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Im richtigen Licht wirkt der Griesheimer Industriepark fast schon romantisch.

Griesheim

Das Ende der Chemie in Griesheim

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Die letzten Betriebe haben ihre Anlagen aufgegeben. Sie sollen wenigstens aufräumen, fordert der Ortsbeirat, der sich für die Zukunft auch andere Industrie am Standort wünscht.

Der Industriepark steht am Scheideweg. Mit der Carbon AG und der Firma Weylchem haben die letzten Chemiebetriebe am Standort die Produktion eingestellt. Jetzt hat der Ortsbeirat 6 mehrheitlich gefordert, in Zukunft keine Chemie mehr auf dem Areal anzusiedeln und dass Gefahrgutlager der Infraserv nach Höchst umzuziehen.

Es ist ein Paket an Anträgen, die die Grünen mit der SPD einreichen. Weitestgehend einig ist sich das Gremium darin, dass die scheidenden Unternehmen ihre Anlagen auf und wegräumen sollen – und so Platz machen für Nachfolger. Die stillgelegten Anlagen „verrotten vor sich hin“, wie Thomas Schlimme sagt, Fraktionssprecher der Grünen. Diesen Anträgen mochte sich nur die CDU nicht anschließen.

Es ist eine symbolische Ablehnung. Die CDU will nichts unternehmen, was die chemische Industrie behindern könnte. „Griesheim ist seit 175 Jahren Chemiestandort“, sagt Fraktionssprecher Markus Wagner. Da dürfe man nicht wegen einer kurzzeitigen „konjukturellen Schwäche“ den Standort einfach schließen. „Diese Produkte sind für unser Land von Bedeutung“, sagt Wagner, der nicht „von Importen abhängig“ sein möchte.

Auch die Linke tut sich schwer damit, den Chemiestandort aufzugeben. Ist der erst einmal zu, kann man ihn nicht mehr ohne weiteres eröffnen. Das verhindere Seveso. Besagte Seveso-Verordnung entstand als Reaktion auf einen schweren Chemieunfall im italienischen Seveso. Seither müssen, vereinfacht gesprochen, Chemie und Wohnen Abstand halten. Was nur für Neubauprojekte gilt, da sich alte Chemieanlagen oder Wohnviertel schlecht umziehen lassen.

Seveso hat manche städtebauliche Entwicklung behindert, etwa dass das neue Gymnasium in Nied entstehen konnte. Sollte nun aber kein potenzieller Störfallbetrieb im Griesheimer Industriepark sein, gäbe es neue Möglichkeiten. Was im Umkehrschluss bedeutet: Rücken Wohnen und Schulen wieder näher ans Industriegebiet, darf da keine neuer Chemiebetrieb hin.

Abraum bleibt erhalten

„Der Park ist über Jahrzehnte als Chemiestandort gestorben“, ärgert sich Doris Michel-Himstedt (SPD). Das sei keine konjunkturelle Schwäche mehr. „Wir wollen das Areal als Industrie- und Gewerbepark erhalten, aber mit zukunftsfähiger Industrie.“ Sie erinnert an die Abraumhalde „Griesheimer Alpen“, die auf Ewigkeiten nachversorgt werden müsse, und ans Grundwasser, das für viel Geld abgepumpt werde.

Tradition sei gut und schön, sagt auch Thomas Schlimme. „Aber der Chemiestandort Griesheim existiert nicht mehr.“ Neue Betriebe werden sich nicht ansiedeln, sagt er. Die Chemie setze auf Vernetzung, zu beobachten im Höchster Industriepark. Dort teilen sich die Unternehmen die Kosten für Werksfeuerwehr und Abwasser. Profitieren auch von anderen Synergien. „In Höchst sind Flächen frei, warum sollte ein Betrieb in die Pampa ziehen, nach Griesheim?“

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