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Matthias Thoma leitet das Eintracht-Museum.
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Matthias Thoma leitet das Eintracht-Museum.

Eintracht-Museum

Eintracht Frankfurt - Museumsleiter: „Diesen Wahrheiten muss man sich stellen“

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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Matthias Thoma, Leiter des Eintracht-Museums, spricht im FR-Interview über die Aufarbeitung der NS-Zeit und eine wichtige Auszeichnung des DFB.

Frankfurt - Große Freude im Eintracht-Museum im Waldstadion. Das 2007 gegründete Ausstellungshaus bekommt den renommierten Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes. Matthias Thoma, Leiter des Museums, wird die Auszeichnung in der kommenden Woche entgegennehmen.

Herr Thoma, das Eintracht-Museum hat den Julius-Hirsch-Preis für die Aufarbeitung der NS-Zeit im Verein erhalten. Was zeichnet Ihre Arbeit aus?

Es geht eben uns eben nicht nur um Aufarbeitung. Klar, an erster Stelle steht die Recherche. Wir wollen wissen, wie Eintracht Frankfurt und ihre Mitglieder in der NS-Zeit agiert haben. Zum anderen aber geht es uns darum, Erinnerungsorte zu schaffen. Etwa mit den Stolpersteinen, die wir für ermordete und deportierte Eintrachtler verlegen. Die dritte Säule des Konzepts ist die Vermittlung. Das sind die vielen Schulprojekte, die Workshops mit Eintracht-Fans und Spurensucheprojekte, bei denen wir gemeinsam mit der Fanbetreuung der Eintracht und Anhänger:innen die KZ-Gedenkstätten in Theresienstadt und Buchenwald besucht haben. Diese Spurensucheprojekte sind längerfristige Veranstaltungsreihen mit Vorträgen, Diskussionsrunden und Führungen. Den Abschluss bilden die Reisen.

Eintracht Frankfurt: Beschäftigung mit der eigenen Geschichte jenseits sportlicher Momente

Sehen Sie einen Fußballbundesligisten wie die Eintracht in der Pflicht, seine NS-Vergangenheit aufzuarbeiten?

Ja. Alle Vereine in Deutschland müssen sich klarmachen, dass ihre Geschichte nicht nur sportliche Momente beinhaltet, die aus Erfolgen und Misserfolgen bestehen. Diesen Wahrheiten muss man sich stellen und man muss sie vermitteln. Geschichte wird lebendig, wenn sie den eigenen Verein betrifft. Das ist etwas anderes als die eher abstrakte Vermittlung im Schulunterricht.

Sie selbst haben über Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit recherchiert. Stießen Sie dabei auf Widerstände?

Ja, aber auf weniger Widerstände, als ich erwartet hatte. Es ging dabei vor allem um die Vereinsverantwortlichen der Eintracht während des Nationalsozialismus, die Vereinsführer. Zwei davon waren Adolf Metzner und Rudi Gramlich.

Gramlich war ja bis Anfang 2020 Ehrenpräsident der Eintracht, obwohl er bei der SS war.

Genau. Es gab Eintracht-Mitglieder, die gesagt haben: Gramlich ist seit dreißig Jahren tot, der kann sich nicht mehr rechtfertigen, lasst die Geschichte ruhen. Die Mehrheit der Menschen bei der Eintracht sah das anders. Die fand es gut, dass das Fritz-Bauer-Institut auf Anregung der Eintracht über die Vereinsführer im Nationalsozialismus recherchiert hat. Auch über Rudolf Gramlich. Die Ergebnisse der Studie führten dazu, dass Gramlich letztlich die Würde des Ehrenpräsidenten aberkannt wurde. Und man muss auch sagen: Ja, Rudi Gramlich ist tot und konnte nichts mehr zu seiner Rolle in der NS-Zeit sagen. Aber er hatte über 40 Jahre Zeit, sich dazu zu äußern.

Das Museum

In der Haupttribüne des Stadions im Stadtwald ist das Eintracht-Museum beheimatet. Die Einrichtung, in der die Geschichte von Eintracht Frankfurt dargestellt wird, ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Informationen zu Führungen, Kinderprogramm und Vorträgen finden sich im Internet unter der Adresse https://museum.eintracht.de

Eintracht Frankfurt: Museum arbeitet eng mit Schulen zusammen

Wenn Sie Stolpersteine verlegen, sind viele Menschen aus dem Umfeld des Museums dabei, die meisten sind sehr interessiert an Geschichte und wissen extrem viel über Frankfurt, die Eintracht und die NS-Zeit. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie nur in dieser begrenzten Gruppe wirken?

Richtig ist, dass bei derartigen Aktionen in der Regel viele Leute kommen, die wir kennen und die, jeder für sich, engagiert sind. Aber: Das sind natürlich Multiplikator:innen. Die geben ihr Wissen weiter, die leben die Haltung der Eintracht nach außen. Und wenn wir etwa mit Schulen Stadionführungen machen, dann bleiben wir immer an den Stolpersteinen stehen, die wir an diesem prominenten Ort verlegt haben. So können wir alle Gäste unserer Führungen mit dem Thema Sport im Nationalsozialismus konfrontieren. Auch solche, die vielleicht zu einer Veranstaltung nicht ins Museum kommen.

Läuft die Arbeit mit den Schulen gut?

Sehr gut. Der Andrang ist groß. Es kommen jetzt auch Klassen zu uns, in denen es antisemitische Vorfälle gegeben hat, wie es offiziell heißt. Das Schulamt schickt die dann zu Projekten für Erinnerungsarbeit wie bei uns. Im Workshop „Schlappekicker und Juddebube“ arbeiten die Schüler:innen dann mit Arbeitsblättern und Dokumenten, um zu verstehen, wie Ausgrenzung in einem Verein funktionierte, der bis 1933 als liberal und weltoffen galt. Ein großes Privileg ist es, dass wir immer auch auf die Hilfe eines Zeitzeugen zurückgreifen können, der eindringlich mit Gruppen spricht.

Eintracht Frankfurt: Zeitzeugen im Museum

Sie meinen Helmut Sonneberg, den großen Eintracht-Fan, der 1945 mit dem letzten Transport nach Theresienstadt deportiert wurde.

Genau. Sonny ist ein großartiger Zeitzeuge. Er ist 90 Jahre alt und hat uns 2019 sogar zu einer Bildungsreise nach Theresienstadt begleitet, an den Ort, an den er einst deportiert wurde. Weil der Schulbetrieb und auch der Museumsbetrieb in den vergangenen Monaten wegen Corona eingeschränkt war, hat Helmut Sonnenberg in den vergangenen Monaten vor Schulklassen immer wieder auch per Videokonferenz berichtet. Und das mit 90 Jahren.

Nun müssen Sie als Museum die ganze Geschichte des Vereins darstellen. Von der Gründung 1899 bis zum Pokalsieg 2018. Haben Sie dafür genügend Leute, wenn Sie sich derart engagiert um die Vermittlung der NS-Zeit kümmern?

Wir haben 2007 bei der Eröffnung des Museums mit fünf Leuten angefangen. Jetzt haben wir ein Team von circa 20 Mitarbeitenden. Ein Problem ist mittlerweile eher der Platz. Wenn zwei Gruppen gleichzeitig zu Gast sind, dann wird es eng. Dann müssen wir in eine Loge im Stadion ausweichen. (Interview: Georg Leppert)

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