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Eine Tradition, die der Seele gut tut

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Von: Katja Sturm

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Mit Sekt und weihnachtlichem Kopfschmuck wird dem Stadtgeläut gelauscht.
Mit Sekt und weihnachtlichem Kopfschmuck wird dem Stadtgeläut gelauscht. © Renate Hoyer

Zehntausende bei Frankfurter Stadtgeläut am Heiligen Abend. Erstmals fand es seit Beginn der Corona-Pandemie wieder statt.

Für viele ist es gute Tradition, für Charlott eine besondere Premiere. Obwohl die Ruheständlerin in Frankfurt aufgewachsen ist, war ihr das Große Stadtgeläut bis vor kurzem kein Begriff. An diesem Heiligen Abend jedoch steht sie kurz vor 17 Uhr am Justitiabrunnen und wartet gespannt auf das, wovon ihr eine Freundin vorgeschwärmt hat.

In wenigen Minuten sollen sie sich wieder rühren, die 50 Glocken der zehn Innenstadtkirchen. Pandemiebedingt hatte man zwei Jahre lang auf diesen seit 1954 durchkomponierten stimmungsvollen Auftakt des Weihnachtfestes verzichtet. Jetzt aber lockt das Konzert am Samstagabend wieder Zehntausende Menschen in die Innenstadt.

Es riecht nach Glühwein, den einige in Thermoskannen selbst mitgebracht haben, der aber auch an mobilen Ständen oder in geöffneten Cafés angeboten wird. Andere stoßen schon vor den ersten Schlägen mit Sekt in edlen Gläsern an.

Eine Gruppe, teilweise mit Texten auf Papier ausgerüstet, stimmt vor dem Gerechtigkeitssymbol „Jingle Bells“ an und wiederholt den Refrain so oft, als wollte sie damit das erwartete Glöckchenläuten heraufbeschwören. Über eine sogenannte Socializing-App haben die mehr als 60 Männer und Frauen, die dazugehören, für diesen Abend zusammengefunden. Ein Transparent am Brunnengitter zeigt dies deutlich an. Auch Charlott hat sich auf diesem Weg verabredet, um das verbindende Ereignis nicht allein in der großen Gemeinschaft zu genießen.

Von der Paulskirche her ertönen die ersten, gedämpft wirkenden Schläge der Bürgerglocke. Es dauert eine Weile, bis sie den Lärm aus Lachen und Gesprächen durchdringen, das Begleitmusikgerät des Laienchors zum Schweigen gebracht ist und man drumherum andächtig zu lauschen beginnt. Das, gepaart, mit der romantischen Kulisse mit dem großen Weihnachtsbaum und seinen leuchtenden Lichtern vor den historischen Gebäuden „tut der Seele gut“, stellt Charlott fest. Arme recken sich, um mit Handykameras diese intensiven Momente zu filmen.

Der Römerberg ist sehr gut gefüllt, ein Durchkommen nicht leicht. Die meisten bleiben und hören dem sich verstärkenden Zusammenspiel der Glocken zu, andere nutzen die großzügig bemessene halbe Stunde für einen Spaziergang durch die Straßen zwischen Mainufer und der Umgebung der Zeil, um mehreren Glocken zu lauschen.

Christiane und Gertrud haben ein praktisches Plätzchen an einer der Mülltonnen auf dem Paulsplatz gefunden, auf deren Deckel sich die mitgebrachten Getränke bequem abstellen lassen. Endlich konnten sie wieder die liebgewonnenen Gepflogenheiten aufnehmen; erst Kaffeetrinken bei der einen, die um die Ecke wohnt, dann Treffen mit weiteren Freundinnen zum Stadtgeläut und schließlich die Fahrt zum Spieleabend bei der 94-jährigen Mutter der anderen in Rödelheim.

„Es ist schon schön, dass es das Stadtgeläut wieder gibt“, sagt Christiane. „Es ist einfach eine Tradition.“ Seit 1347 ist das Läuten aller Glocken belegt, erst seit 1954 sind sie auch tonlich aufeinander abgestimmt. „Glocken haben für mich etwas Faszinierendes“, sagt Gertrud. Ihr Klang helfe, „zur Ruhe und zur Besinnung zu kommen“, auch wenn man, anders als die Katholikin selbst, nicht religiös sein sollte.

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