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Elektriker nach tödlichem Unfall in Frankfurter Kita angeklagt

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Trauer um Antonio: Die Kita blieb nach dem tödlichen Stromschlag zunächst geschlossen. rolf oeser
Trauer um Antonio: Die Kita blieb nach dem tödlichen Stromschlag zunächst geschlossen. rolf oeser © Rolf Oeser

2019 starb der sechsjährige Antonio wegen einer Steckdose. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben.

Im Fall des vor fast drei Jahren in einer Kita in Seckbach tödlich verunglückten Antonio C. hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt nun Anklage erhoben. Nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, wird drei Männern eines Frankfurter Elektrobetriebs „gemeinschaftliche fahrlässige Tötung“ vorgeworfen. Die Arbeit an einer Steckdose sei nicht „ordnungsgemäß durchgeführt worden“. Offiziell bestätigt worden ist das gestern nicht, weder von der Staatsanwaltschaft, noch vom Amtsgericht.

Der sechsjährige Antonio C. hat am 29. Oktober 2019 in seiner Kindertagesstätte am Atzelberg plötzlich gezittert und war dann zusammengebrochen. Die Ärzte konnten später nur noch den Tod des Jungen feststellen. Bereits einen Tag nach dem Unglück verfestigte sich schnell ein Verdacht: Dass Antonio mit einer Steckdose in Kontakt gekommen war, die in der Garderobe der Kinder angebracht war. Väter anderer Jungen und Mädchen hatten von „blauen Blitzen“ gesprochen, einer wollte lose Kabel gesehen haben.

Dies bestätigte zwei Tage später auch erstmals die Unfallkasse Hessen im Gespräch mit dieser Zeitung. Zwei Sachverständige hätten in der Kita festgestellt, dass alle Steckdosen felsenfest und damit kindersicher montiert worden seien – bis auf diese eine. Ein Foto, das die Sachverständigen damals gemacht hatten, zeigte eine etwas heraushängende Steckdose und hinter einer Lücke, durch die vermutlich eine Kinderhand gepasst hat, frei liegende Kabel. Von „möglichem Pfusch“ sprach damals eine Sprecherin der Unfallkasse Hessen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Steckdose bereits im Visier der Staatsanwaltschaft gewesen. Denn mittlerweile hatte die Obduktion ergeben, dass Antonio C. an einem Stromschlag gestorben war.

Zu vermuten ist, dass es sich bei den drei nun angeklagten Männern um jene Elektriker handelt, die wenige Monate vor dem Unglück an der Rundum-Sanierung der Seckbacher Kita beteiligt waren. Ihr Elektrobetrieb ist familiengeführt, die drei Männer sind 70, 45 und 40 Jahre alt und haben denselben Nachnamen. Ob es sich um Vater und Söhne handelt, ist nicht klar. Klar hingegen ist, dass ihnen die Anklageschrift in den nächsten Tagen zugeschickt wird.

Der Prozess wird vor einem Schöffengericht des Amtsgerichts Frankfurt geführt werden, vermutlich beginnt er erst 2023. Drei, vier Sachverständige hätten Gutachten verfasst, auch deshalb hätte die Anklageschrift fast drei Jahre auf sich warten lassen, heißt es aus Justizkreisen.

Möglicherweise wird die Mutter des verunglückten Jungen in dem Prozess als Nebenklägerin auftreten. „Diese Leute werden dafür bezahlen“, hat sie einen Tag nach Antonios Tod in einer Trauerstunde nahe der Kita in Richtung der Verantwortlichen gesagt, ohne jemanden konkret zu beschuldigen.

Die Frage nach Verantwortlichen, nach der Schuld, machte damals auch in der Frankfurter Politik die Runde. Schließlich betreibt die städtische Gesellschaft Kita Frankfurt die Einrichtung in Seckbach. Wenn die Steckdose vorher schon locker war, habe die Stadt ein ernstes Problem, war damals aus dem Römer mehrfach hinter vorgehaltener Hand zu hören gewesen. Ähnlich hatte sich auch die Unfallkasse Hessen im Gespräch mit dieser Zeitung geäußert. Gestern teilte sie auf Anfrage mit, dass sie Entschädigungsleistungen in Form von Sterbegeld und Überführungskosten im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben geleistet habe.

Ob die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft über die drei jetzt Angeklagten hinaus gehen werden oder im Zuge des Prozesses noch ausgeweitet werden, bleibt abzuwarten. Eine Frage, die sich stellt: Hatten von der Stadt beauftragte Elektro-Sachverständige die Modernisierungsarbeiten in der Kita abgenommen? Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) teilte dazu gestern auf Anfrage allgemein mit, dass städtische Einrichtungen alle drei Jahre auf Gefahren hin untersucht und alle vier Jahre fest montierte Elektroanlagen kontrolliert würden. Das Liegenschaftsmanagement und geschulte Sicherheitsbeauftragte in den Einrichtungen achteten darüber hinaus stets auf mögliche Gefahrenquellen. „Wir haben keine Kenntnis darüber, dass vor Eintritt des Unglücks die Steckdose nicht befestigt gewesen ist oder ein Kabel aus der Wand hing“, so Weber.

In ihren ersten Stellungnahmen drei Tage nach dem Unglück wollte sich die Staatsanwaltschaft zu der Frage, ob und wie die Steckdose aus ihrer Fassung gelangte, nicht äußern. Womöglich habe der Junge das irgendwie geschafft, hieß es damals. Die Sachverständigen der Unfallkasse hielten das für unmöglich, sollte die Steckdose so kindersicher montiert worden sein wie die anderen. Um diesen Punkt also wird es nun vor allem im Prozess gehen.

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