochenende, angerufen, um einzuspringen?
Das ist weiterhin tägliche Realität. Die Personaldecke ist so dünn, dass, wenn jemand krank wird, der Dienstplan oft zusammenkracht.

Und das lassen die Beschäftigten weiter mit sich machen?
Immer weniger. Gerade auch die jungen Kolleginnen und Kollegen sagen, wir haben ein Anrecht auf unsere 38,5 Stunden und ein Anrecht auf unser „Frei“, damit wir uns erholen können und wieder arbeitsfähig sind. Wir arbeiten sowieso schon im Schichtdienst: früh, spät, nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Das ist Belastung genug.
 
Bei einem Streik in Höchst hat Verdi Krankenschwestern, die sich beteiligen wollten, zurück auf die Station geschickt.
Das wird auch immer wieder passieren – weil wir eine Notdienstbesetzung sicherstellen wollen. Üblich ist, dass wir unsere Aktionen so frühzeitig ankündigen, dass Stationen und Betten geschlossen werden können.

Wie könnte der Pflegeberuf attraktiver werden?
Ein schönes Beispiel ist die 35-Stunden-Woche, die die Rotkreuz-Krankenhäuser jetzt eingeführt haben. Der Agaplesion-Konzern bietet an, 500 Euro mehr zu zahlen. Schön für den Einzelnen. Das ist kurzfristiger Kannibalismus ohne verlässliche Nachhaltigkeit untereinander. Das kann nicht das Ziel sein und widerspricht meiner gewerkschaftlichen Grundposition.

Sie plädieren für einheitliche Regelungen?
Ja, eine bundesweite. Es muss für alle eine wirkliche Entlastung geben und das bedeutet eben auch, dass ich nicht mehr aus dem „Frei“ geholt werde und einen verlässlichen Dienstplan habe

Wie sieht es denn mit einer besseren Bezahlung für Pflegekräfte aus?
Auch wichtig, wird aber im Moment von den Kolleginnen und Kollegen erst an zweiter Stelle genannt. Die geforderte Entlastung rangiert deutlich auf Platz eins; dazu gehört auch die Arbeitszeitverkürzung für alle Berufsgruppen.

Interview: Friederike Tinnappel

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