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Lea Gärtner hilft und unterstützt Menschen, die Opfer wurden. Peter Jülich
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Lea Gärtner hilft und unterstützt Menschen, die Opfer wurden. Peter Julich

PORTRÄT DER WOCHE

Engagiert in der Opferhilfe

  • Helen Schindler
    VonHelen Schindler
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Lea Gärtner hat es beim Weißen Ring oft mit häuslicher Gewalt zu tun.

Seit sechs Jahren engagiert sich Lea Gärtner bei der Hilfsorganisation Weißer Ring in Frankfurt. Damals war sie in den letzten Zügen ihres Bachelorstudiums in Politikwissenschaft, heute ist die 29-Jährige Doktorandin an der Uni Mannheim. Während ihres Studiums hat Gärtner in einer Anwaltskanzlei gearbeitet – und da mitbekommen, wie schwierig es für Opfer ist, an Informationen zu kommen. „Während Täter einen Anwalt und psychosoziale Betreuung gestellt bekommen, müssen sich die Betroffenen um alles selbst kümmern“, sagt sie. Gärtner fand das falsch, denn: Niemand bereite sich darauf vor, Opfer einer Straftat zu werden. „Kommt man in diese Situation, ist man oft psychisch oft überfordert. In dieser verwirrenden und überwältigenden Situation möchte ich unterstützen.“

Und genau das tut der Weiße Ring: Die Hilfsorganisation berät und unterstützt Opfer von Kriminalität und Gewalt bei einer großen Bandbreite an Themen: „Wir betreuen alles vom geklauten Portemonnaie bis hin zum Mord“, sagt Gärtner. Häufig ginge es um häusliche Gewalt, Körperverletzung, Stalking und sexuelle Übergriffe. „In erster Linie reden wir mit den Leuten. In vielen Fällen reicht es schon, wenn jemand zuhört und sie ernst nimmt.“ Auch geben Gärtner und ihre Kolleg:innen Verhaltenstipps und vermitteln an entsprechende Stellen weiter. Und sie geben Hilfeschecks aus für eine anwaltliche oder psychotraumatologische Beratung.

Der Weiße Ring, der sich hauptsächlich über Spendengelder finanziert, agiert bundesweit und ist unterteilt in 18 Landesverbände mit 400 Außenstellen. Insgesamt engagieren sich rund 2900 Ehrenamtliche. In der Außenstelle Frankfurt West-Ost, in der Lea Gärtner arbeitet, bearbeiten 18 Ehrenamtliche zwischen 250 und 300 Fälle jährlich. Gärtner ist neben ihrer Tätigkeit in der Außenstelle seit zwei Jahren auch als Jugendbeauftragte in Hessen tätig. „Da kümmern wir uns hauptsächlich um Präventionsthemen für junge Leute, wie Mobbing in Schulen“, sagt sie. Insgesamt wendet die junge Frau ein bis zwei Stunden pro Woche für das Ehrenamt auf.

„Zu Beginn“, erinnert sich Gärtner, „war ich schon manchmal überfordert.“ Obwohl man als Neuling natürlich nicht einfach ins kalte Wasser geschmissen werde, sondern Seminare und Trainings belege und einige Fälle begleite, bevor man selbst die ersten übernehme. Wenn es möglich ist, werden Fälle generell von zwei Helfer:innen übernommen. Damit die teils schwierigen Fälle verarbeitet werden können, trifft sich das Team einmal im Monat und auf Wunsch gibt es Supervisionen. „Es gibt schon Fälle, an denen man zu knabbern hat“, sagt Gärtner. Sie selbst habe gemerkt, dass sie mit sexuellem Missbrauch an Kindern nicht gut umgehen könne; inzwischen übernimmt sie diese Fälle nicht mehr. „Das ist auch okay, niemand zwingt einen.“

Serie

Die Frankfurter Rundschau widmet sich in einer Serie dem Thema häuslicher Gewalt. Die Texte erscheinen in loser Folge im Regionalteil. In der nächsten Folge geht es um Femizide, also die Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts. Alle Folgen unter: fr.de/gewalt

Die Recherchen sind Teil einer Kooperation mit „Buzz Feed News“, das wie die FR zur Ippen-Gruppe gehört, und „ Correctiv.Lokal“, Teil des Recherchezentrums Correctiv. Es sammelt Texte weiterer Medien: correctiv.org/haeusliche-gewalt.

In 16 Prozent aller Fälle, die an den Weißen Ring herangetragen werden, handelt es sich um häusliche Gewalt. Mit einer betroffenen Person vereinbaren Gärtner und ihre Kolleg:innen zunächst ein persönliches Treffen. „Dann hören wir uns an, was passiert ist, und erörtern, ob beispielsweise eine Wegweisung eine Möglichkeit ist.“ Der Weiße Ring ist lokal vernetzt, unter anderem mit Schutzhäusern, Traumaambulanzen und Beratungsstellen. „Wir können den Opfern die richtigen Adressen vermitteln und helfen, wenn sie sich der Gewaltsituation entziehen wollen.“

Auch während Corona bietet der Weiße Ring grundsätzlich alle Unterstützungsangebote an. Mehr Fälle von häuslicher Gewalt konnte Gärtner während der Pandemie nicht ausmachen, sie befürchtet aber, dass die Fälle nach dem Lockdown zunehmen werden. „Wir werden erst kontaktiert, wenn wieder Freiraum da ist und nicht in der aktuellen Gefährdungssituation.“ Zu beobachten sei dieses Phänomen nach Feiertagen. Da gebe es wellenartig mehr Anrufe.

Generell melden sich mehr Frauen als Männer beim Weißen Ring, bei Fällen von häuslicher Gewalt sind 96 Prozent Frauen. Gärtner erklärt das aber auch damit, dass Männer eher zögern würden, sich persönlich beraten zu lassen. Denn: „Bei der anonymen Telefonberatung melden sich mehr Männer“, sagt sie. Sie vermutet, dass das mit dem gesellschaftlichen Rollenbild von Männern zu tun habe. „Männer haben eher ein Problem, Schwäche zu zeigen. Die Gesellschaft sieht eher Frauen in der Opferrolle.“

Eine ihrer Kolleginnen, erzählt Gärtner, habe mal einen Fall gehabt, bei dem die häusliche Gewalt mit zwölf Messerstichen geendet habe. Glücklicherweise seien das die Extremfälle. Aber auch andere Fälle, wie sexuelle Gewalt, könnten belastend sein. „Es gibt Momente, wo ich die Betroffenen am liebsten direkt aus der Situation rauszerren würde“, so die 29-Jährige. „Aber das geht nicht, wir können niemanden zwingen.“ Als Helferin müsse sie eine professionelle Distanz wahren. „Aber insbesondere, wenn man Personen über einen längeren Zeitraum betreut, entwickelt man ein persönliches Interesse daran.“ Sich abzugrenzen sei da mitunter schwierig.

Eine Strafanzeige ist keine Voraussetzung, um Unterstützung zu bekommen. Entschließt sich das Opfer aber dafür, leisten die Ehrenamtlichen auch Zeugenbetreuung bei Gericht.

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