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Eine Frage der Arglosigkeit

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Von: Stefan Behr

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Der Tatort: ein Supermarkt in Bornheim.
Der Tatort: ein Supermarkt in Bornheim. © Alex Kraus

Mord an Freundin vor Bornheimer Supermarkt wird erneut verhandelt

Erneut muss sich der 45 Jahre alte Sam M. vor dem Landgericht dafür verantworten, dass er am Abend des 10. Oktober 2019 vor einem Supermarkt in Bornheim seine 24 Jahre alte Ex-Freundin Günay Ü. mit 33 Messerstichen umgebracht hat - mit einem Messer, das die Frau ihm direkt zuvor in dem Markt gekauft hatte.

Dieses Detail klingt bizarr, erklärt sich aber durch ein Verhalten, das M.s Leben wie ein roter Faden durchzieht. Immer wieder hatten seine Freundinnen über kurz oder lang die Nase voll von dem drogensüchtigen, extrem eifersüchtigen Gewaltmenschen - und machten Schluss. M. drohte daraufhin immer wieder, sich umzubringen und inszenierte mitunter auch Suizidversuche. Oft hatte er damit Erfolg, auch bei der Krankenschwester Günay Ü., die M. in einer Frankfurter Klinik kennengelernt hatte, als er mal wieder erfolglos den Entzug versuchte.

Auch am Tattag hatte M. seiner Ex, die definitiv nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wollte, aufgelauert und wieder mal mit seinem Freitod gedroht. Dann solle man wohl besser ein Messer kaufen, damit es endlich mal hinhaue, hatte die Frau gewitzelt und dem klammen M. angeboten, die Waffe zu zahlen. Dass der Verspottete in seinem Zorn kurz nach Verlassen des Marktes sie selbst damit erstechen würde, zog sie offenbar nicht in Betracht.

Es war nicht die erste Bluttat in M.s Leben. 1996 erstach er im Streit einen seiner Brüder und saß dafür in einem schwedischen Gefängnis gerade mal drei Jahre einer Jugendstrafe ab. Kaum wieder draußen, schoss er im Drogenrausch seine Mutter an. Weitere Haftstrafen folgten. Leidenschaftlich widmete sich M. außerhalb des Gefängnisses vor allem dem dopingunterstützten Kraftsport.

Die Anklage lautet auf Mord. Bereits im Dezember 2020 hatte das Landgericht M. wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. „Sie sind ganz knapp an den Mordmerkmalen vorbeigesegelt“, sagte der damalige Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt in seiner Urteilsbegründung. Gegen das Urteil hatten sowohl M. als auch die als Nebenkläger auftretenden Hinterbliebenen des Opfers Revision eingelegt.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte daraufhin im Mai 2022 festgestellt, dass es an den objektiven Tatbeständen zwar nichts zu rütteln gebe. Nicht einleuchten aber wollte dem BGH der Ausschluss der Mordmerkmale Heimtücke und niedere Beweggründe. So hatte etwa das Landgericht 2020 geurteilt, M. habe damals spontan aus Frustration und Wut gehandelt - beides aber seien keine niederen Beweggründe.

Der BGH ist jedoch der Meinung, man müsse prüfen, ob Frust und Wut nicht lediglich das Resultat niederer Beweggründe seien. Auch die Heimtücke müsse neu geklärt worden. Die hatte das Landgericht verneint, da M. die Arglosigkeit des Opfers nicht herbeigeführt oder ausgenutzt habe. Das müsse auch nicht sein, sagt der BGH, es könne bereits genügen, auf ein argloses Opfer einzustechen.

Ein Urteil soll bereits Ende des Monats gesprochen werden.

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