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Eintracht-Legende „Sonny“: „Der Europapokal wäre die Krönung des ganzen Vereins“

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Von: Thomas Stillbauer

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1960 fuhr er drei Tage mit dem Zug zum Halbfinale nach Glasgow: Helmut Sonneberg, hier in einer Szene aus Ron Ulrichs Film „Sonny“ für den HR.
1960 fuhr er drei Tage mit dem Zug zum Halbfinale nach Glasgow: Helmut Sonneberg, hier in einer Szene aus Ron Ulrichs Film „Sonny“ für den HR. © Foto aus dem Film von Ron Ulrich, Kamera: Jonas Weinhold/Manual Monning

Eintracht-Legende Helmut „Sonny“ Sonneberg über drei Europapokal-Endspiele in 62 Jahren – und über den modernen Fußball.

Frankfurt – Helmut Sonneberg legt einfach los. So ist er halt. Noch keine Frage gestellt, aber er ordnet schon mal ein: Was da jetzt alles käme und was nicht, ach du lieber Gott, und was er mit der Eintracht schon alles erlebt hat, aber das wäre jetzt ein ganz anderes Level, auf das wir da gehoben wüüürden, wenn, ja wenn sie den Europapokal holten. Aber wenn nicht: „Die Welt geht net unner, wenn se des net schaffe.“ Vielen gehe es beim Fußball ums Geld. „Aber es ist doch viel mehr. Die Eintracht ist ja ein Verein, meine große Familie. Und das wird sie bei mir auch bleiben bis zum letzten Atemzug, ob hopp oder topp.“

Herr Sonneberg, wo schauen Sie das Spiel am Mittwoch?

Hier zu Haus.

Kein Stadion, kein Public Viewing?

Nein, nein, nein, in meinem Alter nicht mehr. Ich mache es wie Egon Loy …

… der Torwart der Eintracht-Meistermannschaft von 1959 …

… der müsste etwa mein Jahrgang sein, und der hat gesagt, das ist ihm zu viel Trallala und Drumherum.

Was sagen Sie zur Eintracht? Hätten Sie gedacht, dass Sie Ihr drittes Europacupfinale erleben?

Es gibt ja das Lied: „Wunder gibt es immer wieder“. Das war doch 1980 schon so, als der Hölzenbein im Sitzen das zweite Tor gegen Bukarest gemacht hat und der Fred Schaub dann im Endspiel aus dem Gewühl das entscheidende. Fußball ist halt unberechenbar. Ich war jetzt von Sky eingeladen, beim Spiel gegen Greuther Fürth, da durfte ich die Halbzeitanalyse machen. Also gegen den Tabellenletzten nicht mal ein Tor zu schießen! Wissen Sie, was der Eintracht schon die ganze Saison fehlt?

Ein Stürmer?

Nach meiner Auffassung fehlt die Körperlichkeit im Sturm. Wir bräuchten da einen Mann, der muss gar nicht groß sein, 1,85 Meter langt ja, aber der muss sich durchsetzen können. Das fehlt uns. Unser Manager, der Krösche, hat jetzt lauter Spieler verpflichtet, die nichts gekostet haben. Gut, momentan ist kein Geld da, aber das Frankfurter Schlappmaul sagt dazu: Für nix kriehste nix!

Vielleicht kommt ja demnächst Geld rein.

Ach natürlich, das wäre die Krönung des ganzen Vereins – was wir dann für Möglichkeiten hätten. Wenn wir nächstes Jahr in der Champions League spielen würden, da bist du von vornherein mit 30 oder 40 Millionen oder noch mehr dabei. Dann würden sich auch Spieler für die Eintracht interessieren, die man jetzt gar nicht auf dem Zettel hat. Dann wären wir gleichzusetzen mit Bayern, Dortmund, Leipzig oder Leverkusen.

Wie stehen denn die Chancen?

Wo ich hinhöre, mein Metzger, mein Bäcker, die sind alle wie narrisch und glauben, das ist schon eingetütet. Ich sag immer: Das gibt ein böses Erwachen! Findet euch erst mal damit ab, dass es nicht klappt! Freuen kann man sich später immer noch.

Sie haben in der Meistersaison 1959 den Alfred Pfaff vom Platz getragen. Wie haben Sie die Europapokalsaison danach erlebt?

Ich hab alle Heimspiele gesehen. Dabei hatte ich damals vor dem Halbfinale mit der Galle zu tun und lag im Krankenhaus, aber abends bin ich abgehauen, weil die Eintracht gespielt hat.

Aus dem Krankenhaus? Um Fußball zu gucken?

Ja, da bin ich abgehauen und ins Stadion, und wir haben gegen die Rangers 6:1 gewonnen.

