+
Eine der wenigen mutigen Besucherinnen, die sich tagsüber bei 35 Grad, aufs Museumsuferfest wagten. „Natürlich nicht ohne meinen Hut“, sagte die junge Frau.

Museumsuferfest Frankfurt

Knapp zwei Millionen am Museumsufer

  • schließen

Zum Museumsuferfest kommen knapp zwei Millionen Besucher. Die meisten strömen erst am Abend hin. Tagsüber ist es zu heiß. Abends tritt der „The Voice Kids Gewinner“ Lukas auf.

Von Weitem hört man schon irgendeinen Titel von Justin Bieber – der Song wird aber eher unfreiwillig untermischt mit einem Bumms-Bumms-Elektrobeat, der wiederum von einer der anderen vielen Bühnen auf der Sachsenhäuser Seite abgespielt wird. Es ist Samstagnachmittag und 35 Grad heiß beim Museumsuferfest. 22 Museen und 17 Bühnen gab es bis Sonntagabend zu sehen. Dazu kamen massenhaft Stände mit Handwerkskunst, Essen und Getränken.

Ein Herr auf der Nordseite des Ufers sitzt im Zelt des Jüdischen Museums und versucht gerade, seinen Namen auf Hebräisch zu schreiben. „Also die Musik da drüben auf der Mainseite ist aber wirklich viel zu laut, es ist doch erst nachmittags.“ Die Kinder im Zelt des Standes des Jüdischen Museums lässt der Beat unbeeindruckt. Sie verfolgen die Anweisungen einer der Damen des Jüdischen Museums. „In zehn Minuten lernen Sie, Ihren Namen auf Hebräisch zu schreiben“, steht im Programmheft, und am Ende schaffen das Kinder und Erwachsene.

„Das Schwierigste ist das Von- rechts-nach-links-Schreiben und die Vokale wegzulassen. Und dann die Buchstaben hinzubekommen. Das ist Gehirntraining“, sagt Maria Teresa (29) aus Frankfurt. „Kinder sind meist etwas schneller, weil sie nicht so voreingenommen sind, nehmen die neuen Buchstaben schneller an“, sagt Annett Gottschalk, die heute mit einer Kollegin die Besucher unterrichtet. Es ist wenig los. „Heute ist es leider viel zu heiß. Es kommen viel weniger Leute vorbei als im letzten Jahr, da waren wir total am Rotieren“, erzählt Gottschalk.

Heike Steeb ist mit ihren drei Kindern aus der Nähe von Ulm angereist und trotzt der Hitze. „Meine Schwester hat uns das passende Programm für Kinder rausgesucht. Wir waren vorhin bei der Lego-Ausstellung im Archäologischen Museum. Und auch schon im Museum für Kommunikation, aber wir wollen auch Frankfurt besichtigen. Beides zu kombinieren, ist schon fast schon zu viel Programm“, sagt sie und lacht. Ihr Sohn Aaron (11) und seine ältere Schwester Marika finden die Tatsache, dass sie ihren Namen jetzt auf Hebräisch schreiben können, „richtig gut“. Und tragen stolz sie ihre Namen als Anstecker auf dem Fest. Viele Menschen treffen sie nicht.

Es ist nachmittags für Museumsuferverhältnisse wenig los auf beiden Seiten. Man kann entspannt durchlaufen. „Man hat Angst rauszugehen, so heiß ist es“, sagt eine End-Zwanzigerin mit elegantem, weißem Sommerhut. „Es ist nicht das, was es sonst ist. Es sind viel weniger Kunden“, sagt auch die Verkäuferin von Hat Fashion. Und sie ergänzt: „Ab 30 Grad kommen die Leute ungern raus.“ An beiden Tagen sind es tagsüber um die 35 Grad. „Einen Besucherrekord werden wir dieses Jahr nicht brechen, dazu ist es tagsüber einfach zu heiß am Main“, sagt Kurt Stroscher, der Chefplaner der Tourismus und Congress GmbH und somit des Museumsuferfestes. Aber knapp zwei Millionen Besucher seien es insgesamt an den drei Tagen.

Am Stand von „Spanien am Main“ muss der Moderator zehn Minuten lang genügend Leute zusammenrufen, dann erst geht es mit dem Tapas-Kurs unter Anleitung eines Profi-Kochs los: Dabei ist das Zusammenstellen nicht die Kunst, sondern wie schön das Weißbrot-Knäcke verziert wird: In Zucker eingelegte rote Paprika und Frischkäse werden zur „Logroño“ Fahne. „Du musst den Frischkäse schön verteilen. Gib dir bitte etwas mehr Mühe“, sagt eine blonde Besucherin zu ihrer Freundin. Diese schmollt: „Ich hatte in Kunst nur eine Vier.“ Am Ende sind sie versöhnt und essen ihr Kunstwerk.

Teenie-Quietsch-Alarm gibt es auf der Frankfurter Musikbühne. Zunächst in coolen Trainingsanzügen, die ein bisschen an Raumschiff-Enterprise-Uniformen erinnern, performen hier die Tänzerinnen und Tänzer des UP Streetdance Clubs.

