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„Wie bist du hier?“: Die unglaubliche Reise der Eintracht-Fans nach Barcelona

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Von: Oliver Teutsch

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Ganz in Weiß und auf verschlungenen Wegen – so tauchten viele Fans von Eintracht Frankfurt in Barcelona auf und halfen mit, damit das Unerwartete gelang.

Barcelona/Frankfurt – Die Fassungslosigkeit war zum Greifen. Hoch oben, in den 500er-Blöcken der riesigen Betonschüssel Camp Nou, sind die Eintracht-Fans nach dem Abpfiff dem Himmel am nächsten. Doch statt himmlischer Freude zunächst: Kopfschütteln, in den Händen vergrabene Gesichter, ehrfürchtiges Gemurmel. Zu unglaublich war das, was ihre Mannschaft in den gut 100 Spielminuten zuvor gegen den als übermächtig eingestuften FC Barcelona auf den Rasen gezaubert hatte.

Wer Fan von Eintracht Frankfurt ist, feiert besser schon mal vor dem Spiel. Nach dem Spiel gibt es meist zu selten Grund dazu. Die Party in der katalanischen Hauptstadt beginnt für einige Tausend Fans schon am Mittwochnachmittag (13.04.2022). Das Wetter spielt zunächst nicht mit. Zwei von der Fan- und Förderabteilung der Eintracht organisierte Charterflüge heben im Frankfurter Sonnenschein ab und landen im strömenden Regen. „Wo sind wir denn hingeflogen?“, wundert sich eine Reisende.

Die Partygäste machen das Beste daraus und feiern drinnen. Als ein Stimmungsnest am Nachmittag entpuppt sich die Markthalle an den Ramblas. Es wird viel getrunken. Die Marktleute sind geschäftstüchtig, das Bier wird immer teurer, die dargereichten Einwegbecher kleiner. Die Stimmung kann das nicht trüben, sie ist vorfreudig, aufgekratzt.

Frankfurts Fans feiern den 2:3-Sieg.
Frankfurts Fans feiern den 2:3-Sieg. © dpa

Eintracht Frankfurt in Bercelona: „Wie bist du hier?“

Eine der am meisten gestellten Fragen: „Wie bist du hier?“. „Über Brüssel“, „über Hamburg“, „über Amsterdam“ und überhaupt, kein echter Eintracht-Fan will sich das als Jahrhundertspiel ausgerufene Match gegen den ruhmreichen FC Barcelona entgehen lassen. Ein Verein, für den die Eintracht vor gut zehn Jahren noch Geld bezahlt hätte, um in der Saisonvorbereitung mal gegen ihn spielen zu dürfen.

Wie viele Eintracht-Fans sich aufgemacht haben an Spaniens Mittelmeerküste, kann nur geschätzt werden. Die Zahl steigt, je näher das Spiel rückt. 20 000, 25 000, 30 000. Nicht alle haben es sich so einfach gemacht wie die Charterreisenden. Der Eintracht-Fan-Club Bergen-Enkheim hat gleich fünf Busse an den Start gebracht. Die letzte Rundmail mit Orga-Hinweisen liest sich wie der Einsatzbefehl zu einer NATO-Übung. Alle 105 Minuten wird pausiert, die fünfminütigen Pausen werden mit zweimaligem Hupen beendet, dann ohne Rücksicht auf Nachzügler weitergefahren.

Eintracht Frankfurt: Fans auch ohne Ticket für Spiel beim FC Barcelona angereist

Mit an Bord war Lorenz. Als der 21-Jährige am Donnerstagmittag (14.04.2022) an der Plaza Tetuan nach 17,5 Stunden Fahrt aus dem Bus steigt, wirkt er noch etwas zerknittert. 155 Euro hat ihn die „Spar-Tour“ ohne Hotel-Übernachtung gekostet. „Es hat alles ganz gut geklappt“, sagt er. Nur in Frankreich sei jemand an einer Raststätte ausgesetzt worden, weil er sich zuvor im Bus erbrochen habe. Auch Feiern will gelernt sein.

