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Einzelhandel in Frankfurt: „Die Lage ist besser als die Stimmung“

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Von: Christoph Manus

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Der Einzelhandel hat auch in Frankfurt, wie hier an der Berger Straße, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Der Einzelhandel hat auch in Frankfurt, wie hier an der Berger Straße, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. © Rolf Oeser

Der Frankfurter IHK-Vizepräsident Stoll im FR-Interview über die Probleme des Einzelhandels in den Stadtteilen, den Umbau von Einkaufsstraßen und Gründe für mehr Zuversicht.

Herr Stoll, wie düster sind die Aussichten für den Einzelhandel in den Frankfurter Stadtteilen?

Die Händler leiden unter den steigenden Energiepreisen und einer schlechten Verbraucherstimmung – und das ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft. Besonders angespannt ist die Lage für alle Händler, die im Mode- und Accessoires-Bereich tätig sind.

Der Online-Handel nimmt den Geschäften in der Stadt schon sehr lange viel Umsatz weg, die Mieten sind hoch, jetzt kommen noch die Inflation und die Energiekrise hinzu. Viele Händler wirken regelrecht verzweifelt ...

Im Vergleich zur City ist der Handel in den Stadtteilen nicht so schlecht durch die Pandemie gekommen. Viele haben im Viertel statt in der Innenstadt eingekauft. Dennoch: Nach der Pandemie haben viele Händler kaum noch finanzielle Reserven. Viele hatten sehr gehofft, dass sie in diesem Jahr ein ordentliches Frühjahrs-, Sommer- und Weihnachtsgeschäft haben. Doch diese Hoffnung haben der Krieg und die Energiekrise zunichtegemacht. Es bleibt für viele sehr schwierig, die für die hohen Kosten nötigen Umsätze zu erzielen. Das wird in einigen Fällen dazu führen, dass Geschäftsleute ihren Laden früher aufgeben als geplant, also etwa jetzt schon in Altersrente gehen.

Mehr als ein Drittel der Händlerinnen und Händler in Hessen sieht sich laut Handelsverband in der Existenz bedroht. Lässt sich das auf die Situation in Frankfurt übertragen?

Außerhalb des Lebensmittelbereichs könnte das so kommen. Und im Lebensmittelbereich bei Bio-Angeboten. Bio-Läden haben es schwer, weil mehr Kundinnen und Kunden als früher stark auf die Preise achten und Bio-Ware im Supermarkt oder Discounter kaufen. Ich hoffe sehr, dass die liebgewonnenen Läden in der Nähe jetzt nicht vergessen werden.

Schon jetzt gibt es selbst in großen Stadtteil-Einkaufsstraßen wie der Schweizer Straße, der Berger Straße oder der Leipziger Straße vor allem Lokale, Bäckereifilialen, Drogerien und Supermärkte. Gleichzeitig gibt es einigen Leerstand. Ist dieser Trend umkehrbar?

Das ist eine Entwicklung, die durch Corona und die sich nun anschließende Energiekrise im Zeitraffer abläuft. Jetzt hängt viel davon ab, ob die Mieten trotz der Probleme des stationären Handels so hoch bleiben oder – wie man hört – bei Neuvermietungen sinken, und wie lange die spürbare Kaufzurückhaltung der Kundinnen und Kunden anhält. Die Lage vieler Kunden und Kundinnen ist eigentlich jetzt schon besser als die Stimmung.

Inwiefern?

Zur Person

Joachim Stoll (60) ist Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd und Vizepräsident sowie Vorsitzender des Einzelhandelsausschusses der Industrie- und Handelskammer Frankfurt.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist gut, trotz Krisen ist die Arbeitslosigkeit gering. Und der Staat unterstützt mit viel Geld, mit Instrumenten wie der Soforthilfe und der Strom- und Gaspreisbremse Haushalte und Unternehmen in der Krise. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Stimmung bald wieder verbessert.

Wie erleben Sie die Situation in den Stadtteilen am Rande? Hat dort der Einzelhandel überhaupt noch eine Chance?

In vielen Gebieten beschränkt sich das Angebot weitestgehend auf die Nahversorgung. Einen Rewe City, einen Nahkauf oder kleinen Edeka wird es weiterhin geben, Bäcker kämpfen mit den Energiepreisen, Metzger mit Nachfolgeproblemen … Hier wird es schwer.

Welche Möglichkeiten hat die Stadt, die Entwicklung in den Einkaufsstraßen zu steuern? Was halten Sie etwa von der Ansiedlung öffentlicher Einrichtungen an den Einkaufsstraßen, also etwa von Büchereien, Anlaufstellen der Verwaltung oder auch Jugendzentren? Das kann ja auch ein Mittel gegen Leerstand sein.

So etwas wird derzeit viel diskutiert, auch als Möglichkeit, die Innenstadt wiederzubeleben. Kinder und Jugendliche in die Innenstadt oder die Stadtteil-Einkaufsstraßen zu bringen, ist sicher ein wichtiges Thema. Eine Bibliothek, ein Jugendclub, eine Grundschule kann Leben bringen. Ein positives Beispiel ist auch die Zusammenarbeit von Handelsverband und Stadt im Visionsbüro Frankfurt. Hier werden Ideen – auch digitale Angebote – für Stadt und Handel entwickelt.

Was muss noch geschehen, damit die Menschen weiterhin oder wieder mehr in den Einkaufsstraßen der Stadtteile oder der Innenstadt einkaufen?

Die Einkaufsstraßen müssen versuchen, jeweils ein eigenes Image zu entwickeln. Mittelfristig muss es dort zudem mehr Grün, mehr Bänke und mehr Außengastronomie geben und weniger Blech auf der Straße. Überall in Europa setzt man aufs Fahrrad, auf Straßen und Plätze mit mehr Pflanzen und Schatten. Auch unsere Stadt muss sich weiterentwickeln, um lebendig zu bleiben.

Interview: Christoph Manus

Joachim Stoll, Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd, hält es für möglich, dass sich
Joachim Stoll, Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd, hält es für möglich, dass sich die Stimmung im Einzelhandel bald wieder verbessert. © Rolf Oeser

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