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Durch Corona geht das Gemeinschaftserlebnis verloren, findet Eintracht Anhänger Lars Bernotat

Interview

Eintracht Frankfurt und Corona - Fanvertreter schlagen Alarm: „Fankultur ist massiv bedroht“

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Eintracht-Anhänger Lars Bernotat lehnt Fußballspiele unter Corona-Bedingungen ab und geht hart mit dem Profi-Fußball ins Gericht.

  • Lars Bernotat kritisiert das Verhalten von Eintracht Frankfurt während Corona scharf.
  • Der Profifußball hat einfach so weiter gemacht wie bisher.
  • Unter den derzeitigen Bedingungen kann kein Gemeinschaftserlebnis stattfinden, das den Fußball ausmacht.

Die Eintracht war sein Leben. Oder zumindest ein wichtiger Teil davon. Seit mehr als 30 Jahren geht Lars Bernotat, der Vorsitzende des 250 Mitglieder zählenden Eintracht-Fanclubs „Äppelwoi“, ins Stadion. Doch in der Corona-Krise kamen dem 48-Jährigen Zweifel – auch am eigenen Verein.

Herr Bernotat, besuchen Sie heute das Spiel der Eintracht gegen Arminia Bielefeld?

Nein.

Wieso nicht? Haben Sie keine Karte bekommen?

Ich gehe nicht hin, weil es mich nicht interessiert. Ich weiß, das hört sich krass an. Ich habe seit 1986 eine Dauerkarte bei der Eintracht, der Verein ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber wie sich der gesamte Profifußball und auch Eintracht Frankfurt in den vergangenen Monaten verhalten haben, das hat in mir ein nie für möglich gehaltenes Desinteresse am Fußball hervorgerufen.

Eintracht Frankfurt hat während Corona so weitergemacht wie bisher

Was kritisieren Sie genau?

Der Profifußball hat trotz Corona-Pandemie genau so weitergemacht wie bisher. Von Demut oder einem Umdenken keine Spur. Und während sehr, sehr viele Menschen in den finanziellen Ruin gestürzt sind, machen die Bayern einen neuen Rekordumsatz in der Champions League. Das ist einfach ekelhaft.

Was werfen Sie der Eintracht vor?

Die Eintracht hat sich auch sehr wenig um die Opfer der Corona-Krise geschert. Unsere Spieler haben einfach weitergespielt, als wäre nichts gewesen. Da hätte ich viel, viel mehr erwartet. Warum ist der Verein nicht auf Fans zugegangen, denen es schlechtgeht? Wir hätten denen sehr viele Menschen nennen können, die sich über ein Zeichen gefreut hätten. Die Eintracht hat eine Chance vertan.

Ist das nicht ungerecht? Die Eintracht hat eine Kampagne gestartet und eine Million Euro an soziale Institutionen wie die Arche Frankfurt und die Tafel Frankfurt gespendet.

Bitte? Wer hat dieses Geld gespendet? Die Eintracht? Nein, der Vorstand der Eintracht hat es überreicht. Aber es kommt doch im Wesentlichen von uns Fans. Das Geld kam unter anderem zusammen, weil sehr viele Fans darauf verzichtet haben, sich das Eintrittsgeld für die Spiele erstatten zu lassen, die wegen Corona ausgefallen sind. Dazu kamen die Einnahmen aus dem Verkauf von T-Shirts und Masken, die ebenfalls von uns Fans gekauft wurden.

Eintracht Frankfurt während Corona: Besuch in Uniklinik nur Alibiaktion

Die Eintracht hat sich aber nicht nur finanziell eingebracht. Verteidiger Danny da Costa hat die Corona-Station der Uniklinik besucht, Torhüter Kevin Trapp hat Lebensmittel ausgeliefert…

Ja, das ist schön. Aber für mich sind das Alibiaktionen. Eintracht Frankfurt stand zuletzt für einen besonderen Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans. Erinnern Sie sich an das Bild, auf dem ein Fan in London den Unglücksschützen Hinteregger nach dem Spiel umarmt? Da wurde ganz bewusst mit Emotionen gespielt. Wir sind die Sportgemeinde Eintracht. Sinngemäß hätte ich mir eine solche Umarmung nun andersherum gewünscht. Stattdessen hat – während viele Fans in arge finanzielle Probleme gerieten – die Eintracht das 90 000. Mitglied und den Stadiondeal mit der Deutschen Bank gefeiert.

