Cool in Korea, aber auch in Mainz wird vor der Webcam gespeist.
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Cool in Korea, aber auch in Mainz wird vor der Webcam gespeist.

Freizeit im Lockdown

Einsamkeit im Corona-Lockdown: Was junge und queere Menschen dagegen tun

Sich im Kino verabreden, feiern oder schön essen gehen - all das geht gerade nicht. Junge und queere Leute haben aber Ideen, was gegen die Einsamkeit zutun ist.

Was man mit seiner Freizeit im Lockdown anfangen kann, darauf weiß die Jodel-Community Rat: „Kiffen“, „Ficken“ und „Essen“, das sind die ersten drei Antworten auf die Frage. Manche mögen meinen, hier bestätigen sich Vorurteile über faule Studierende und Niveaulosigkeit auf anonymen Social-Media-Apps. Doch Jodel gilt als Plattform für Verlassene, Anschlusssuchende und junge Menschen, die gerade einfach nichts Besseres zu tun haben. Kurz: die sich allein fühlen.

Corona-Einsamkeit: Das Internet kann verbinden

Die nächsten Vorschläge, die sowohl von Jodel- als auch Facebook-Nutzenden eintrudeln, sind schon konstruktiver: Online-Tanzkurse, Engagement im Tierheim oder die Wohnung neu gestalten sind nur ein paar der vielen Ideen, was zu tun ist, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt. „Das Internet verbindet in dieser Zeit schon sehr“, trägt Facebook-Nutzerin Tina Scherwitzl zur Diskussion bei.

Kochen via Internet.

Gerade für Erstsemester ist das Vernetzen eine gute Möglichkeit, die Facebook- und Whatsapp-Gruppe schnell gegründet, auf Instagram weisen Hochschulgruppen und Fachschaften auf virtuelle Events hin. „Uns kam spontan die Idee, zusammen zu kochen“, erzählt Janka Mayer. Die 23-Jährige betreut zusammen mit anderen Studierenden in der Fachschaft jedes Semester die „Erstis“ der Politikwissenschaft an der Uni Mainz. Dieses Jahr waren neue Ideen gefragt.

Corona-Lockdown: Digitaler Kampf gegen die Einsamkeit

Also präsentierten die älteren Studis ihre Rezepte auf Instagram, rund 30 Erstsemester meldeten sich an und wurden in virtuelle Räume eingeteilt. Erst kochte und später aß man zusammen – nur getrennt durch einen Bildschirm. Eine willkommene Abwechslung, vor allem für Studierende, die allein in einem anonymen Wohnheim leben. Die Rückmeldungen wären toll gewesen, „da gab es direkt was zu reden“, meint Mayer begeistert. Weitere Aktionen sind geplant.

Schutzräume sind für Jugendliche vor allem im Corona-Lockdown „lebensnotwendig“

Doch nicht allen fällt es so leicht, sich an die Einschränkungen anzupassen. Menschenrechtsaktivist Christian Gaa erklärt, wie die Einschränkungen die Community aus Lesben, Schwulen, Bi-, Trans-, Inter- und Asexuellen (LSBTIA) treffen: „Queere Singles brauchen Bars, Clubs, in denen sie die Mehrheit sind, sie sich sicher fühlen und austauschen können.“ Gerade für die Jugendlichen seien diese Schutzräume „lebensnotwendig“, da Depressionen unter queeren Jugendlichen verbreitet seien und sie die Kommunikation mit anderen deshalb dringend bräuchten.

„Wenn die wegbricht und dann noch ein queerfeindliches Elternhaus dazukommt, kann Einsamkeit schnell gefährlich werden“, sagt Gaa. Dagegen helfe, Kontakt zu halten, das funktioniere virtuell auch oft ganz gut. „Wir sind vernetzter denn je“, meint er. Trotzdem würden die Beratungsstellen wichtig und offen bleiben.

