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André Freiwald, eine Kaltwasserkoralle und Meer.

Natur

Eisbärwächter zu Gast im Frankfurter Senckenberg-Museum

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André Freiwald leitet die Senckenberg-Meeresforschung und warnt: Den Ozeanen geht langsam die Luft aus.

Die Emotionalität beim Tauchen, sagt André Freiwald: „Die ist nicht zu toppen.“ Und da meint er nicht das Planschen am Strand. Eher die Fahrt mit dem Jago-Tauchboot, das seine Besatzung bis in 400 Meter Meerestiefe bringt: „Der Hammer.“ Dabei hatte Freiwald, Meeresgeologe und Leiter der Senckenberg-Meeresforschung mit Standort in Wilhelmshaven, so etwas gar nicht vor.

„Moin“, begrüßt der 57-Jährige die Gäste beim Pressefrühstück in Frankfurt. Und erzählt: „Eigentlich haben mich fossile Insekten fasziniert.“ Bis er erfuhr, dass „ein Eisbärwächter“ für eine Expedition gesucht wurde. Es war Ende der 80er Jahre, und eine Forschergruppe brauchte einen, der aufpasst, ob Eisbären kommen, und sie notfalls verjagt. Der Job interessierte André Freiwald. Er heuerte auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ an. Danach wollte er Meeresforscher werden. Man kann sagen: Mission erfüllt.

In Nordnorwegen untersuchte er Karbonate, natürliche CO2-Speicher, im Flachwasser. Dabei rutschte – hoppla! – das Transportvehikel über einen Absatz und rauschte einen halben Kilometer in die Tiefe. Als es wieder nach oben bugsiert war, hingen Korallen dran. „Komisch“, dachte Freiwald. Und dann: „Biste der erste, der das entdeckt?“ War er nicht. Schlappe 200 Jahre zuvor hatte Gunnerus, Bischof von Trondheim, eigentlich nur den Fischern seinen Segen mit aufs Meer geben wollen. Als die Netze zerfetzt wieder hochkamen und Korallen mitbrachten, stutzte der Geistliche – und machte Zeichnungen. Die schickte er rüber nach Schweden zum Biologen Carl von Linné, und der gab den Korallen den Namen: Lophelia pertusa.

Man könnte Freiwald stundenlang zuhören, wenn er von den Expeditionen erzählt. Dass die Kollegen von einst gern sechs Jahre über die Meere schipperten. „Das muss man sich mal vorstellen! Heute müssen wir das in vier Wochen durchziehen.“ Allerdings mit weitaus besseren technischen Möglichkeiten. Schuld daran sind unter anderem die Erdölkonzerne, die 1995 die Ölplattform Brent Spar im Meer versenken wollten. Die Proteste der Naturschützer verhinderten das und lenkten die Aufmerksamkeit der EU auf die Korallenriffe. „Seither steht die Tiefseeforschung nach Kaltwasserkorallen auf der Agenda“, sagt Freiwald – und mithin Forschungsgeld für die Entwicklung besserer Methoden. Inzwischen gibt es 3-D-Karten des Meeresbodens und Tauchroboter. „Das hat uns in die Lage versetzt, systematisch wie Charles Darwin zu forschen – in viel kürzerer Zeit.“

Was die Forschung ans Licht bringt: Den Riffen, unfassbar große, unfassbar schöne und wichtige Lebensräume, geht es nicht gut. Sauerstoffmangel, die Klimaerwärmung lässt grüßen. „Wenn wir sie verlieren, verlieren wir die Kinderstube der Fische“, sagt Freiwald. Rotbarsch, Hai, Rochen, viele legen ihre Eier bei Korallen ab, die auch Nahrungsquelle sind. Schleppnetzfischerei bedroht die riesigen Nesseltiergebäude im Meer. Die EU überwacht die Fischer – die Fischer finden andere Fanggründe, etwa vor Mauretanien. Und André Freiwald versucht, die „Mauretanische Mauer“ zu retten, noch so ein unvorstellbar großes und wichtiges Riff. Die Tiefsee-Ausstellung im neugestalteten Senckenberg-Museum soll dereinst über Schönheit und Bedrohung der Korallen informieren.

Bis dahin ist Forscher Freiwald weiterhin etwa sechs Wochen jährlich auf See oder unter Wasser – aber im Tauchboot. Er sei nämlich Nichtschwimmer, sagt er. Ernsthaft? „Natürlich“, sagt er und grinst. „Ich bin wasserscheu. Und wer nicht schwimmen kann, verteidigt sein Schiff umso mehr.“

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