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Aylin Altiparmak (links) und Parvin Djahani haben in ihren Deutschkursen mehr gelernt als ihre Schülerinnen, sagen sie.

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Im Uniprojekt „Start ins Deutsche“ unterrichten Studierende geflüchtete Menschen.

Sie würden es jederzeit wieder tun. Davon sind Aylin Altiparmak (25) und Parvin Djahani (29) überzeugt. Die zwei Studentinnen der Goethe-Uni haben geflüchteten Frauen Deutsch beigebracht, haben es zumindest versucht. Sechs Monate lang haben sie in einer Übergangsunterkunft an der Gutleutstraße beim Uni-Programm „Start ins Deutsche“ mitgearbeitet. Sie haben viel gelernt.

Beide junge Frauen bestehen darauf, mit Vornamen geschrieben zu werden. Ihre Nachnamen erscheinen ihnen zu kompliziert für die Zeitung. „Eigentlich haben wir mehr gelernt als die Kursteilnehmerinnen“, sagt Aylin. Etwa, was dringend geändert werden müsste im Umgang mit Neuankömmlingen in der Stadt. Über die Unterkunft selbst, ein ehemaliges Bürogebäude, sind die beiden schlicht entsetzt. Über den Uringeruch auf den Fluren, die Gemeinschaftsduschen, die Enge auf den Zimmern, in denen ganze Familien leben, die düstere Atmosphäre, die Hoffnungslosigkeit.

„Für mich sah es aus wie im Gefängnis“, sagt Aylin. Entsprechend frustriert seien die Bewohner, Eritreer, Afghanen, Syrer. „Sie kommen mit großen Erwartungen nach Deutschland und landen eingezwängt in einem heruntergekommenen Übergangsheim“, sagt Parvin. Die Vermieter interessiert das nicht, scheint es. Die Stadt ist froh, überhaupt Unterkünfte auftreiben zu können.

Der Frust, das haben die zwei Studentinnen beobachtet, baue sich auf beiden Seiten auf. Auch die Helfer, die sich um die Neuankömmlinge kümmern sollen, verlieren die Lust, stumpfen ab. „Die pennen den ganzen Tag“, sagen sie dann über die Bewohner. „Aber was sollen sie auch tun?“, fragen sich die Studentinnen.

Die Goethe-Universität engagiert sich mit Deutschkursen ehrenamtlich für Flüchtlinge. Das Projekt nennt sich „Start ins Deutsche – Studierende unterrichten Flüchtlinge“. Es finanziert sich über Spenden.

Info und Kontakt unter Telefon 069 / 79 81 24 85; Mail: start-ins-deutsche @uni-frankfurt.de; im Netz unter: www.uni-frankfurt.de/59010262/ Start_ins_Deutsche

Es ist der Sommer 2017, die Diskussion um Flüchtlinge kocht, nimmt bizarre Ausmaße an. Aylin und Parvin wollen sich engagieren, wollen helfen. Weil sie die Debatte nervt, wie einseitig die Neuankömmlinge als Bedrohung dargestellt werden. Und nicht als Bereicherung. Aber auch aus Mitgefühl. Sie wollen den Menschen das Ankommen erleichtern.

Das Uniprogramm ist für sie der einfachste Weg, sich einzubringen. Beide haben unter anderem Germanistik studiert, sind deutsche Muttersprachlerinnen, kennen sich also aus. Parvin hat zudem als Hilfskraft im Schreibzentrum der Uni Erfahrungen in der Erwachsenenbildung. Sie kann sich vorstellen, das beruflich zu machen: Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten.

„Die Schulung ist intensiv“, erzählt Aylin. Zwei Tage lang besuchen sie und 100 weitere junge Leute Workshops. Lernen Asylrecht oder mehrsprachig zu unterrichten. Lernen Traumata zu erkennen und wie sie Hilfe vermitteln können. Doch alle Vorbereitung ist Makulatur, als sie erstmals auf ihre Gruppe treffen. Das Projekt hat verschiedene Standorte, etwa Intensivkurse für Akademiker. Da ist das Niveau hoch, die Kursteilnehmer sind motiviert. Die Studentinnen finden an der Gutleutstraße das Gegenteil vor: „Chaos“, sagt Parvin und lacht.

Eine sehr heterogene Gruppe kommt zum Unterricht, manche Frauen sind nicht einmal in der eigenen Sprache alphabetisiert. Es ist eine Übergangsunterkunft, jede Woche kommen andere Gesichter, wenn überhaupt jemand in den Vormittagskursen auftaucht.

Irgendwann schlägt die Einrichtungsleitung vor, die Studentinnen könnten ja bei den Kursteilnehmerinnen klopfen, sie abholen. Sie zögern, sorgen sich um die Privatsphäre der Bewohnerinnen. „Wir hatten Hemmungen“, sagt Aylin. Dann versuchen sie es, gehen mit der Security über die Flure. Mit Unbehagen. „Manche Bewohnerinnen waren noch gar nicht umgezogen“, sagt Parvin.

Auch der Unterricht läuft schleppend an. Die engagierten Lehrkräfte beginnen ständig wieder bei Null. Mit dem Alphabet. Das zermürbt. Macht sie aber auch hellhörig, lässt sie den Lehrplan an die Bedürfnisse der Bewohner anpassen. Statt Kopien für den Unterricht bringen sie Spielzeug für die Kinder mit, damit die schon mal beschäftigt sind. „Wir haben uns gefragt, wie wir am besten helfen können“, sagt Parvin. Dann beschäftigten sie sich mit Alltagsthemen. Sie besprechen Uhrzeiten anhand eines großen Weckers, den Körper, Essen. „Ein super Thema“ erinnert sich Aylin, „da kann jeder etwas beisteuern.“

Langsam stellen sich Erfolge ein. „Kleine“, sagt Parvin fröhlich. Dass Teilnehmerinnen noch mal zum Kurs kommen, weil es ihnen dort gefällt. Wenn sie anfangen, aus ihrem Leben zu erzählen, von ihren Häusern und Nachbarn. „Wenn wir sie ein bisschen kennengelernt haben“, sagt Aylin. Was oft auch traurig ist, obwohl die Studentinnen sich bemühen, nicht an den Flucht-Traumata zu kratzen. „Wir haben versucht zu zeigen: Ihr seid willkommen“, sagt Parvin.

Indes: Viel Deutsch haben die Kursteilnehmerinnen nicht gelernt. Dafür müsse sich die Methodik ändern, finden die Studentinnen. Hin zu mehr Einzelunterricht.

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