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Eintrachtkicker fühlt sich wohl

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Von: Milan Jaeger

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Verwaist: Der Westhafen an einem Wochenende in der Abenddämmerung.
Verwaist: Der Westhafen an einem Wochenende in der Abenddämmerung. © ROLF OESER

Der Westhafen wirkt wie ein Fremdkörper im Gutleutviertel. Es ist ein Stadtteil, in dem sich Eintrachtspieler und Wasservögel wohlfühlen.

Wie eine kleine Hafencity liegt er da, der Westhafen. Zwischen Friedens- und Main-Neckar-Brücke, zwischen Rotfeder-Ring und Bachforellenweg erstreckt sich ein kleines, feines Innenstadtquartier. Als die Stadt Frankfurt vor mittlerweile 20 Jahren den Beschluss fasste, den Westhafen bewohnbar zu machen, strebte sie wohl genau solch eine Gestalt für das Viertel an, wie sie der Hafen heute besitzt. In Architekten- und Politikerkreisen gilt der Westhafen heute jedenfalls als ein „Beispiel für gelungene Stadtentwicklung“.

So wird der 2003 fertiggestellte, 109 Meter hohe Westhafen Tower gar lokalpatriotisch „das Gerippte“ genannt, weil die 3556 rautenartigen Glaselemente seiner Außenfassade an die Struktur eines Apfelweinglases erinnern. Er steht da, wo noch bis zum Jahr 2000 das Betonwerk der Sehring AG dröhnte und mahlte. Am anderen Ende des Areals steht das ehemalige Druckwasserwerk. Heute befindet sich hier eine „Eventlocation“, in der, laut Betreiber, je nach Anlass „diniert, getagt oder gefeiert“ werden kann.

Das historische Gebäude ist das einzige erhaltene Bauwerk des 1886 vom damaligen Frankfurter Oberbürgermeister Johannes von Miquel eröffneten „Frankfurter Sicherheits- und Handelshafens“. Dort wo heute gespeist wird, pumpten einst zwei Dampfmaschinen 13,5 Liter Wasser pro Sekunde durch die Rohre und ermöglichten so überhaupt erst den Betrieb der Kräne, Aufzüge und Schiebebühnen, die mit der von ihnen erzeugten Kraft bewegt wurden.

Doch in eben dem Maße, wie nach dem Krieg nach und nach die Bedeutung des Industriestandorts Westhafen abnahm, verfiel das Druckwasserwerk. Bis 2008 wurde es hernach lediglich notdürftig in Stand gehalten. Heute sorgt nur noch das Heizkraftwerk West der Mainova für ein wenig industriellen Charme. Doch auch hier hat der technische Wandel Einzug gehalten: Seit 2002 bewerkstelligt ein neuartiger „Kohleentlader“ den weitgehend staubfreien Transport der feingemahlenen Steinkohle aus dem Bauch der Binnenschiffe, die wirklich werktags hier noch festmachen, in das Innere des riesigen Ofens. Wie ein überdimensionierter und umprogrammierter Laubbläser beugt sich die kranartige Maschine in den Schiffsrumpf und saugt die Kohle in immenser Geschwindigkeit auf. 170 Tonnen Kohle pro Stunde werden so bewegt, und alles, was man hört, ist ein leises Surren. Rußwolken gibt es keine. Zwischen diesen beiden Punkten, Westhafen Tower und Druckwasserwerk, wird mittlerweile nur noch in Büros gearbeitet (über 3000 Menschen) und natürlich gewohnt (rund 2000).

Nilgänse dümpeln in großer Zahl im brackigen Wasser des Hafenbeckens umher, das um diese Jahreszeit von noch nicht allzu vielen Jachten zugeparkt ist. Aber wie Jörg Schurig, der gerade mit seinem „BembelBoot“ hier festgemacht hat, verrät, sind die Anleger auch im besten Bootsfahrsommer „höchstens zur Hälfte“ belegt. „Das ist schon kurios“, findet Schurig. Dass dem so ist, liege daran, dass die stolzen Besitzer der Eigentumswohnungen am Karpfenweg die Anleger mitkauften, sie aber nicht nutzten, vermutet Schurig. So würden praktisch nur die öffentlich zugänglichen auf der nördlichen Seite benutzt. Was die Nilgänse hingegen anbelangt, bedarf es keiner Vermutungen: „Die haben keine Manieren, die kacken den ganzen Steg voll.“

Irgendwie scheint es, als wären die neuen Bewohner noch nicht so recht in Frankfurt angekommen. Der Westhafen macht noch immer einen unbehausten Eindruck, obwohl schon so viele Menschen hier leben. Eine Westendlerin, die hier am Main spaziert, findet den Westhafen „artifiziell“. Es fehle an einer gewachsenen Stadtteilinfrastruktur.

Martin Lanig hingegen fühlt sich wohl. Seit zwei Jahren lebt der Eintracht-Kicker mit seiner Frau hier, wie er erzählt, neuerdings auch mit Nachwuchs. „Es ist angenehm, hier so ein bisschen abgeschirmt von der Stadt zu wohnen und gleichzeitig so zentral“, sagt Lanig. Wie man hört, haben noch ein, zwei weitere Fußballer hier am Wasser ihr Zuhause bezogen. Die Pressestelle des Vereins verneint aber die Nachfrage, ob man Neuzugänge auf Wohnungssuche mit Vorliebe an den Main schicke.

Eckhard Mikulski führt am Bachforellenweg eine Segelschule, einen Seglershop und ein Café. Er hat den Eindruck, dass die Stadt das Viertel zu wenig „propagiere“. Wer hier nicht wohne, wisse gar nicht, was hier los sei. „Dabei ist das so ein tolles Gelände.“ Und die Stadtteilinfrastruktur müsse halt erst wachsen. Kormorane finden den Westhafen dem Vernehmen nach übrigens schon jetzt ganz famos.

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