Ins Stadion? Aus dem Krankenhaus?!

Ja klar. Ich hatte meinen schwarzen VW vor der Tür stehen. Und dann haben wir uns geschworen, 6:1, das ist ja nicht mehr zu kippen, dass wir uns mit drei Kumpels in den Zug setzen, und dann sind wir nach Glasgow. Kein Wort Englisch, das hab ich ja nie lernen dürfen beim Hitler. Wir waren drei Tage unterwegs, bis wir da waren. Und dann sind wir in den Hampden Park. 6:3 gewonnen, ach, was war des so schee! Und was die auf der Insel für ein Fairplay hatten! Da ist jede Aktion beklatscht und Oh! und Ah! gemacht worden – nicht gepfiffen. Der Alfred Pfaff hat einen Bowler, so einen Hut, geschenkt bekommen. Für uns gab es keinen Fan-Schal und kein Käppi und kein Hemd und kein Trikot – es gab ja nix, wir mussten alles selber machen. Aber als die uns im Stadion erkannt haben als Eintrachtler: Die haben uns gratuliert!

Heute wird man bei West Ham rausgeschmissen.

Damals haben sie uns gratuliert. Das war Fairplay. Da können wir uns ein paar Scheiben abschneiden. Ist ja lachhaft, was sich hier abspielt. Hier werde ich als alter Mann gefragt: Habt ihr euch früher im Wald getroffen, um euch zu kloppen? Ich guck den an und sag: Ich geh zum Fußballspiel. Und wenn die Eintracht verloren hat, gehe ich mit Tränen in den Augen nach Hause, erkenne aber an, dass die anderen besser waren. Wenn aber im Bundestag einer einen tollen Vorschlag macht, dann klatscht nur seine Fraktion, die anderen nicht. Wie bekloppt is’n des? Und die wollen Vorbilder sein? Ich begreif’s net.

Zum Endspiel gegen Real Madrid 1960 sind Sie aber nicht noch mal nach Glasgow gefahren?

Es gab ja keine Karten. Und die Preise waren noch mal höher, da hatten die kleinen Leute doch keine Chance. Aber 1959 sind wir zu viert nach Berlin zum Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen die Kickers gefahren. Da hab ich von jedem fünf Mark verlangt.

ZUR PERSON

Helmut Sonneberg, 90, von allen nur Sonny genannt, ist eine lebende Legende bei Eintracht Frankfurt. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg in den Verein eingetreten, erlebte er alle Höhen und Tiefen mit.

In der NS-Zeit wurde der jüdische Frankfurter als Kind ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Er erzählt davon in der äußerst bewegenden Dokumentation „Sonny – eine Geschichte über Holocaust, Eintracht und Frankfurt“ von Ron Ulrich, zu sehen n der ARD-Mediathek. Als er erfuhr, dass der ehemalige Eintracht-Präsident ein Nazi war, trat er aus dem Verein, seiner großen Liebe, aus.

Inzwischen ist er längst wieder in die Eintracht-Familie zurückgekehrt – und der Ex-Präsident kein Ehrenmitglied mehr.

Fünf Mark?

Ja. Der Sprit hat 43 Pfennig den Liter gekostet. Das Auto hat sechs Liter verbraucht.

Sie sind für 25 Mark nach Berlin und zurück gefahren! Zu viert!

Über die Zonengrenze. Da war so ein älterer Vopo und sagte: „Wo wollt ihr hin? Keine Genehmigung!“ Und der jüngere Kollege zeigt auf mein Auto, das war ja vollgeschmiert, auf der einen Seite „Eintracht Bravo“, auf der anderen Seite „Bravo Eintracht“, vorne stand „Achtung, mir komme!“, lauter so ein Quatsch, und da hat der junge Mann gesagt: „Lass doch die Bube fahrn!“ Und der ältere: „Aber nicht anhalten – es wird sofort scharf geschossen!“

Du lieber Himmel.

Dann haben die anderen im Auto zwei, drei Bier getrunken und mussten mal pinkeln. Ich also angehalten – da kommen die aus dem Gebüsch und knallen in die Luft: „Weiterfahren!“ Ja, wir haben schon schöne Sachen erlebt. (lacht)

Haben Sie den Uefa-Cup-Triumph 1980 auch so intensiv miterlebt?

Natürlich! In Gladbach 2:3 verloren, aber da gab’s ja noch die Auswärtstorregel, hier daheim 1:0 gewonnen, also waren wir Sieger. Da haben wir den Europapokal geholt.

Eintracht Frankfurt: Jahrhundertspiel auch für die Glasgow Rangers

Wissen Sie noch, in welchem Stadionblock Sie waren, damals beim Finale?

