Der Kommunikationsberater Murtaza Akbar.
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Der Kommunikationsberater Murtaza Akbar.

Kommunikation

„Die Tür einen Spalt offen lassen“

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
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Der Kommunikationsberater Murtaza Akbar erzählt, warum gerade niemand Krisenkommunikation braucht und wie wir über Corona sprechen, ohne Angst zu machen.

Herr Akbar, Sie beraten Institutionen und Unternehmen in Sache Kommunikation. Was empfehlen Sie in Corona-Zeiten?

Mein Team und ich beraten auch in Krisenkommunikation. Das ist aber interessanterweise derzeit kaum gewünscht, weil wir alle in einer gemeinsamen Krise sind. Stattdessen ist die interne Kommunikation sehr gefragt. Wie kommunizieren wir als Geschäftsführung, Personalleitung oder Betriebsrat mit den Mitarbeitern? Da empfehlen wir, offen und transparent zu sein und die Lage beim Namen nennen. Denn jeder weiß, dass es eine Krise gibt. Generell sollten wir sehr konkret sprechen und Begriffe wie „Katastrophe“ oder „Apokalypse“ vermeiden. Auch absolute Aussagen wie „Es wird nie mehr so sein wie früher“ sind nicht sinnvoll. Wir sollten die Tür einen Spalt offen lassen.

Sie kritisieren, dass manche Medien mit ihrer Sprache den Menschen Angst machen. Haben Sie Beispiele?

Ich will nicht pauschalisieren. Es sind einige Medien, auch renommierte. Zum Beispiel hat die FAZ den Vorsitzenden eines britischen Ärzteverbands in der Überschrift mit „Wie Lämmer zur Schlachtbank“ zitiert, der „Spiegel“ spricht von „tödlicher Seelsorge“. Die Menschen sind verunsichert, brauchen Vertrauen, Sicherheit und Kompetenz. Solche Überschriften machen aber Angst.

Auch wissenschaftliche Fachbegriffe wie „Durchseuchung“ werden in den Medien häufig verwendet, etwa wenn sie Virologen zitieren. Für die Bevölkerung kann das angsteinflößend sein.

Aber wenn der Vorsitzende des Ärzteverbands nun einmal diesen Ausdruck verwendet und die Situation tatsächlich bedrohlich ist?

Dann ist die Frage, ob Sie das als Überschrift nehmen wollen. Ich bin mir sicher – und das merkt man an den abnehmenden Einschaltquoten der Sondersendungen –, dass bald eine Übersättigung erreicht ist. Natürlich gilt es, die Lage nicht zu verharmlosen, sondern sachlich und möglichst empathisch zu schildern, aber eben auch nicht zu überdrehen. Die Menschen möchten ein bisschen Hoffnung.

Wie beurteilen Sie die Sprache der Politikerinnen und Politiker?

Ich bin kein Parteipolitiker, aber Bundeskanzlerin Merkel hat in ihren Reden sehr empathische Worte gewählt, als sie davon sprach, dass wir nicht von Zwang leben und diese historische Aufgabe gemeinsam meistern müssen.

Gibt es auch Negativbeispiele?

Es wird ständig von Maßnahmen gesprochen – aber das ist ein schwammiger und unkonkreter Begriff. Was ist damit gemeint? Kontaktsperre, Kontaktreduzierung? Wir sollten so konkret wie möglich sprechen. Das sind keine Maßnahmen, das sind Empfehlungen, Richtlinien oder Anordnungen. Auch dass der französische Staatspräsident Macron vom Krieg gegen einen unsichtbaren Feind spricht finde ich schwierig. Das ist kein gutes Bild – außerdem ist die Pandemie ja nicht sofort vorbei. „Krieg“ ist nicht mehr steigerungsfähig.

Es ist auffällig, dass es in ganz vielen Bereichen eine sprachliche Unschärfe gibt, wie zum Beispiel die Begriffe Ausgangssperre, Ausgangsbeschränkung oder „Shutdown“, die teilweise synonym verwendet werden.

Am Anfang wurde von Ausgangssperre gesprochen, dann von Kontaktreduzierung. Jetzt habe ich das Gefühl, dass die Politiker sich aufeinander abgestimmt haben, sie kommunizieren jetzt einheitlicher.

Die Lösung ist also mehr Zeit, damit sich die Menschen auf eine Sprache einigen können?

Die Pandemie kam sehr schnell, daher auch die Unschärfe in den Begriffen. Sich da zu einigen wäre nicht schlecht. Das lässt sich aber nie ganz auflösen, weil Sprache zu vielfältig ist. Es ist normal, dass wir im Wortschatz Generationsunterschiede haben. Bei diesem Thema haben wir jetzt aber einen Wortschatz, der für alle gleich ist, auch wenn wir verschiedene Begriffe haben. Das führt auch zusammen.

Interview: Friederike Meier

Murtaza Akbar(50) ist Geschäftsführer der Agentur „Wortwahl“ in Neu-Isenburg und unterrichtet als Dozent für Onlinekommunikation an der Hochschule Darmstadt.

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