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Martin Mosebach im Gespräch mit Claus Jürgen Göpfert (r.).

Martin Mosebach

Eine verkrachte Existenz

Martin Mosebach im Gespräch über das Westend, wie er es erlebte, und wie es heute ist.

Das Schreiben hat mich gerettet.“ Mit dieser Aussage im Rahmen einer Veranstaltung des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“ hat sich der Autor Martin Mosebach von einer ungewohnt persönlichen Seite gezeigt. Am Mittwochabend lud der Buchladen Ypsilon zu einem Gespräch mit Mosebach über das Westend der 50er und frühen 60er Jahre unter dem Titel „Als Flaneur und Bohemian im Frankfurter Westend“ ein. Ursprünglich war der Stadthistoriker Christian Setze-pfandt als Gesprächspartner geplant, der aber kurzfristig erkrankte und von FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert spontan ersetzt werden konnte.

Als Mosebach um kurz nach 20 Uhr den Buchladen betrat, waren die meisten Stühle bereits besetzt. Wolfgang Kiekenap vom Ypsilon betonte in seiner Begrüßung, dass das Gespräch bereits drei Wochen im Voraus ausverkauft war: „Das ist ganz toll für diese Veranstaltung, aber natürlich auch für das Lesefest insgesamt!“

Dass Göpfert und Mosebach sich bereits seit vielen Jahren kennen und schon einige Gespräche vor Publikum geführt haben, wurde spätestens deutlich als der Redakteur bei Fragen zu Mosebachs Ängsten und Zweifeln nicht lockerließ. Das Schreiben habe ihn gerettet, sagte Mosebach. „Ohne das Schreiben wäre ich eine verkrachte Existenz geworden.“ Ein Gescheiterter. Das Jurastudium habe er mehr schlecht als recht zu Ende gebracht. In seinem Referendariat habe er zu schreiben begonnen. „Parodistische Experimentierstücke“, nannte er seine ersten 14 Erzählungen. „Ich dachte nicht, dass man davon leben kann. Aber es hat sich doch so ergeben. Gleitend, wie alles in meinem Leben.“

Aber natürlich auch über das Westend, früher wie heute, sprach Göpfert mit dem Autor. Dort hat Mosebach seine Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit erlebt. Im Roman schwinge eine Trauer mit, stellte der Redakteur fest, und bezieht sich damit auf die Gründerzeithäuser, die die Bombardements des Krieges überlebt hatten, die aber in den 60er Jahren mit Ausnahmegenehmigungen abgerissen wurden. „Ich sehe in meinem Roman fasziniert auf die Veränderung eines Blicks. Menschen werden anders, sehen die Welt anders, ohne dass sie es merken“, erklärte Mosebach. Heute erlebe er nicht nur das Westend als tot. „Keine Kinder, Hunde, Katzen sind auf den Straßen. Die Häuser sind dunkel. Das ist unsere westliche Welt.“

Ein ganz besonderes Erlebnis war es für die rund 60 Besucher, als der Autor selbst aus „Westend“ vorlas. Viele erkannten bei der Geschichte um Etelka Kalkofen Parallelen zu Mosebachs parodistischen Anfängen. Er gab zu erkennen, wie er die Figuren sieht, so dass die große Dramatik heiterem Lachen und Applaus weichen konnte.

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