Nur Stehplatz. Ich hab immer nur Stehplatz genommen bis vor 20 oder 25 Jahren. Da hab ich eine Dauerkarte genommen, da will man nicht mehr stehen. Das ist dann ja auch bequemer. Aber ich war überall dabei. Ich hab doch kein Spiel ausgelassen! Ich hab mit meiner Emmi bis vor zehn, zwölf Jahren Dauerkarten gehabt, ach, herrlich, und genau auf Höhe Mittellinie. Hinter mir war die Sprecherkabine vom Rundfunk, und wenn der was Verkehrtes erzählt hat, bin ich hoch und hab mit dem getobt! Der vom Hessischen Rundfunk, wenn der gesehen hat, ich bin auf der Treppe, dann wusste der schon, ich geh auf ihn los. (lacht)

Wie hat sich das Fan-Sein, die Fankultur verändert?

Ich bewundere ja die jungen Leute mit ihren Choreografien, das ist ja wunderbar. Diese Stimmung! Aber was ich nicht verstehe: Wie kann ich denn, wenn ich zum Fußballspiel gehe, von Anfang an da rumhüpfen? Ich glaube, da gehen inzwischen viele hin, weil da eine Party ist, oder neudeutsch: ein Event. Fußballversteher sind höchstens 40 Prozent. Wenn ich im Fernsehen ein kleines Mädchen im Stadion sehe, das sich die Ohren zuhält und weint und weint und weint – das finde ich verantwortungslos von den Eltern. Da ist ein Höllenlärm und ein Geschubse und ach!

Anders als früher?

Da sind doch jetzt Leute, die noch nie gegen einen Ball getreten haben und gar nicht wissen, was da für ein Bewegungsablauf dazugehört. Ein Ball kann so schnell verspringen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich hab 15 Jahre bei der Eintracht gekickt und noch mal zehn Jahre beim Taxi-Verein. Wenn der Lindström mit dem Ball aufs Tor zuläuft, sag ich, der is noch net drin. Früher, wenn der Bum-kun Cha von der Mittellinie mit einem Steilpass auf und davon gegangen ist, haste schon Tor geschrien.

Wie Ante Rebic in Chelsea, als der Steilpass auf Luka Jovic kam.

Aber heute, na ja. Das Spiel ist ja auch wesentlich schneller geworden, körperbetonter.

Und man kriegt kaum noch Eintrittskarten.

Ich kenne Leute, die haben sich schon nach dem Sieg gegen Barcelona Flugtickets fürs Finale in Sevilla gekauft. 800 Euro hin und zurück. Dann, nach dem Halbfinale, hab ich gefragt: Und, haste eine Eintrittskarte? Nee, noch nicht. Also, wie kann man denn so was machen, für 800 Euro, und dann machste da eine Stadtbesichtigung?

In Sevilla haben sie ja leider das kleine Stadion …

Also diese Uefa! Die wollen doch immer Geld verdienen. Und dann suchen die so ein kleines Stadion aus? Geht doch nach Madrid oder Barcelona! Ich zweifle manchmal am Verstand von diesen Herrschaften.

Kommen trotzdem genug Frankfurter ins Stadion?

Wir haben 10 000 Karten, und ich bin überzeugt, da kommen mindestens noch mal 10 000 rein. Ob die geizigen Schotten das auch machen – glaub ich nicht. (lacht)

Ihr Tipp fürs Spiel?

Ich hab vielleicht ein bisschen Hoffnung, wenn der Lindström spielt. Ich bin zwar immer erst mal Pessimist und lasse mich lieber positiv überraschen. Aber es wäre mein schönstes Geburtstagsgeschenk.

Sie werden am 4. Juni 91 Jahre alt. Also, wie geht’s denn aus am Mittwoch?

Ach, wissen Sie, nee, ich geb mal lieber keinen Tipp ab. 2016 hab ich mit einem Wirt gewettet, dass die Eintracht absteigt. Um 200 Euro, wir sind nicht mehr zu retten, hab ich gesagt. Und glauben Sie mir, ich hab mich so gefreut, später in die Wirtschaft zu gehen und dem Mann die 200 Euro zu geben. Wenn es nicht klappt, ei ja, dann hat’s der liebe Gott halt diesmal nicht so gewollt. Ich wünsche mir, dass er meiner Lebensgefährtin und mir noch zwei, drei, vier gute und gesunde Jahre gibt, das sind wie wichtigen Dinge. Wobei ich die Eintracht niemals aus den Augen verliere. Die Eintracht ist und bleibt meine große Familie. )Interview: Thomas Stillbauer)

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