Matthias Thoma leitet das Museum von Eintracht Frankfurt im Waldstadion.
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Matthias Thoma leitet das Museum von Eintracht Frankfurt im Waldstadion.

Eintracht

Ein Mann wie ein Lexikon: Matthias Thoma leitet das Eintracht-Museum

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Matthias Thoma leitet das Museum des Fußball-Bundesligisten. Mit einem Blick in die Historie macht er den Fans Mut für die Spiele im Europacup.

  • Matthias Thoma leitet das Museum von Eintracht Frankfurt
  • Im Eintracht-Museum ist immer was los
  • Thoma hat 2007 das Buch „Wir waren die Juddebube“ veröffentlicht

Rein historisch gesehen kann Eintracht Frankfurt an diesem Donnerstag und am Donnerstag der folgenden Woche kaum etwas passieren. Sagt zumindest Matthias Thoma, und der ist Eintracht-Archivar und Leiter des vereinseigenen Museums. Er ist außerdem Bankkaufmann, Pädagoge, Veranstaltungsmanager, Journalist und Buchautor, aber dazu später.

Matthias Thoma macht Eintracht Frankfurt vor den Salzburg-Spielen Mut

Erst einmal soll es um den Historiker Thoma gehen, und der macht Eintracht Frankfurt, seinem Verein, vor dem Europacup-Duell gegen die Salzburger durchaus Mut. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Statistik über frühere Begegnungen für die Stadionzeitung und die Internetseiten der Eintracht aufzubereiten, und diesmal kommt Thoma zu dem Schluss: „Gegen Österreicher haben wir eigentlich fast immer gut ausgesehen.“

Und dann erzählt der 47-Jährige, wie nur er erzählen kann über die Geschichte von Eintracht Frankfurt. Von einem Freundschaftsspiel im Jahr 1922 beim SC Hakoah Wien („Die waren damals richtig gut“), das 0:0 endete, obwohl ein Frankfurter Spieler namens Willi Pfeifer in der 80. Minute die Rote Karte sah, was den Journalisten aber überzogen vorkam. Von Siegen gegen Wien und Innsbruck in den 60er Jahren. Und vom 1:0 gegen Sturm Graz im März 1976. Im Tor der Eintracht stand Peter Kunter, ein promovierter Zahnarzt, der während des Spiels seine Kontaktlinse verlor und fortan weitgehend blind seinen Kasten sauber hielt.

Und natürlich erzählt Thoma auch vom bisher einzigen Vergleich mit den Salzburgern. 1994 war das, und Eintracht Frankfurt verlor das Duell. Aber nur, wie Matthias Thoma einwendet, weil ein gewisser Adi Hütter ein Tor für Salzburg erzielte. Hütter ist bekanntlich mittlerweile Trainer der Eintracht, insofern seien die beiden Spiele vor 26 Jahren kein Maßstab. Klingt so, als könne der Eintracht nichts passieren diesmal.

Klassische Karriere eines Anhängers von Eintracht Frankfurt

Jeder Fußballfan weiß noch sehr genau, wann er sein erstes Spiel im Stadion gesehen hat, gegen wen Eintracht Frankfurt damals spielte, wie die Partie endete und wer die Tore schoss. Zumindest mit letzterer Info kann Matthias Thoma, den alle „Matze“ nennen, nicht dienen – zumindest nicht, ohne nachzuschauen, und das ist beim Gespräch unter Eintracht-Fans verboten. An jenem 28. Mai 1983 besuchte er gemeinsam mit seinem Vater das Waldstadion – und kam erst zur Halbzeit an. Sein Vater hatte keinen Parkplatz gefunden. Als Matze und sein Papa im L-Block neben der Haupttribüne eintrafen, in dem damals viele Familienväter mit ihrem Nachwuchs standen, hieß es schon 1:0 für Bremen. Und so blieb es bis Spielende.

Pessimisten unken, es könnten die letzten internationalen Auftritte der Eintracht für längere Zeit werden. Jedenfalls empfängt Frankfurt am Donnerstag (20. Februar, 18.55 Uhr) zu Hause im Waldstadion den FC Salzburg.

Das Rückspiel , in dem sich entscheidet, ob die Eintracht nicht vielleicht doch ins Achtelfinale einzieht und noch länger internationale Luft schnuppern kann, wird dann eine Woche später (27. Februar) in Salzburg angepfiffen. ote

Eigentlich sind das keine guten Voraussetzung, um bis heute Eintracht-Fan zu bleiben. Doch Thoma legte die klassische Karriere eines Frankfurter Anhängers hin. Die eher tristen Jahre in den 80ern, die nur durch den Pokalsieg 1988 unterbrochen wurden, ein paar Spiele als Pubertierender im G-Block, in dem damals die lautesten und härtesten Fans standen, dann die 90er mit dem berühmten Fußball 2000 um Uwe Bein und Anthony Yeboah, die Niederlage in Rostock, als Matze und alle anderen Frankfurter Fans ganz, ganz sicher waren, die Eintracht werde Meister, Wechsel auf einen Platz auf der Gegentribüne, Engagement gegen Rassismus im Stadion und anderswo, Jupp Heynckes übernimmt die Eintracht, Abstieg 1996, Aufstieg, Abstieg, Aufstieg, Abstieg undsoweiter, bis sich der Verein stabilisiert und 2018 den DFB-Pokal gewinnt. Es folgt eine herausragende Saison in Europa, und Historiker Thoma sagt: „Diese Zeit gerade, die wird schon als eine unserer erfolgreichsten Epochen in die Geschichte eingehen.“

