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Diese Szene aus dem Film "Kunststudentin Ursula" wurde in den 50er Jahren vom Domturm aus gedreht. Man sieht Parkplätze auf dem Römerberg.

Filmstadt Frankfurt

Eine Filmreise durch Frankfurt

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Hochwasser, Wiederaufbau, U-Bahn, Altstadt ? seit mehr als 120 Jahren beschäftigen sich Filme mit der Stadtgeschichte von Frankfurt.

Die Kamera schwenkt über die Frankfurter Innenstadt, die in Trümmern liegt. Vereinzelt werden Hausruinen gesprengt, um Platz für den Wiederaufbau zu schaffen. Am Römerberg wird Schutt fortgebracht, die Aufräumarbeiten sind im vollen Gange. Im Hintergrund all dieser Szenen spielt leise traurige Musik. Wenige Einstellungen später schwenkt der Grundtenor um und zeichnet ein aufstrebendes, trotziges Bild vom Wiederaufbau. Der Eschenheimer Turm steht noch: „Unverwundet ragt er aus den Trümmern!“ Frankfurt suche den Weg in die Zukunft, heißt es am Ende der knapp dreiminütigen Aufnahmen.

Die Szenen sind Teil der Wochenschau „Welt im Film“ vom 24. Januar 1947 doch die Worte, die jene Bilder beschreiben, stammen aus dem Buch „Wandelbares Frankfurt“, welches vor wenigen Monaten veröffentlicht wurde. Herausgeber Felix Fischl ist Teil des Filmkollektivs Frankfurt, ein Verein, der unterrepräsentierte Filmkunst mehr in den Fokus rücken möchte. Und tatsächlich waren die im Buch aufgegriffenen Werke bisher äußerst unbeachtet.

„Wir hatten eine Filmreihe zur Architektur und Stadtentwicklung in Frankfurt geplant und merkten, dass es zu diesen Filmen kaum Literatur gab“, sagt Fischl. Während der Recherchen reifte dann die Idee ein eigenes Buch zum Thema aufzulegen. Das war im Oktober 2017 und knapp ein Jahr später konnten der 34-Jährige und das Filmkollektiv eine mehr als 300 Seiten starke Monografie präsentieren.

Mehr als 120 Jahre Frankfurter Geschichte werden auf diesen Seiten in Form von mehr als 300 Filmen aufgearbeitet. Angefangen von den ersten Filmaufnahmen in der Stadt im Jahr 1896 bis hin zu einem Projektfilm über die neue Frankfurter Altstadt. Genau deren Neueröffnung war es auch, die den Anlass für das Thema Architektur und Stadtentwicklung gab. Fischl hat sich für das Buch zwölf Autoren an seine Seite geholt.

Die Frauen und Männer aus den Bereichen Architekturjournalismus, Filmwissenschaft und Stadtforschung spannen den thematischen Bogen über die 120 Jahre Geschichte. Der Wiederaufbau Frankfurts nach dem Zweiten Weltkrieg wird ebenso thematisiert, wie das Neue Frankfurt, die Parks und Grünanlagen der Stadt oder auch die U-Bahn und die Hochhäuser.

Selbst hat Fischl nur die umfangreiche Filmografie am Ende des Buches verfasst. „Ich hätte gern etwa eigenes geschrieben, aber es war keine Zeit mehr dafür“, sagt der gebürtige Münchner. Fischl gibt zu, dass es ein sehr kurzer Entstehungszeitraum für ein Buch war. Er sei streng zu den Autoren gewesen und habe sich selbst viele Nachtschichten zugemutet. Für die Filmografie, die unter anderem Länge und Format der einzelnen Filme wiedergibt, habe der 34-Jährige 90 Prozent der mehr als 300 Filme selbst gesehen.

Er besuchte Archive und ging zu Filmemachern, um die vorrangig Dokumentar-, Amateur- und Experimentalfilme zu sichten. Einige von ihnen seien mit dem Buch nun erstmals filmografisch gelistet. Andere Filme standen Jahrzehnte lang nicht zur Verfügung. Fischl erfuhr, dass vor vielen Jahren ein ehemaliges städtisches Archiv aufgelöst wurde und die Filme dann privat aufbewahrt wurden.

Die einzelnen Kapitel dokumentieren nicht nur die jeweiligen geschichtlichen Ereignisse, die in den Filmen zu sehen sind, sondern geben dem Leser auch einen großen Fundus an Hintergrundwissen mit an die Hand. So wie die ersten Filmaufnahmen der Stadt, die den Gebrüdern Lumière höchst selbst zugeschrieben werden. Anlass war vermutlich der Besuch des Kaisers am 10. Mai 1896. Zwar dauert der ganze Film nur 43 Sekunden, doch er zeigt, wie Verkehr und Häuserzeilen damals am Roßmarkt aussahen. Im zweitältesten Film wird das Hochwasser von 1909 dokumentiert. Er gibt Einblick in die damaligen Wassermassen aber zeigt auch einige Monumente der Stadt, wie die Dreikönigskirche, die Alte Brücke und die Leonardskirche. Zu vielen Filmen gibt es auch entsprechende Fotos im Buch. Diese sind einzelne Szenen aus den Filmen und vermitteln visuelle Eindrücke zu den im Text beschriebenen Ereignissen.

Doch wie Fischl schon in seiner Bucheinleitung schreibt, vermögen Filme plastischere Eindrücke durch bewegte und bewegende Perspektiven zu leisten als Fotografien oder starre Abbilder. Kann sich also jeder die teilweise sehr alten Filme anschauen? „Prinzipiell ja, aber es ist eine Frage des Aufwands“, berichtet Fischl. Gerade neuere Filme gibt es auf DVD, VHS oder auch im Internet zu sehen. Andere Werke werden – neben der Erschwernis noch auf 8-Millimeter- oder 16-Millimeter-Filmrollen gebannt zu sein – in nicht leicht zugänglichen Archiven gelagert. „Bei öffentlichen Vorführungen muss auch immer auf die Filmrechte geachtet werden“, gibt der 34-Jährige zu bedenken. Zukünftige Digitalisierungen vieler Filmrollen seien jedoch in Planung. Trotzdem sorgt sich Fischl auch um das analoge Filmerbe. Viele Kopien seien sehr alt und in keinem guten Zustand mehr gewesen. „Man sollte sich mit der Digitalisierung dieser Filme nicht zu viel Zeit lassen.“ 

Wenn Felix Fischl sich einen Lieblingsfilm von den fast 300 Werken, die er sich angeschaut hat, raussuchen müsste, wäre es „Frankfurt am Main. Wiedergeburt einer Weltstadt“. Der Imagefilm von 1952 ist gut sieben Minuten lang und gleiche eher einem Wahlwerbespot. Fischl ist aber Fan der Architektur der 50er-Jahre, die in dem Film sehr gut zur Geltung komme. „Ich war damals baff, als ich die Bilder sah.“ Noch heute seien viele Gebäude von damals sichtbar. Ansonsten sei der Film äußerst pathetisch und vereine sowie verdeutliche viele Aspekte: Rückschritt, Moderne, Verdrängung, Wiederaufbau aber auch rechte Gesinnung.

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