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Rainer Jost ist ein Pionier: Er hat die Abteilung für Blindentennis bei Eintracht Frankfurt ins Leben gerufen.

Riederwald / Seckbach

Die Bälle kommen hören

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Eintracht Frankfurt ist der einzige Verein in Hessen, der Blindentennis anbietet. Trainiert wird einmal in der Woche.

Dass Rainer Jost Tennis nach Gefühl spielt, ist mehr als ein Spruch. Der 45-Jährige ist von Geburt an blind und darauf angewiesen, sich mit Händen und Füßen auf dem Spielfeld zu orientieren. Vor jedem Spiel tastet er sich am Netz entlang, um die Mitte des Platzes zu finden, dann zieht er seine Füße über die Linien aus Plastik, um ein Gespür für die Dimensionen des Feldes zu bekommen. Erst danach stellt er sich an seine Ausgangsposition.

Jost ist hochkonzentriert und bewegt sich kaum. In gebückter Haltung lauscht er nach dem Ball, der bei jeder Bodenberührung das Geräusch einer Babyrassel macht. Zwei bis drei Mal lässt Jost den Ball aufkommen, um sich orientieren zu können. Dann schlägt er zu. Er streift mit dem Schläger über den Boden und lupft den Ball in hohem Bogen über das Netz. Dann bewegt er sich blitzartig wieder in die Mitte des Feldes, prüft mit den Füßen seine Position auf der Linie und ist bereit, den nächsten Ball zu hören.

Dass der nicht zurückkommt, liegt daran, dass Blindentennis in Deutschland noch eine sehr junge Sportart ist. „Wir trainieren jetzt seit sieben Monaten, aber Ballwechsel kommen bisher noch nicht zustande“, sagt Jost, der zusammen mit sechs anderen Sportlern das Blindentennis-Team von Eintracht Frankfurt gegründet hat. In anderen Ländern seien aber sieben bis acht Zuspiele übers Netz in einem Ballwechsel die Regel.

Jost gehört zu den deutschen Pionieren der Sportart, für die es bundesweit nur acht Standorte gibt. Eingeführt wurde Blindentennis in Deutschland im April 2016 mit einem Workshop des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes, an dem auch Jost teilnahm. „Ich habe mich vorher auch gefragt, wie das funktionieren soll und war überrascht, wie viele Bälle ich getroffen habe.“

Nur Eintracht Frankfurt  bietet Blindentennis

Bevor er mit dem Training beginnen konnte, dauerte es aber: „Es war schwer, einen Verein zu finden, doch die Eintracht war dann sofort dabei, wofür ich sehr dankbar bin.“ Durch die Initiative von Jost ist Eintracht Frankfurt nun der einzige Verein in Hessen, der Blindentennis anbietet. Für Abteilungsleiter Michael Otto eine Selbstverständlichkeit: „Ich kann nicht verstehen, warum Blinde und Sehbehinderte nicht willkommen sein sollten. Wir fänden es toll, eine Plattform für diesen Sport zu werden.“

Trainiert wird einmal in der Woche auf der Vereinsanlage am Riederwald, Alfred-Pfaff-Straße 1 (im Stadtteil Seckbach). Zusammen mit Trainern, die sich in den Besonderheiten des Blindentennis fortgebildet haben. Dabei geht es vor allem um die Methoden des Trainings, denn die Regeln unterscheiden sich kaum vom regulären Tennis: Gespielt wird auf einem verkleinerten Feld mit einem niedrigeren Netz und der Ball darf bis zu drei Mal auf dem Boden aufkommen, damit die Sportler eine Chance haben, ihn zu hören. Zudem sollte es rund um das Feld zwar ruhig sein, doch normale Umgebungsgeräusche stören die Spieler in der Regel nicht. „Nur wenn es extrem laut wird, wie etwa durch einen Rasenmäher, geht gar nichts mehr“, sagt Jost.

Eine Liga für Blindentennis gibt es in Deutschland bisher nicht. Sollte im kommenden Jahr eine Deutsche Meisterschaft eingeführt werden, will Jost als Profi dabei sein. Wichtiger als Titel und Trophäen ist dem ausgebildeten Physiotherapeuten aber der Nachwuchs: „Ich möchte Vorreiter sein, um für blinde und sehbehinderte Jugendliche eine Möglichkeit zu schaffen, sich zu bewegen.“ Wer Interesse an einem kostenlosen Schnuppertraining hat, kann sich per E-Mail melden unter otto@tennis-eintracht.de. Besondere Kenntnisse sind laut Jost nicht erforderlich: „Die einzige Voraussetzung ist, dass man blind oder sehbehindert ist.“

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