1. Startseite
  2. Frankfurt

Eine Stolperschwelle gegen das Vergessen

Erstellt:

Von: Lukas Geisler

Kommentare

Die von Gunter Demnig verlegte Stolperschwelle erinnert an die NS-Opfer, die im jüdisch-christlichen Budge-Heim lebten. Christoph Boeckheler (2)
Die von Gunter Demnig verlegte Stolperschwelle erinnert an die NS-Opfer, die im jüdisch-christlichen Budge-Heim lebten. Christoph Boeckheler (2) © Christoph Boeckheler

Gedenken an die 23 ermordeten jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner des Budge-Heims.

In Frankfurt-Dornbusch an der stark befahrenden Hansaallee ertönt ein Horn. Der Rabbiner Andrew Aryeh Steiman weiht mit diesem durchdringenden Ton vor dem ehemaligen Gebäude des jüdisch-christlichen Budge-Altenheims eine sogenannte „Stolperschwelle“ ein. „Freude und Trauer gehören in der jüdischen Tradition zusammen“, sagt er und ergänzt: „Gerade jetzt feiern wir im Vorfeld des jüdischen Neujahrs die Erneuerung. Unser Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus soll deshalb auch als Erneuerung dienen – ohne dabei unsere Geschichte zu vergessen.“

Die Stolperschwelle ist eine Version der Stolpersteine, von denen der Künstler Gunter Demnig mittlerweile mehr als 90 000 in ganz Europa verlegt hat. Auch vor dem früheren Budge-Heim lässt er sich das eigenhändige Verlegen nicht nehmen. Stolperschwellen erinnern dabei – anders als die Stolpersteine – nicht nur an individuelle Schicksale, sondern werden vor Gebäuden verlegt, die der letzte Wohnort verfolgter jüdischer Menschen waren. Die längere Messingtafel bietet die Möglichkeit, mit einer ausführlicheren Beschriftung auf die Geschichte der Institution und das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus hinzuweisen. Die vierte Schwelle dieser Art in Frankfurt wurde nun vor dem historischen Bau in der Hansaallee installiert.

Das alte Budge-Heim war eine bedeutende interreligiöse Institution in Frankfurt. Europaweit war es die einzige Einrichtung seiner Art, denn es setzte bewusst darauf, jüdische und christliche Menschen gleichermaßen zu betreuen. Die von dem jüdischen Ehepaar Emma und Henry Budge gegründete Stiftung ließ auf dem Grünhof-Gelände ein zweigeschossiges Gebäude errichten, das auch noch heute an dieser Stelle steht.

Dass sich das Haus, welches nach Plänen der Architekt:innen Erika Habermann, Werner Moser, Ferdinand Kramer und Mart Stam gebaut wurde, heute neben den Neubauten harmonisch in das Stadtbild einfügt, liegt an dem damals bahnbrechenden Stil des „Neuen Frankfurt“, der die liberale Periode in den 1920ern in Frankfurt geprägt hat. Gerade der niederländische Architekt und Designer Mart Stam gehört zu den Pionieren der Moderne. Seine Tätigkeiten stehen auch in Frankfurt in einem umfassenden gesellschaftlichen Zusammenhang, der Gebrauchstauglichkeit und soziale Verantwortung verbinden möchte.

Im Mai 1930 zogen die ersten Bewohner:innen des Altenheims ein. Drei Jahre später kam es zur NS-Machtübernahme, und die Stiftung hatte mit antisemitischen Regularien zu kämpfen, bis 1939 schließlich die letzten jüdischen Bewohner:innen aus dem Heim vertrieben wurden. Die Stiftung wurde aufgelöst und das Altenheim „arisiert“. Nach dem Krieg übernahmen die US-amerikanischen Militärbehörden das Gebäude bis 1995 und nutzten es als Zahnklinik. Mittlerweile befindet sich dort wieder ein Pflegeheim.

Heute ist bekannt, dass 23 der insgesamt mehr als 200 jüdischen Bewohner:innen nach ihrem Zwangsauszug deportiert und ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Erst vor kurzem konnte der letzte fehlende Name eines Opfers ermittelt werden: Lina Sommer. Ihre Urenkelin war zur Einweihung anwesend und zeigte sich sichtlich berührt.

Da die Auflösung der Budge-Stiftung nach dem Krieg als unrechtmäßig erklärt wurde, konnte die Stiftung 1968 wieder ein großes interreligiöses Pflegeheim eröffnen. Heute ist es im Stadtteil Seckbach beheimatet.

Auch interessant

Kommentare