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Eltern und Kinder lernen in Frankfurter Erich-Kästner-Schule gemeinsam

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Von: Steven Micksch

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Schüler Pavle bemalt mit seiner Mama im Unterricht Steine. Das soll das Miteinander und Verhalten in Interaktionen trainieren.
Schüler Pavle bemalt mit seiner Mama im Unterricht Steine. Das soll das Miteinander und Verhalten in Interaktionen trainieren. © Rolf Oeser

Frankfurts erste Familienklasse unterstützt Grundschülerinnen und -schüler, die mit den Anforderungen des Schulalltags nicht zurechtkommen. Die Familien sollen dabei von einander lernen und ihre Kompetenzen stärken.

Adams Mama malt einen Marienkäfer auf einen kleinen Stein. Der siebenjährige Pavle verziert seine Steine lieber mit Gesichtern. „Das sind Clowns“, sagt er, weil seine Mama sich wundert, dass alle die Zunge rausstrecken. Die anderen Kinder und Eltern am Tisch malen Blumen, Fische oder auch die Sonne. Was klingt wie eine Szene von einem Kinderfest, ist in Wirklichkeit Teil einer Schulstunde an der Erich-Kästner-Schule. Dort gibt es seit kurzem eine sogenannte Familienklasse, bei der Eltern und Kinder gemeinsam lernen.

Das Projekt richtet sich an Familien, deren Kinder in der Grundschule Probleme haben, den Anforderungen, Regeln und Strukturen des Schulalltags gerecht zu werden. „Der schulische Erfolg der Kinder ist dadurch gefährdet“, sagt Christian Scharfe, Leiter der Multifamilientherapie beim Verein Albert-Schweizer-Kinderdorf Hessen. Der Verein hat bereits mehr als 25 Familienklassen in Hessen etabliert – mit der Erich-Kästner-Schule nun auch die erste in Frankfurt. „Das Konzept kann an jeder Grundschule funktionieren“, ist sich Scharfe sicher und hofft, dass noch weitere Einrichtungen den Mut finden, das Konzept umzusetzen.

Dieses sieht vor, dass die Kinder weiterhin die Regelklassen besuchen, aber einmal pro Woche für vier Stunden in der Familienklasse zusammenkommen. In Frankfurt ist dies der Freitag. Acht Familien nutzen bereits das Angebot, wobei es sogar eine Warteliste gibt, verrät Schulleiter Benedikt Gehrling. In der Familienklasse werden die Kinder von Lehrerin Claudia Weiß betreut. Multifunktionstrainerin Martina Brogle ist in diesem Rahmen vorrangig für die Arbeit mit den Eltern da. Denn: Je ein Elternteil jedes Kindes sitzt mit in der Klasse, unterstützt das Kind, aber lernt auch selbst dazu. Die Philosophie ist, dass die Eltern die Expert:innen für die eigenen Kinder sind und die Fachleute nicht belehrend sagen, wie es gemacht werden muss.

Stattdessen sollen die Eltern untereinander Ideen austauschen, was man bei spezifischen Problemen, etwa wenn das Kind bockig ist oder nicht schlafen möchte, tun kann und was sie von einander übernehmen könnten. Die Eltern sollen so motiviert werden, auch Verantwortung für schwierige Verhaltensweisen ihres Kindes in der Schule zu übernehmen.

Keine Stigmatisierung

Wenn die Eltern ihre Kinder während der Stunden beobachten, erkennen sie, was Kinder heutzutage leisten müssen und was von ihnen in der Schule erwartet wird.

Zu Anfang haben Kinder und Eltern spezifische Ziele erarbeitet, die sie in der Familienklasse erreichen wollen. Etwa freundlich mit seinen Mitmenschen umzugehen, sorgfältig zu arbeiten oder ruhig sitzen zu bleiben. Per Rückmeldebogen bewerten die Lehrkräfte im Regelunterricht, ob sich diese Ziele verbessern. So schaffen es die Kinder Stück für Stück den Anforderungen des Schulalltags gerecht zu werden.

Eine Stigmatisierung habe Scharfe beim Projekt noch nie erlebt. „Im Gegenteil, die Eltern übernehmen Verantwortung für ihre Kinder und nehmen viel auf sich.“ So müsse gewährleistet sein, dass man freitags Zeit für die Familienklasse hat und dies häufig mit den Arbeitgebern verhandeln. Bei den Kindern sei es so, dass viele andere auch gern in der Familienklasse wären und fast eher etwas neidisch sind.

Die Finanzierung der Frankfurter Familienklasse hat die hiesige Sir-Peter-Ustinov-Stiftung übernommen, die sich für bessere Bildungschancen von Kindern einsetzt. Für ein Jahr ist die Durchführung gesichert, danach müsse man weiter schauen.

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