„Unglaublich, wie die HipHop tanzen“, sagt eine Dame auf den Bierbänken. Und damit hat sie recht. Die Absolventen der University of the Philippines nehmen weltweit an HipHop-Wettbewerben teil. Eingeflogen hat sie fürs Museumsuferfest das Frankfurter „Philippine Department of Tourism“ . „Es ist das erste Mal, dass wir in Deutschland sind“, sagt Tänzerin Chinky Asilo. Die 32-Jährige schwitzt noch heftig nach, weil sie gerade getanzt hat und „weil es in Frankfurt so feucht und heiß ist wie auf den Philippinen“, sagt sie und lacht. „Wir haben gedacht, hier ist es angenehm kühl, und haben nur dicke Klamotten mitgebracht. Also war das Erste, was wir hier gemacht haben, Sommersachen auf der Zeil zu kaufen“, erzählt sie.

Derweil versammeln sich auf der Wiese, direkt vor der Bühne, immer mehr Mädchen. Denn hier singt gleich Lukas Janisch. Der Sohn einer Philippina war der Gewinner von „The Voice Kids 2016“. Der 14-jährige, zierliche Junge, der seinem Alter entsprechend noch süß-schüchtern ist, ist aus seiner Heimat Österreich eingeflogen. Valentina (14) aus Frankfurt kann nur sagen „Sehr gut singt er“, dann muss sie ihn weiter anhimmeln. Lukas wirft einem Mädchen einen Luftkuss zu. Es folgen viele entzückte Kreischgeräusche. Aber auch etwas Ältere wie Martine (19) aus Bensheim beeindruckt er: „Der ist wirklich richtig gut“, sagt sie. Ist er. Von Adeles „Goodbye until tomorrow“ bis Princes „Purple Rain“ trifft er jeden Ton. Von der tollen Choreo der UP-Tänzer und vielen Luftballons unterstützt, gibt er als Zugabe: „Can’t stop the feeling“ von Justin Timberlake. Es herrscht fröhliche Teenieparty-Stimmung.

Gabriele Tuchscheerer aus Bad Homburg sitzt etwas später an der Batschkapp-Bühne und hört sich den ganzkörpertätowierten Ski-King an. Er hat eine Stimme zwischen Elvis Presley und Johnny Cash und covert gleich mal den berühmten Titelsong von „Ein Colt für alle Fälle“. Tuchscheerer ist, wie sie sagt, „schon lange aus dem Diskomaus-Alter“ raus. Aber das Vokabular beherrscht sie. „Ich liebe die Variety von Musik auf dem Museumsuferfest. Eigentlich wollte ich auch in die Museen, aber das schaffe ich zeitlich nicht. Die Musik hat für mich oberste Priorität.“ Sie hüpft so zwischen Radio-X-Bühne (Sachsenhäuser Ufer) und Batschkapp-Bühne (Nordufer) hin-und her. „Ich betreibe Musik-Hopping , sagt sie und lacht.

Ob sie zum legendären Musikfeuerwerk geht, das diesmal der Batschkapp, dem Ehrengast des Museumsuferfests, gewidmet ist, weiß sie noch nicht. „Das ist immer so voll, aber schön ist es schon.“ Später will sie sich noch auf der Sachsenhäuser Promenade eine Magnetkachel mit dem Gesicht der 80er-Jahre-Stilikone Grace Jones kaufen.

Andere bevorzugen da den kostenlos verteilten „Hello Kitty“-Kopfschmuck aus Pappe. Sogar junge Männer laufen mit den berühmten Öhrchen und der Schleife übers Fest. Manche von ihnen stellen sich sogar in die lange Schlange, um sich mit „Hello-Kitty“ höchstpersönlich fotografieren zu lassen.
Andere freuen sich, Schmuck aus Hawaii von der Ex-Frankfurterin Eva Schwarz zu kaufen. Vor neun Jahren ist Schwarz, die eigentlich Architektin ist und ihren Schmuck unter „Eve Black“ verkauft, in die USA ausgewandert. „Ich komme immer zum Museumsuferfest. In Frankfurt habe ich Stammkunden.“ Im Netz kann man ihren Schmuck nicht kaufen.

Je später es wird, desto voller wird es auf dem Fest. Eine junge Frau erzählt ihrer Freundin an einem der Getränkestände, wie genervt sie von der Menschenmasse ist, und kreiert dabei ihr eigenes neues Wort: „Der Typ hat mich voll angebaucht.“

Andere Besucher werden zwar nicht mit dem Bauch geschubst, aber dafür verlieren sie ihre Flip-Flops, weil ihnen von hinten andere Besucher drauftreten. Meist leider, ohne sich dafür zu entschuldigen.

Richtig voll ist es an der „Journal Frankfurt“-Bühne. Entspannter ist es da unweit des Holbeinstegs auf der Nordseite. Ein indischer Stand hat auf den Schienen, auf denen normalerweise die Historische Eisenbahn fährt, Tische und Stühle gestellt. Eine Oase: Die Gäste essen so zwischen den Schienen ihre Speisen und trinken Rotwein. Ungestört von den Massen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare