Psychiatrie

Eine Art Familientreffen

Die Urururenkelinnen von Heinrich Hoffmann erzählen in einer musikalischen Lesung im alten Hörsaal der Psychiatrie vom Engagement des Arztes für seine Patienten.

Berühmt geworden ist Heinrich Hoffmann (1809–1894) durch den von ihm als „unvernichtbar“ bezeichneten Struwwelpeter. Dessen Popularität überstrahlte die außergewöhnlichen Erfolge, die der Leiter der Frankfurter Irrenanstalt für seine Patienten erreichte. Es war vor allem sein Mitgefühl für ihre Leiden, das seine beiden Urururenkelinnen Nina Weniger und Johanna Hessenberg am Donnerstagabend im Hörsaal der Psychiatrie des Universitätsklinikums bei einer Art Familientreffen vermittelten.

„Vom Sonnenaufgang“ haben die beiden Schwestern ihre musikalisch unterlegte Lesung genannt. Der Arzt solle „Licht und Wärme verbreiten“, wenn er seinen Patienten begegnet, habe Hoffmann einmal gesagt. Die Schauspielerin Nina Weniger stellte kleine Episoden aus dem Leben von Hoffmann vor. Die Saxofonistin Johanna Hessenberg ergänzte sie mit melancholischen Melodien.

Nachdem Hoffmann die „Anstalt für Irre und Epileptiker“ 1851 übernommen hatte, beklagte er schnell ihren „trostlosen Zustand“ und wollte sofort eine neue Anstalt bauen. Sie sollte nicht zu nahe am Stadtkern gelegen sein – damit die Schreie der Kranken die Bewohner nicht irritierten. Bei seinen Wanderungen entdeckte er das Affensteiner Feld, das dort gelegen war, wo sich heute der Campus der Goethe-Universität befindet.

Der Senat der Stadt Frankfurt beschied Hoffmanns Antrag auf einen Neubau positiv, teilte aber gleichzeitig mit, dass kein Geld zur Verfügung stünde. Also machte sich Hoffmann ans Spendensammeln und bewies dabei Einfallsreichtum und Geschick. Mitte des 19. Jahrhunderts war eine „Reform der Irrenbehandlung“ im Gespräch – Hoffmann fertigte und verkaufte „kleine Aufsätze“ über seine Ansichten einer angemessenen Therapie. Schließlich wurde ihm von einem Privatier eine Spende von 100 000 Gulden in Aussicht gestellt. Sie war an die Bedingung geknüpft, dass alle Patienten ungeachtet ihrer sozialen Herkunft gleich behandelt werden. Für 634 208 Gulden entstand schließlich „ein opulentes Gebäude“, auch das „Irrenschloss“ genannt, erzählte Weniger, und das Saxofon von Johanna Hessenberg jubilierte.

Die über 50 Besucher im Hörsaal der Psychiatrie waren fasziniert. Der Direktor der Klinik, Andreas Reif, machte darauf aufmerksam, dass der Hörsaal von dem Bauhaus-Architekten Martin Elsaesser errichtet worden war, man sich also an einem „historischen“ Ort befinde. Ziemlich viel Geschichte für einen kurzweiligen Abend.

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