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Ende Februar soll Silvester im „Fecher“ sein

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Von: Thomas Stillbauer

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Wunsch der Besetzerinnen und Besetzer: „Fecher bleibt“.
Wunsch der Besetzerinnen und Besetzer: „Fecher bleibt“. © Michael Schick

Dann endet die Rodungssaison – solange will das Hüttendorf gegen den Riederwaldtunnel mindestens durchhalten.

Warum nicht das Ganze einmal aus der anderen Richtung denken? Warum nicht mal durchspielen, was wäre, wenn? Wenn es den Autobahngegnerinnen und -gegnern gelänge, die Rodung eines Abschnitts im Fechenheimer Wald zu verhindern, wenn der Riederwaldtunnel, seit Jahren umkämpftes Straßenbauprojekt im Frankfurter Osten, tatsächlich nicht gebaut würde?

Die Runde vermummter und halbvermummter Menschen unterm Zeltdach im Barrio, wie sie die kleine Siedlung aus Hütten und Baumhäusern nennen, schaut ins Lagerfeuer und raucht. „Wenn wir gewinnen“, sagt schließlich einer von ihnen, Namen spielen keine Rolle, „wenn wir gewinnen, werden wir hier alles zurückbauen, aufräumen, und dann sollte dieser Wald sich selbst überlassen werden, nicht wirtschaftlich genutzt.“

Das wäre das Eine. Das Andere wäre: einen guten Ort schaffen, einen Erinnerungsort. Einen, der die Geschichte erzählt: „Auf einer Infotafel könnte stehen, was hier passiert ist, wie hier zusätzliche Klimaschäden verhindert werden konnten“, sinniert ein weiterer der – genderneutraler Plural – Aktivistis. „Ein Museum draußen sozusagen“, alle müssen ein wenig lächeln, soweit man das an ihren Augen sehen kann; ein Museum!, „aber eines, das den Menschen zeigt, wie Protest erfolgreich sein kann“. Als Perspektive, vielleicht als Vorbild, zumindest als Beispiel. Für eine klimafreundliche Zukunft. Für eine menschenfreundliche Zukunft.

Ein wenig wie im Regenwald

Gemütlich ist es nicht gerade im Barrio. Der Regen hat den Boden sockenrandtief aufgeweicht. Holzbohlen ermöglichen halbwegs das Vorankommen zwischen den improvisierten, über viele Monate seit Herbst 2021 gewachsenen Behausungen. Es ist ein wenig wie im Regenwald. Egal. Alle tragen wettersichere Stiefel. Als es noch kalt war, sei es einfacher gewesen, sich fortzubewegen, sagen sie, aber was für eine Rolle spielt das? Die geringste, sagen ihre Gesten.

Draußen im Bauwagen, dem Vorposten an der Borsigallee, hält „LindA“ die Stellung, explizit mit großem A am Ende, am liebsten noch mit einem Kreis ums A geschrieben. Am Freitag, als bekannt wurde, dass im Fechenheimer Wald vor Montag nicht geräumt, nicht gerodet wird, „haben wir abends am Feuer gesessen und gesungen“, sagt LindA, da sei erst mal Entspannung angesagt gewesen. Als also klar war, dass das Verwaltungsgericht nicht vor Montag entscheiden würde über einen Eilantrag gegen die Allgemeinverfügung zur Waldsperrung, da sei auf die Riesenanspannung erst einmal Erleichterung gefolgt.

Einst hat LindA nach eigenen Angaben die Grünen mitgegründet und ist 1986 schon wieder ausgetreten. „Ich habe den Braten gerochen. Und ich habe nichts bereut. Sie reden viel und tun nicht, was nötig ist.“ Das bleibe den Aktivistis vorbehalten. Und die gäben die Hoffnung nicht auf. „Wenn wir die Hoffnung nicht hätten, die Rodung zu verhindern, wären wir nicht hier“, sagt LindA, „dann würden wir es bleiben lassen.“

Hilfe aus Wiesbaden: Nähnadeln

Von der U-Bahnstation sind inzwischen vier junge Leute zum Bauwagen gekommen. „Wir haben auf Insta gesehen, dass ihr noch Nähnadeln braucht“, sagt einer von ihnen und überreicht ein Päckchen. „Braucht ihr sonst noch etwas? Wir gehen zum Supermarkt.“ Die kleine Gruppe ist aus Wiesbaden angereist. Sie sollten drinnen im Barrio fragen, sagt LindA und freut sich. Die Solidarität hat wieder einen ihrer Momente. Der Straßenverkehr rauscht vorbei. Die Unterstützerschar zieht weiter in den Wald.

