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English Theatre Frankfurt: Der Chef bleibt optimistisch

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Von: Andreas Hartmann

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Daniel Nicolai ist seit 2001 Chef des English Theater in Frankfurt.
Daniel Nicolai ist seit 2001 Chef des English Theater in Frankfurt. © Christoph Boeckheler

Vor dem English Theatre Frankfurt liegen entscheidende Wochen – Intendant Daniel Nicolai muss sich große Sorgen machen, ob der Mietvertrag verlängert wird / Von Andreas Hartmann

Für Daniel Nicolai, Leiter des English Theatre in Frankfurt, gäbe es ja eigentlich einigen Anlass, sich zu freuen. Das größte englischsprachige Theater auf dem europäischen Festland hat die Corona-Krise mit ihren Vorstellungsausfällen und Spielverboten weit besser gemeistert als viele vergleichbare Einrichtungen im englischsprachigen Ausland. Inzwischen ist das Publikum zurückgekehrt, das Haus im Untergeschoss des Bankenturms „Gallileo“ wieder voll. Und doch wird wohl kein anderer Chef einer Kulturinstitution im Rhein-Main-Gebiet so gespannt (und nervös) wie der 59-Jährige auf das neue Jahr schauen – und was es bringen wird.

Über einen Erfolg wie das aktuell laufende Musical Sister Act, das begeisterte Kritiken bekam und bestens besucht wird, könnte man jubeln – wäre da nicht die fatale Lage, dass das Theater, mit dem das Land Hessen und die Stadt Frankfurt international Werbung für den Wirtschaftsstandort machen, akut von einer Schließung bedroht ist. Das liegt nicht an Nicolai, sondern einzig an den äußeren Umständen.

Nach dem Verkauf des Gebäudes an den in Singapur sitzenden Immobilientrust Capitaland im Jahr 2018 läuft demnächst der Untermietvertrag mit der Commerzbank aus, eine letzte Verlängerung endet nach aktuellem Stand Mitte April, also in nur noch gut drei Monaten.

Nicolai, gebürtiger Frankfurter, in Eschborn aufgewachsen, Intendant seit mehr als 20 Jahren, ist ein optimistischer Mensch, und er hat sein Theater schon durch einige Krisen geführt. Nach den Terroranschlägen im September 2001 kamen kaum noch US-Bürger:innen, das Haus schlitterte kurz nach seinem Amtsantritt als Geschäftsführer im Dezember in die Insolvenz, Corona und der Brexit waren schwierig, immer mal wieder stiegen große Sponsoren ein oder aus, aktuell sind die Nebenkosten dramatisch gestiegen. „Bei mir ist das Glas aber immer eher halbvoll“, sagt der begnadete Netzwerker. Intendant des English Theatre, das sei anfangs gar nicht sein Traumjob gewesen. „Ich wusste damals, dass das Haus extrem unter Druck ist. Es hat dann zweieinhalb Jahre gedauert, bis der Karren wieder flott war“, berichtet er.

Das English Theatre Frankfurt - ein Überblick

Gegründet 1979 von vier theaterbegeisterten englischen Muttersprachlern, spielte das „Café Theater“ in den ersten Jahren in einem Hinterhof in Frankfurt-Sachsenhausen und zog dann unter der Leitung der US-Amerikanerin Judith Rosenbauer in die Hamburger Allee. 1990 vermittelte die Stadt Frankfurt neue Räume in der Kaiserstraße.

T rotz großer Erfolge schlitterte das Haus im Dezember 2001 in die Insolvenz. Eine sehr schwierige Zeit sei das gewesen, erinnert sich der damals ganz neue Intendant Daniel Nicolai heute. „Für die Besucher ist nur etwa eine Woche das Programm ausgefallen“, sagt er. „Hinter den Kulissen musste ich die Schauspieler davon überzeugen, dass sie ihr Geld bekommen werden, und wir hatten ständig Treffen mit dem Insolvenzverwalter und mit den Banken.“

Der Umzug in den Büroturm Gallileo , der damals der Dresdner Bank gehörte, bot 2003 die Chance auf einen Neuanfang. Die Commerzbank als Nachfolgerin der Dresdner übernahm das Sponsoring, hat aber den Untermietvertrag mit dem Theater nun zu Mitte April 2023 endgültig gekündigt. Seither laufen Verhandlungen zwischen dem neuen Eigentümer Capitaland aus Singapur und dem Theater. Im Internet werden Unterschriften gesammelt, die Petition kann man unter english-theatre.de/etf-campaign/ unterstützen.

Aktuell läuft das Musical „Sister Act“ in englischer Sprache voraussichtlich bis Anfang April, danach soll das satirische Stück „Manor“ von Moira Buffini hier am 14. April Premiere in der EU feiern, die romantische Komödie „Now and then“ am 16. Juni sogar Europa-Premiere. Auch für die Zeit nach der Sommerpause gibt es bereits konkrete Pläne, unter anderem eine Uraufführung. Karten gibt es beim English Theatre Frankfurt, www.english-theatre.de, Tel. 069/24 23 16 20. aph

Englischer Muttersprachler ist er nicht, doch hat er durch seine Eltern, die stets ein gastfreundliches Haus mit internationalen Besucher:innen hatten, schon als Kind und Jugendlicher sehr viel üben können. Seine 13-jährige Tochter lebt bei ihrer lesbischen Mutter in Rheinland-Pfalz, Ehepartner Jaap hat einen erwachsenen Sohn in Holland. Die Nicolai’sche Regenbogenfamilie war schon Thema großer Reportagen.

Der Freundeskreis ist bunt und vielfältig wie das Theater, in dem zu normalen Zeiten rund 20 Menschen aus vielen Ländern arbeiten – gibt es große Shows wie aktuell Sister Act, dann können es auch mal bis zu hundert Schauspielerinnen, Musiker, Barkeeperinnen oder Beleuchter sein, die sich hier tummeln. Das Publikum steht zu seinem Theater, bereits mehr als 16 000 Menschen fordern in einer Onlinepetition den Weiterbestand. Doch die Sache mit dem Mietvertrag, die schon lange andauernde Suche nach einem möglichen alternativen Standort, die bringt, trotz vieler Solidaritätsgrüße der Frankfurter Politik, allmählich auch den routinierten Intendanten aus der Fassung. „Langsam ist die Luft raus“, sagt er und seufzt.

Nun ist es nicht so, dass Nicolai nicht schon lange bei jeder sich bietenden Gelegenheit Politik und Öffentlichkeit auf diese sich immer mehr zuspitzende Situation hingewiesen hätte, immer verzweifelter nach Alternativen für das immerhin 300 Plätze bietende Theater gesucht und mit dem Eigentümer verhandelt hätte, doch eine Lösung scheint immer noch nicht in Sicht. „Einen Plan B gibt es nicht – das wäre ja auch total verrückt, das ist hier eine wunderbar eingeführte Spielstätte. Über eine Schließung will ich gar nicht nachdenken!“

Und ja, er bleibe weiterhin optimistisch, sagt er. Immerhin hat eine internationale Anwaltskanzlei nun pro bono die Verhandlungen mit dem neuen Eigentümer übernommen. Denn es gibt für die Immobilie seit 1999 eigentlich einen Vertrag mit der Stadt, der eine öffentliche Nutzung des Untergeschosses vorschreibt. Ein idealerer Nutzer als das English Theatre mit seinem internationalen Flair ist da nur schwer vorstellbar.

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