1. Startseite
  2. Frankfurt

Eine Legende verlässt das Zweitausendeins

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare

Der Zuspruch für das traditionsreiche Geschäft lässt zu wünschen übrig.
Der Zuspruch für das traditionsreiche Geschäft lässt zu wünschen übrig. © christoph boeckheler*

Er gehört zum Laden von Zweitausendeins am Kornmarkt in Frankfurt wie die zahlreichen Bücher oder die CDs: Conny Künkel. Nach mehr als 35 Jahren verlässt er nun den alternativen Versandhandel. Auch die Perspektive des Ladens ist schlecht.

Für Generationen von Kunden war sein Anblick vertraut. Wann immer sie den Laden von Zweitausendeins am Frankfurter Kornmarkt betraten: Conny Künkel war schon da. Er schien jeden noch so ausgefallenen Wunsch bei Büchern oder CDs erfüllen zu können, tauchte dafür kurz in die Tiefen des Lagers ab. Ruhig, überlegt, kenntnisreich: So erlebte ihn das Publikum des alternativen Versandhandels. Damit ist jetzt Schluss, nach mehr als 35 Jahren. Künkel verlässt Zweitausendeins. Sein letzter Arbeitstag ist der 4. März.

Der 57-Jährige hat alles versucht, bis zum Ende. Aber die erhebliche „finanzielle Schieflage“ des Geschäfts ließ sich nicht mehr auffangen. 2013 hatte Künkel mit seinem Kumpel Robert Eglhofer den Laden am Kornmarkt 14 in eigener Regie übernommen. Zweitausendeins schloss damals bundesweit eine Filiale nach der anderen, von ehemals 14 Geschäften sind neben dem Stammhaus in Frankfurt mittlerweile nur noch zwei übrig, in Mannheim und Hannover. Beide werden bis zum Jahresende aufgegeben. In Frankfurt kürzten sich Künkel und Eglhofer die Geschäftsführer-Gehälter, putzten ihren Laden selbst und reduzierten die Zahl der Mitarbeiter auf drei Teilzeit-Kräfte. Vergeblich. Jetzt zog Künkel die Notbremse: Er hat viel privates Geld in den Betrieb gesteckt und kann einfach nicht mehr.

Bestseller prägten Generationen

Es ist ein wehmütiges Gespräch über die Zeiten, die sich wandeln. Im Oktober 1980 hatte der junge Mann nach dem Zivildienst im Lager des Versandhandels an der Ferdinand-Porsche-Straße in Fechenheim angefangen. Es war „die Blütezeit“ der Anti-AKW-Bewegung. Global 2000, die Umweltstudie im Auftrag der US-Regierung, war einer der ersten Bestseller von Zweitausendeins. Mitarbeiter des Verlages hatten sie 1980 ins Deutsche übersetzt, die erste deutsche Ausgabe umfasste 1438 Seiten. 1981 erschien ein Zusatzband. „Wir haben die Bücher in riesigen Stapeln unter die Leute gebracht“, erinnert sich Künkel.

Viele andere Bestseller von Zweitausendeins prägten Generationen. Ob es die Gedichte der Satiriker der Neuen Frankfurter Schule waren oder die des „Doors“-Sängers Jim Morrison. Oder Bände gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik. Heute ist das Merkheft des Versandhandels „viel dünner geworden“. Künkel glaubt: „Der digitale Wandel ist das Ausschlaggebende, das Internet.“ Riesige Konkurrenten wie etwa Amazon, die Dumpinglöhne zahlten, beherrschten das Geschäft. „Das killt alle anderen“. Immer weniger Bücher und CDs würden im Geschäft gekauft. „Es ist ein kultureller Wandel.“ Aber auch die kritische Öffentlichkeit schwinde. Und damit das Lesepublikum für Zweitausendeins. „Kritisches und linksliberales Denken wird weniger, es hat sich alles verbürgerlicht.“

Bis Ende 2016 geht es noch weiter

Die Frankfurter hatten die Hoffnung, mit ihren Kollegen in Berlin zusammenarbeiten zu können, die dort den Laden an der Kantstraße in Charlottenburg übernommen hatten. Doch dieser Plan zerschlug sich: Trotz der guten Lauflage brach auch der Umsatz des dortigen Ladens weg, er ist mittlerweile geschlossen.

So schwindet der Mythos Zweitausendeins. In Frankfurt ist jetzt nur noch Robert Eglhofer übrig. Auch er war Jahrzehnte im Unternehmen. Er will den Laden am Kornmarkt in jedem Fall noch bis Ende 2016 weiterführen. „Dann machen wir Kassensturz und sehen, wo wir stehen.“ Die Perspektive ist nicht so gut. „Der Januar lief sehr schlecht.“ Auch jetzt sei es kaum besser. Der Geschäftsführer glaubt, dass das Wetter mit Regen und Sturm eine Rolle spielt. Eglhofer macht für den mangelnden Zuspruch aber auch das Programm des alternativen Versandhandels verantwortlich: „Die Angebote sind nicht mehr so prickelnd.“

Auch interessant

Kommentare