Lars Bernotat ist Vorsitzender des EFC Äppelwoi.

Also hätte die Eintracht keinen Vertrag mit der Deutschen Bank schließen sollen und am besten während der Corona-Zeit gar nicht spielen sollen?

Das habe ich nicht gesagt. Aber die Eintracht hätte zumindest kritisch feststellen müssen, dass der Profifußball genauso beschissen weitermacht wie vor der Pandemie. Stattdessen schließt man einen Pakt mit einer Bank, die die Eintracht braucht, um ihr Image aufzubessern.

Dass Sie heute nicht ins Stadion gehen, hat also nur mit Ihrer Wut aufs Fußballgeschäft und nichts mit den Hygieneregeln in der Arena zu tun?

Unter den Bedingungen, die heute gelten, wäre ich ohnehin nicht gegangen. Wobei ich dem Eintracht-Vorstand Axel Hellmann keinen Vorwurf mache. Der muss sehen, dass wieder Zuschauer kommen. Und wenn das nur unter diesen Bedingungen geht, dann ist das halt so. Aber für mich ist das nichts. Es fehlt doch vieles, was den Fußball für mich attraktiv macht.

Eintracht Frankfurt und Corona: Fußball ist ein Gemeinschaftserlebnis

Was genau?

Fußball, und ganz besonders die Eintracht, ist ein Gemeinschaftserlebnis. Die Sportgemeinde Eintracht besteht tatsächlich vor allem aus den vielen Menschen dahinter, die über Jahre Freunde geworden sind und mit denen man die Eintracht gemeinsam lebt. Das geht so natürlich nicht.

Geht niemand aus Ihrem Fanclub ins Stadion?

Eine Mutter mit ihrem Sohn geht hin. Alle anderen bleiben daheim.

Haben Sie auf die Mitglieder eingewirkt?

Musste ich gar nicht. Bei einigen von uns wäre es für mich völlig okay gewesen, wenn sie hingegangen wären. Die wollten halt nicht. Aber von unserem harten Kern, der mit mir zusammen in der Nordwestkurve hinterm Tor steht, habe ich tatsächlich auch diesen gemeinschaftlichen Schulterschluss erwartet, dass wir alle gehen oder keiner. Aber darüber herrscht ohnehin Konsens.

Maßnahmen der Eintracht Frankfurt könnten auch nach Corona bestehen bleiben

Warum ist Ihnen diese Geschlossenheit so wichtig?

Weil es um mehr geht als die Frage, ob jemand das eine oder andere Spiel sieht. Ich halte die Fankultur für massiv bedroht. Ich fürchte einfach, dass von den jetzigen Maßnahmen nicht alles entfällt, wenn die Corona-Krise vorbei ist. Es wird Leute geben, die sagen, dass es ohne Stehplätze ganz wunderbar geklappt hat. Und dass personalisierte Tickets ein prima Mittel gegen Randale sind. Und dass man zumindest bei brisanten Spielen auf Gästefans verzichten sollte. So eine Entwicklung müssen wir verhindern. Die Fußballverantwortlichen der Verbände haben hier leider aufgrund ihres Verhaltens in den letzten Jahren keinerlei Vertrauen verdient.

Wann werden Sie wieder ein Spiel besuchen?

Ich weiß es nicht. Ich gebe zu, in der jetzigen Situation stehe ich ziemlich neben mir. Ich muss abwarten, wie sich das jetzt alles entwickelt.

Interview: Georg Leppert

Das Spiel der Eintracht Frankfurt gegen Armina Bielefeld kann live im TV sowie im Live-Stream verfolgt werden. Wir erklären wie.

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