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Emre Telyakar: Immer im Gespräch bleiben

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Von: Georg Leppert

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Emre Telyakar sitzt seit knapp einem Jahr im Stadtparlament.
Emre Telyakar sitzt seit knapp einem Jahr im Stadtparlament. © christoph boeckheler*

Der Stadtverordnete Emre Telyakar zählt zu den einflussreichen „neuen Grünen“ in Frankfurt. Seine aktuelle Mission: Yusuf Yerkel als Handelsattaché verhindern.

Emre Telyakar möchte den Dialog fördern. Das sagt der Frankfurter Stadtverordnete der Grünen häufig und bei ganz unterschiedlichen Themen.

Wenn es etwa um die türkische Community in Frankfurt geht. Die Anhängerinnen und Anhänger von Recep Tayyip Erdogan und die Gruppe, die den türkischen Staatspräsidenten ablehnt, müssten im Dialog bleiben, findet Telyakar. Sonst komme es irgendwann wieder zu gewalttätigen Demonstrationen und Zusammenstößen am Hauptbahnhof, „wo die Leute dann mit Latten von Bauzäunen aufeinander losgehen“. Nur, und das sagt Telyakar aus aktuellem Anlass: Man müsse eben auch klare Grenzen aufzeigen, „wenn das Miteinander erheblich gestört wird“.

Manche Menschen sind dem Dialog absolut nicht förderlich, findet Telyakar. Yusuf Yerkel zum Beispiel, der Handelsattaché im türkischen Generalkonsulat werden soll. Das Bild, wie der regierungstreue Yerkel nach dem Grubenunglück in Soma einen protestierenden Bergmann tritt, ging um die Welt. Und so einer soll Diplomat in Frankfurt werden?

Telyakar hält das für gar keine gute Idee. Er sieht in der Personalie einen Affront gegen Oppositionelle, auch in Frankfurt. Mit Yerkel, so befürchtet er, würden Konflikte in die türkische Gemeinde hineingetragen. Auch deshalb hat der 27-jährige Stadtverordnete bei einer Demonstration vor dem Generalkonsulat gesprochen. Ob sich die Berufung Yerkels noch verhindern lässt? Telyakar zuckt die Schultern.

Es gibt türkischstämmige Politiker:innen in Frankfurt, die deutlich mehr Verbindungen in die Türkei haben als Telyakar. Sein Türkisch sei schlecht, räumt der Stadtverordnete ein, aber alles andere wäre auch verwunderlich. Wann soll er auch Türkisch sprechen? Sein Vater ist Türke, doch die Eltern trennten sich, als Emre zehn Jahre alt war. Den Rest seiner Jugend verbrachte er bei seiner Mutter in Nied. In einem Umfeld, das er „migrantisch“ nennt. Kids mit marokkanischen, serbischen, kroatischen und eben türkischen Wurzeln trafen sich auf der Straße. Gesprochen wurde Deutsch. Was auch sonst?

Die Suche nach der Identität. Für Emre Telyakar spielt sie eine große Rolle. Die türkischen Wurzeln auf der einen Seite, die Sozialisation in Deutschland auf der anderen. Der politische Anspruch, das Politik-Studium auf der einen Seite, der Umgang mit den Jungs in Nied, von denen kaum einer an die Uni gegangen ist, auf der anderen.

Der Fall Yerkel

Gegen die Berufung Yusuf Yerkels zum Handelsattaché des türkischen Generalkonsulats in Frankfurt gibt es massiven Protest. Yerkel hatte als Berater der Regierung in Soma einen protestierenden Bergmann getreten. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat das Auswärtige Amt um eine Stellungnahme zum Fall gebeten. Eine Antwort steht noch aus. geo

Auch Telyakar lernte nach der Schule erst einmal ein Handwerk. Fünf Jahre arbeitete er als Elektriker an der Gepäckförderanlage des Flughafens. Eine ziemliche Maloche zu mäßigem Lohn. Zumindest wäre Telyakar gerne Meister geworden, doch gefördert wurden zunächst nur andere. Dann reichte es ihm. Telyakar kündigte, schrieb sich an der Goethe-Uni ein. Ein harter Schnitt.