Matthias Thoma könnte noch sehr lange so weiterreden, über die Eintracht damals und heute, über das alte Stadion, über den G-Block, in dem die Stadt oder Eintracht Frankfurt oder wer auch immer eines Tages eine Plattform für die Einsatzkräfte der Polizei aufstellen ließ. So etwas würde heute zu einem mittelgroßen Aufstand in der Fanszene führen. Nur: Thoma hat nicht stundenlang Zeit. Er muss, wie so oft, eine Veranstaltung vorbereiten.

Im Museum von Eintracht Frankfurt ist ständig was los

Ständig ist im Eintracht-Museum in der Haupttribüne des Stadions etwas los. Es gibt Gesprächsrunden mit früheren Spielern und Filmabende über die verpasste Meisterschaft (1992) und die gewonnene Meisterschaft (1959), es gibt ein spezielles Programm vor Spielen auf der sogenannten Waldtribüne vor dem Museum, und es gibt Bildungsreisen für Jugendliche nach Theresienstadt, bei der der Fußball zwar eine untergeordnete, aber eben doch eine Rolle spielt. Das alles macht Thoma nicht alleine, er hat ein starkes Team um sich herum. Aber unterbeschäftigt ist er nicht.

Dabei hätte er ein ruhiges Berufsleben haben können. Mit 16 Jahren ging Thoma von der Schule ab und lernte Bankkaufmann. Nach der Ausbildung arbeitete er zehn Jahre in einer Sparkassenfiliale, bis der Punkt kam, an dem er fand, das Leben müsse noch größere Herausforderungen für ihn bereithalten. Also studierte er Pädagogik an der Fachhochschule, was ihm heute ziemlich viel nutzt, weil sich zahlreiche Veranstaltungen des Museums an Kinder und Jugendliche richten.

Historiker aber wurde er eher nebenbei. Thoma wollte über seinen Klub mehr wissen als das Ergebnis des Bundesligaspiels am vorigen Samstag. Er wollte die Anfänge des Vereins ergründen und wollte insbesondere wissen, wie sich der Klub im Nationalsozialismus aufstellte. Er verlegte Stolpersteine für ermordete Eintrachtler und hielt den Kontakt zum legendären Anhänger Helmut „Sonny“ Sonneberg aufrecht, der noch 1945 nach Theresienstadt deportiert wurde, das KZ überlebte und heute der wohl wichtigste Zeitzeuge für junge Eintracht-Fans ist.

Matthias Thoma erzählt in seinem Buch die Geschichte der Eintracht-Mannschaft zu Beginn der 30er Jahre

Um die NS-Zeit geht es auch in Thomas Buch „Wir waren die Juddebube“, das er 2007 schrieb. Der Historiker erzählt darin die Geschichte der Eintracht-Mannschaft zu Beginn der 30er Jahre. Die meisten Spieler arbeiteten im Hauptjob in der Schuhfabrik Schneider. Die Eigentümer waren Juden. So kam es zum Namen für das Team.

In dem Buch benennt Thoma auch eine Wahrheit, die der Eintracht lange unangenehm war. Rudolf Gramlich, erfolgreicher Spieler und später Präsident zur Zeit des Meistertitels 1959, war Mitglied der Waffen-SS. Für den Verein waren diese Erkenntnisse hochproblematisch, hatte man doch Gramlich sogar zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Eintracht-Frankfurt-Museum: Führungen für Besuchergruppen

Auch nach Thomas Veröffentlichung blieb er es, die Eintracht ignorierte die Faktenlage weitgehend. Dann hielt Präsident Peter Fischer seine berühmte Rede gegen Nationalismus und das Weltbild der AfD. Kurz danach gab der Verein beim Fritz-Bauer-Institut eine unabhängige Untersuchung über Gramlich in Auftrag. An deren Ende wurde ihm die Ehrenpräsidentschaft aberkannt.

Am Donnerstag wird Thoma wie immer an Spieltagen Besuchergruppen im Museum begrüßen und Führungen anbieten. Er wird etwas nervös sein, weil er immer nervös ist vor Eintracht-Spielen – auch wenn die Zeit, in der er jede Heim- und Auswärtspartie besuchte, vorbei ist. Und nach dem Spiel wird Thoma das Ergebnis historisch einordnen. War das nun der höchste Sieg gegen eine Mannschaft aus Österreich? Oder die erste Niederlage gegen ein Team mit einem Trainer aus den USA? Matthias Thoma kann solche Fragen beantworten.

Bleibt noch zu klären, wer bei seinem ersten Spiel im Waldstadion den Treffer für Werder Bremen erzielte. Uwe Reinders war es in der 30. Minute. Damit ist auch diese Wissenslücke geschlossen.

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