Polyamor in Zeiten des Corona-Lockdown: Kommunikation ist besonders wichtig

Auch persönlich ist es für ihn eine herausfordernde Zeit. „Es funktioniert, aber es ist sehr anstrengend“, sagt Christian Gaa über seine Beziehungen mit zwei schwulen Paaren. Der 27-Jährige lebt polyamor, also außerhalb einer Zweierbeziehung. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und steigenden Fallzahlen sei Kommunikation da besonders wichtig. „Jetzt braucht es das Grundvertrauen, dass sich alle gegenseitig schützen“, sagt Gaa. Während der Pandemie haben er und seine Partner ihre Kontakte außerhalb ihrer Verhältnisse eingestellt.

Corona-Telefon

Die Goethe-Universität in Frankfurt bietet ein aktuelles Sorgentelefon für Menschen, die Rat suchen.

Unter 069 /798 251 02 kann ein Beratungstermin vereinbart werden. Sprechzeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 10 bis 13 Uhr, Mittwoch von 11 bis 13 Uhr.

Emotional stütze ihn sein Beziehungsgeflecht, erzählt er. Besonders in diesen Zeiten, in denen er, wie er sagt, mehr Arbeit als sonst habe. „Es ist immer jemand da“, sagt Gaa. So gebe es weniger Frust, und es könne besser kommuniziert werden als in herkömmlichen Zweierbeziehungen.

Einsamkeit, das ist ein Problem, das mit dem Beginn der Corona-Krise zunahm und jetzt im Lockdown wieder neue Relevanz gewinnt, meint Professorin Heidi Möller von der Uni Kassel. Sie rekrutierte deswegen schon im Frühjahr 25 Masterstudierende, um ein Corona-Sorgentelefon ins Leben zu rufen. Nun befindet sich das Projekt im Wiederaufbau.

„Ich dachte, das ist eine Win-win-Situation – ich schaffe Praktikumsplätze und helfe gleichzeitig Menschen, die jemanden zum Reden brauchen.“ Manchen Anrufer:innen fehlt die Struktur am Tag, manche kommen mit dem Homeoffice nicht zurecht, haben finanzielle Nöte oder eine belastende Familie. Manche fühlen sich einfach einsam.

„Corona ist eine überhaupt nicht vorstellbare, nicht greifbare Situation“, meint Möller. Der Mensch tut sich leichter, Krisen zu bewältigen, mit denen man schon Erfahrungen hat. Aber da Corona etwas nie da Gewesenes ist, fällt die Einschätzung umso schwerer.

Die Uni Kassel hat einen Gesprächsleitfaden entwickelt, wie die Betroffenen im Alltag besser damit umgehen, ihre Stimmung aufhellen und für sich selbst sorgen. Dabei sind Hygieneregeln, Verhaltensempfehlungen und in manchen Fällen Kontaktadressen für Beratungsstellen. Denn auch suizidale Fälle werden nicht alleingelassen, hier coachte die Professorin die Studierenden, an welche Stellen die Betroffenen weitergeleitet werden sollen.

Wer Angst hat oder verunsichert ist, sollte seinen Medienkonsum herunterfahren, meint das Institut. Viele vertrauten auf zweifelhafte Quellen, da sei es besser, das Nachrichten-Schauen oder -Lesen zu reduzieren.

„Akzeptieren, dass es keine leichte Situation ist, kann helfen“, meint Koordinatorin und Gastprofessorin Jana Volkert. Ein „logischer Bewältigungsversuch“ sei, sich in die Arbeit zu stürzen, aber wichtig wäre, dass man sich nicht übernimmt. Virtuell den Kontakt suchen, das empfiehlt Professorin Möller: „Man kann über Social Media mehr machen, als man denkt. Ich zum Beispiel verabrede mich ab und zu auf einen Aperitif mit Freunden aus Wien.“

Dass es auch noch etwas mehr gibt zwischen totaler Einsamkeit und rauschenden Feten, auch für weniger Internetaffine, erzählt Jenifer Noack im Facebook-Chat. Die 36-Jährige bezeichnet sich selbst als eine offene Person, spricht Leute beim Einkaufen, beim Gassigehen mit dem Hund oder auf einem einfachen Spaziergang an. „Ein Lächeln reicht oft, um eines zurückzubekommen“, sagt sie. Meist sei die Reaktion äußerst positiv; so habe sie schon viele Leute kennengelernt, trotz Abstand und Rückzug.

Von Isabel Knippel und Kilian Beck

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