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Einen Metzger sucht man vergebens

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Von: Carsten Praeg

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Christina Hartmann wird mit ihrem Mann die Bäckerei in der Albert-Schweitzer-Straße 8 zum Monatsende schließen.
Christina Hartmann wird mit ihrem Mann die Bäckerei in der Albert-Schweitzer-Straße 8 zum Monatsende schließen. © Christoph Boeckheler

Trotz eines großen Gewerbegebiets sind die Nieder-Eschbacher unzufrieden mit ihrer Nahversorgung. Vor allem kleine Läden finden sich kaum. Die Bäckerei Hartmann schließt zum Monatsende.

Auf dem Papier scheint der nördliche Stadtteil bestens versorgt, allein sechs Supermärkte und Discounter finden sich dort. Die meisten allerdings im Gewerbegebiet Richtung Siedlung Am Bügel und „nur“ zwei im ursprünglichen Ortskern. Immer noch mehr als in anderen Stadtteilen, doch es zeigt eine Tendenz: Viele Alteingesessene empfinden die Nahversorgung als nicht ausreichend. Immerhin vier Bäcker gibt es entlang der zentralen Deuil-La-Barre-Straße und in einer Nebenstraße, bald ist es jedoch einer weniger: An einer Glastür in der Albert-Schweitzer-Straße weißt ein gelbes Schild die Kunden darauf hin, dass die dortige Bäckerei & Konditorei Hartmann zum Monatsende schließt. „Mein Mann hatte seit 18 Jahren keinen Urlaub mehr“, sagt Christina Hartmann.

Jeden Tag stand Thomas Hartmann bis zu 14 Stunden in der Backstube, das Ehepaar belieferte Hotels, Messen und den Flughafen. Nun sollte die Arbeitszeit heruntergefahren werden: Ein Nachfolger war bereits gefunden, alles abgeklärt, das achtköpfige Team sollte übernommen werden. Dann sagte der Interessent kurzfristig ab.

Christina Hartmann nimmt es gefasst, „wir werden jetzt erst mal Urlaub machen und danach leerräumen“. Dann will die 53-Jährige an anderer Stelle ins Angestelltenverhältnis wechseln.

Einen Gemüseladen oder einen Metzger sucht man in Nieder-Eschbach vergebens. Lange Zeit verkaufte zumindest ein Bauernhof im Ortskern Wurst und Milch. Dann stiegen die Auflagen für Tierhaltung und die Milchpreise sanken. Erst verschwanden die Kühe vom Hof Seiboldt, dann die Schweine. „Aber ich denke nicht ans Aufhören“, sagt Landwirtin Claudia Seiboldt kämpferisch. Kartoffeln und Kürbisse finden sich noch im Hofladen, die Familie sucht nach neuen Ideen. Zuletzt bot sie Apfel-Secco an, doch wegen dem Frost des vergangenen Jahres gibt es derzeit nur Restbestände. Ihre Kinder möchte Claudia Seiboldt nicht zur Landwirtschaft drängen, „die sollen Berufe lernen, die ihnen gefallen“. Sie selbst will den Hof aber noch bis zum Rentenalter weiterführen. Ein anderes Bild bietet sich im beliebtesten Treffpunkt des Stadtteils, dem Darmstädter Hof. Im Restaurant und Hotel herrscht ordentlich Betrieb, die Säle werden regelmäßig von den knapp 30 Nieder-Eschbacher Vereinen genutzt. Der Ortsbeirat tagt hier und selbst manche Landtagsfraktion. Der Darmstädter Hof ist Frankfurts einziges privat betriebenes Bürgerhaus. Andreas und Martina Hübner kauften das Haus 2005, als es vor dem Aus stand – und hauchten ihm neues Leben ein. „Das hat schon etwas mit Idealismus zu tun“, sagt der 57-Jährige.

Kultur wird hier groß geschrieben, es gibt Konzerte und Comedy, demnächst hält der Große Rat der Frankfurter Karnevalsvereine sein Ordensfest ab. Jedes Jahr zu Weihnachten wird Geld für soziale Einrichtungen in Nieder-Eschbach gesammelt. Das Ehepaar Hübner hat lange Zeit im Stadtteil gewohnt, die Kinder sind hier zur Welt gekommen. „Wir wollten etwas erhalten“, sagt Andreas Hübner über den damaligen Kauf.

Der Manager einer internationalen Investmentbank weiß, dass viele Nieder-Eschbacher die Infrastruktur im Ortskern bemängeln. Obwohl sich im Gewerbegebiet nebenan in den vergangenen Jahren doch viel entwickelt habe. „Eine Ladengalerie im Zentrum“, das fände er interessant. Ebenso Anreize für neue Betriebe, der Autobahnanschluss sei schließlich gut. Gerade zu Messezeiten buchen viele Hotelgäste den Darmstädter Hof.

Vor einem Jahr besuchten Vertreter der Wirtschaftsförderung und des Stadtplanungsamtes eine Sitzung des Nieder-Eschbacher Ortsbeirats, um über Verbesserungsmöglichkeiten zu diskutieren. Seitdem habe sich nichts getan, sagt Ortsvorsteher Ernst Peter Müller (CDU): „Die Stadt hat die Auffassung, der Stadtteil sei überversorgt.“

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