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Ausstellung zu Klimaheldinnen

"Höchste Zeit, uns Gedanken zu machen"

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Antje Grothus, eine der Klimaheldinnen aus der Frankfurter Care-Ausstellung, spricht im FR-Interview über ihre Motivation.

Frau Grothus, Sie arbeiten in der sogenannten Kohlekommission der Bundesregierung mit. Wie lief die jüngste Sitzung?
Da ist ja Vertraulichkeit vereinbart. Aber ich bin immer dafür angetreten, dass die Hoffnung zuletzt stirbt – natürlich arbeite ich voller Energie weiter für den Erhalt des Hambacher Waldes und auch für den Erhalt des Zuhauses von Menschen, die wegen des Kohleabbaus in Garzweiler noch zwangsumgesiedelt werden sollen. Und natürlich auch dafür, dass wir die Klimaziele erreichen und den Strukturwandel nachhaltig gestalten.

Ihr Haus in Kerpen-Buir steht am Rand des Kohleabbaus. Wenn der Rest des Hambacher Waldes wie geplant in diesem Herbst gerodet wird, müssten Sie an einer riesigen Grube wohnen? 
Wir sollen zur Grubenrandgemeinde degradiert werden. Unsere Immobilien dort sind durch die tagebaubedingte Verlegung der Autobahn 4 an den Ortsrand – quasi in unsere Vorgärten – 30 Prozent weniger wert, wir leiden schon jetzt unter dem herannahenden Tagebau. Dazu kommen die Emissionen aus dem Tagebau, gesundheitsschädigender Staub, Lärm, Lichtemissionen – abgesehen von den Erschütterungen.

Sie leben täglich mit der Bedrohung?
Wenn man da so einen hundert Meter hohen Bagger hat, der immer näher auf einen zubaggert, kann man sich vorstellen, hat das natürlich Auswirkungen. Unsere Lebensqualität nimmt immer weiter ab. Wir können wegen der Autobahn nicht bei offenem Fenster schlafen. Die Gärten sind an den meisten Tagen im Jahr kaum noch zu Erholungszwecken zu nutzen, weil es so unheimlich laut ist. Und dieser Restwald ist auch aus dem Grund für uns erhaltenswert, dass er uns vor diesem Tagebau schützt, der die Belastungen noch so ein bisschen fernhält.

Ein natürlicher Puffer.
Ganz genau. Und das ist alles sehr auf Kante genäht. Die Bagger sollen ja 2045 unmittelbar am Ortsrand stehen, bis zu den Verkehrstrassen der Autobahn, der Bundesbahn und der Züge, die Tag und Nacht die Kohle transportieren. Wir haben jetzt schon massive Bergschäden an den Immobilien, und das wird zunehmen. 

Sie sind eine der Klimaheldinnen, die die Ausstellung in Frankfurt zeigt – wie kommt es, dass Sie sich so stark engagieren?
Ich bin Naturwissenschaftlerin, und ich weiß natürlich um unsere Nahrungs- und Lebensgrundlagen. Vor unserer Haustür soll ja nicht nur der Wald durch RWE vernichtet werden, sondern auch sehr wertvolle Ackerflächen in den Bördelandschaften. Dabei werden Böden an Bedeutung gewinnen, für die Ernährungssouveränität in Deutschland. Gutachten belegen außerdem, dass wir massive Probleme bekommen werden mit der Wasserqualität und -quantität. Das ist etwas, das mich besorgt, aber das war jetzt nicht unbedingt der Grund dafür, dass ich aktiv geworden bin.

Was war es dann? 
Auslöser war die tagebaubedingte Verlegung der A4 – sie hat mich dazu gebracht, mit anderen Menschen die Bürgerinitiative Buirer für Buir zu gründen. Zum Erhalt unserer Lebensqualität, aber der Fokus hat sich schnell geweitet, als wir feststellten, dass RWE eben kein guter Nachbar ist und der Menschenschutz an allerletzter Stelle kommt. Deshalb sind wir aktiv geworden. Wenn man dann mitkriegt, wie die Kommunen verbandelt sind mit RWE und wie wenig im Interesse der einfachen Bürger gehandelt wird, wird man zunehmend RWE-kritisch. Wir haben unser Interesse auf andere Themen als die reine Betroffenheit vor Ort erweitert.

Ist das Ihr Naturell? Waren Sie schon als Jugendliche engagiert? 
Überhaupt nicht. Ich würde mich eher als Spätberufene bezeichnen. Aber ich hatte immer schon mein grünes Herz, meine grüne Seele – was man aber bitte nicht parteipolitisch verstehen soll –, Natur war für mich schon immer wichtig. Ich wollte als Jugendliche immer Bäuerin werden. Ich gehe gerne in die Natur, ich tanke da auf mit der Familie, wir wandern im Urlaub von einem Ort zum anderen. Ich glaube, dass wir in unserer hochtechnisierten, globalisierten Welt dringend einen Ausgleich brauchen. Den kann die Natur schaffen. Deswegen ist sie für mich ein sehr wichtiges und schützenswertes Gut. 

Wieso kommt der Klimaschutz nur so langsam zu Potte? 
Ich glaube, viele Menschen kommen aus ihrer Komfortzone nicht so richtig heraus. Man steht ja im Alltag vor vielen Herausforderungen, beruflich, die Dichte der Informationen, die auf einen einprasseln, familiäre Herausforderungen … die Sensibilität ist noch nicht so groß, wie sie sein müsste. Dabei hat die Heißzeit im Sommer gezeigt, die Klimakrise macht nicht vor Deutschland halt, sie verschärft sich. Es wird höchste Zeit, dass sich viele Menschen viel mehr Gedanken machen: über unsere Art zu leben, zu wirtschaften und zu konsumieren.

Wir haben auch in Frankfurt weiter Kohlekraftwerke in Betrieb, für Fernwärme und in Industrieparks. Was raten Sie uns? 
Es haben schon andere Städte ihr Geld aus Anteilen bei Energieversorgern herausgezogen, das ist ein Ansatz. Es gibt Versicherungen und Banken, die sagen: Das Risiko, in fossile Energie zu investieren, ist einfach viel zu groß. Der andere Ansatz ist, dass jeder Verbraucher selbst Energieproduzent werden kann, sei es mit einem Solarkraftwerk auf dem Dach oder über Mieterstrom. Man kann sich zu Genossenschaften zusammenschließen und die Stromerzeugung in die Hand nehmen.

Sie empfehlen eine Bürgerbewegung für die Energiewende? 
Wir Verbraucher alle zusammen sind eine Riesenmenge. Wir haben Macht, wenn wir unseren Stromanbieter wechseln, weg von den Konzernen, hin zu genossenschaftlichen Anbietern, wo man sich darauf verlassen kann, dass die wirklich nur grünen Strom haben und die Energiewende auch vorantreiben.

Was glauben Sie: Wann wird in Deutschland das letzte Stück Kohle verbrannt? 
Mein Wunsch wäre, wegen der Klimakrise und zum Schutz von Menschenleben und deren Heimat: schon gestern!

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