Ein rauschendes Fest der Gemeinsamkeit.
Ein rauschendes Fest der Gemeinsamkeit. © dpa

Bei einigen Fans ist die Vorfreude auch noch etwas gedämpft: Sie sind ohne Ticket angereist. Am Donnerstagmorgen sollen am Stadion noch einige Tausend Resttickets verkauft werden. Doch der Vorverkauf wird gestoppt, bevor er angefangen hat. Der Gastgeber befürchtet, dass die Überzahl der Gästefans im Stadion noch größer wird. Offiziell hat die Eintracht nur knapp 5000 Tickets erhalten. Der Onlineverkauf wurde reglementiert, um den reisewütigen Eintracht-Fans Einhalt zu gebieten. Mit einer deutschen Kreditkarte oder einem deutschen Computer ist der Kauf nicht möglich. Doch viele, viele Fans haben eine Tante in Frankreich, einen Bekannten in Spanien oder Zugriff auf Rechner im Ausland.

Eintracht Frankfurt: Fans in Barcelona alle in Weiß

Ob mit oder ohne Ticket: Hauptsache in Weiß. Die Ultras haben vor der Party einen Dresscode ausgegeben und um weiße Kleidung gebeten. Eine fein gewählte Spitze: Weiß ist die Traditionsfarbe des bei den Katalanen verhassten ewigen Rivalen Real Madrid. Die große Mehrheit ist dem Aufruf gefolgt: Barcelona ist am Donnerstag ein Wimmelbild in Weiß. Auf großen Plätzen versammeln sich Tausende, um sich auf das Spiel einzustimmen, überall in den Straßen sind Fan-Gesänge zu hören. Eine neutral gekleidete Familie mit Fotoapparat flaniert mit traurigen Gesichtern über die Ramblas. Sie hatte sich den Ausflug nach Barcelona unter der Woche vermutlich etwas beschaulicher vorgestellt.

Die Fans müssen sich jetzt langsam mit dem Spiel befassen, das irgendwie gewonnen werden muss. Sie sprechen sich Mut zu. „Der Trapp hält den elften Elfmeter“ oder „der Hinti macht in der letzten Minute einen rein“. Niemand ahnt, dass es ganz anders kommt und nach rund einer Stunde Spielzeit schon etwas hämisch „einer geht noch rein“ angestimmt wird.

Eintracht Frankfurt beim FC Barcelona: Ungläubigkeit statt ekstasischer Jubel

Viele Barca-Fans sehen weiß. Sie sind geschockt, dass ihr Verein so viele Gäste-Fans in ihre Kathedrale des Fußballs gelassen hat und die jetzt auch noch Spaß haben. Aus Protest bleibt der Block der eingefleischten Fans hinter dem Tor in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit leer. Den Eintracht-Fans ist das egal. Sie saugen die Atmosphäre in sich auf. Ob das wirklich real ist, dass ihre Mannschaft gegen den fünfmaligen Champions-League-Sieger gerade mit 3:0 führt, ist erst mal egal.

Eine Stadt sieht weiß. Foto: Oliver Teutsch
Eine Stadt sieht weiß. © Oliver Teutsch

Doch nach dem Abpfiff herrscht eher Ungläubigkeit als ekstatischer Jubel. Dass jetzt auch nach dem Spiel noch gefeiert werden muss, ist fast ein bisschen viel. Als die Mannschaft zum zweiten Mal aus den Katakomben kommt, um sich von ihren Fans feiern zu lassen und die Stimmung dieses Augenblicks zu genießen, dämmert einigen, dass es wohl wirklich wahr ist. Der Underdog schlägt die Übermannschaft. Ein himmlisches Vergnügen. (Oliver Teutsch)

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