Drinnen, unterm Zeltdach, diskutieren die Waldbesetzerinnen und -besetzer gerade über Tunnelbauten, wie sie im Kohlekonfliktgebiet Lützerath die Räumung vorübergehend aufhielten. Man brauche Spezialisten für so etwas, das sei klar. In Großbritannien gebe es welche. Aber die könne man nicht fragen – Großbritannien sei aus der EU ausgetreten. Alle lachen.

Viel los beim Waldspaziergang am Sonntag

Die Tunneldiskussion ist nicht ganz ernst gemeint, aber Pläne schmieden, das ist ein Gebot der Stunde. Die Verzögerung bei den Gerichten – am Verwaltungsgerichtshof in Kassel ist ein weiterer Eilantrag gegen die Rodung anhängig – hat dafür Zeit geschenkt. Auch für einen weiteren Waldspaziergang am Sonntagnachmittag, an dem sich trotz des Regenwetters wieder viele naturverbundene Menschen beteiligen. Andererseits koste es auch Nerven, sich neu auf einen kommenden Räumungstermin vorzubereiten und am Tag X bereit zu sein – an jenem Tag X, für den die Initiativen „Fecher bleibt“, „Ende Gelände“ und „Wald statt Asphalt“ zur massenhaften Unterstützung im Wald aufrufen.

Solidarität mit Lützerath

Täglich kämen sechs, sieben Medienleute in den Wald, sagen die Aktivistis. Einer stellte sich vorige Woche vor eine Gruppe, die ein Transparent gegen die Rodung hielt, und sagte live in die Fernsehkamera, dass die Riederwälder Bevölkerung sich verständlicherweise den Tunnel wünsche. „Das war richtig krass“, sagt einer am Lagerfeuer, es habe hinterher einige Diskussionen gegeben. In den Tagesthemen hieß es am Freitag, in Lützerath würden „Klimaaktivisten noch Probleme machen“. Kopfschütteln im „Fecher“. Und große Solidarität mit den Verbündeten in NRW und überall, wo Klimaschützer:innen gegen Großprojekte kämpfen.

Am Feuer sitzen, reden, Kaffee trinken, Pläne aushecken. Die Leute im Wald haben etwas Wertvolles, auch wenn es gar nicht so scheint: Zeit. Und Gemeinschaft. Bei allem Druck von außen strahlen sie eine ansteckende Ruhe aus. „Der Ort hier war von Anfang an gut, weil: Eigentlich war alles entschieden“, sagt einer. Es sei kaum zu erwarten gewesen, dass sich der Protest so lang behauptet. „Die Entscheidungsträger dachten, sie könnten das aussitzen, nach dem Motto: Vielleicht gibt sich das von allein.“ Es gab sich nicht. Im Gegenteil, der Widerstand wuchs.

Die kleine Gruppe aus Wiesbaden hat sich im Wald umgesehen und fragt jetzt unterm Zeltdach an, ob es was sein dürfe aus dem Supermarkt. Antwort: eigentlich nicht, genug da, aber Wasser holen wäre toll, mit Kanistern und Einkaufswagen – an der Tankstelle. Die hätten aber das Wasser abgestellt, sagt einer, entweder wegen der Kälte („Welche Kälte?“) oder weil sie nicht wollten, dass Aktivistis da zapfen.

Nicht alle Fragen lassen sich am Wochenende beantworten, aber eine schon. Der 28. Februar sei das Nahziel, solange wollen sie mindestens durchhalten, dann endet die Rodungssaison. „Dann feiern wir Silvester“, sagt LindA, „aber ohne Raketen.“

Blumengruß am Weg.
Blumengruß am Weg. © Michael Schick

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