Nach der Kommunalwahl 2021 zog Telyakar ins Stadtparlament ein. Wer damals mit wichtigen CDU-Leuten darüber sprach, warum sich die Grünen nach zehn Jahren schwarz-grüner Zusammenarbeit gegen eine Koalition mit den Christdemokraten entschieden hätten, der hörte häufig den Begriff der „neuen Grünen“. Telyakar ist so ein „neuer Grüner“: jung, migrantischer Hintergrund, links.

Einer wie Telyakar versteht überhaupt nicht, wieso seine Partei so lange Zeit mit der CDU verbrachte. Obwohl es doch bekannt sei, dass die CDU wirksamen Klimaschutz verhindere, dass sie die soziale Spaltung vorantreibe, dass sie sich eine starke Polizei wünsche, die nicht zu hinterfragen sei.

Seinen Erfolg hat er auch der Grünen Jugend zu verdanken

Er selbst wurde in den Jahren 2020 und 2021 achtmal von der Polizei kontrolliert. Ohne Anlass. Einmal habe er bei einem Drogentest, der negativ ausgefallen sei, am helllichten Tag auf der Kennedyallee in einen Becher pinkeln müssen. „Ein entwürdigendes Erlebnis“, sagt er. Natürlich sieht Telyakar die Polizei kritisch. Zwar will er mit den Beamtinnen und Beamten „im Dialog bleiben“ (was auch sonst). Dass die Arbeit der Polizei kritisch hinterfragt werden müsse, steht für ihn aber außer Frage.

Mit CDU-Ordnungsdezernent Markus Frank, da hat der Stadtverordnete recht, war das nicht möglich. Nun soll es in dieser Wahlperiode sogar Quittungen geben, die die Streifen der Stadtpolizei bei jeder einzelnen Kontrolle ausfüllen müssen. Die CDU hätte so etwas als massives Misstrauensvotum gegen die Uniformierten abgelehnt und in der Regierung verhindert.

Dass Telyakar als Neueinsteiger einen großen Einfluss bei den Grünen im Stadtparlament hat und sogar stellvertretender Fraktionschef ist, liegt an der „Grünen Jugend“. Deren Vorsitzender war er 2021, und die Gruppe nahm sich vor, die Grünen zu verändern. Linker sollten sie werden, selbstbewusst sollten sie auftreten, Klimaschutzgruppen sollten in der Partei und vor allem auch in der Römer-Fraktion eine Heimat finden. Die Pandemie spielte Telyakar und seinen Mitstreiter:innen in die Hände. Als die Liste der Stadtverordneten aufgestellt wurde, mussten die jungen Mitglieder nur zur richtigen Zeit den Computer anschalten und abstimmen – schon landeten junge, linke Leute wie er oder auch Mirrianne Mahn auf vorderen Plätzen, während altgediente Stadtverordnete, die in der Wahrnehmung der Jungen für schwarz-grüne Zusammenarbeit standen, durchgereicht wurden.

Dass es dabei zu Konflikten kam, ist unbestritten. Aber: Der Dialog (!) innerhalb der Partei sei immer möglich geblieben, so der Stadtverordnete.

Einiges sprach dafür, dass diese „neuen“ Grünen nach der Wahl eine Koalition mit SPD und Linken durchsetzen würden. Von einem „progressiven Bündnis“ war die Rede. Doch dazu kam es nicht. Die etablierten Kräfte konnten einen Kompromiss erzielen. Am Ende stand eine Koalition mit SPD, FDP und Volt.

Eine FDP-Politikerin als Ordnungsdezernentin? Ist es das, was Telyakar, der im Ausschuss für Sicherheit sitzt, wollte? Der Stadtverordnete lächelt. Er verstehe sich gut mit Annette Rinn. Und wenn es etwa um interkulturelle Fortbildung von Stadtpolizistinnen und -polizisten gehe, dann arbeite sie ja mit Diversitätsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) zusammen. Das klappe gut, schließlich blieben die Dezernentinnen stets im Dialog. Und das ist für Telyakar eben die Hauptsache.

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