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Die Sozialarbeiterin Christine Heinrichs befasst sich seit drei Jahrzehnten mit dem Thema Obdachlosigkeit.
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Die Sozialarbeiterin Christine Heinrichs befasst sich seit drei Jahrzehnten mit dem Thema Obdachlosigkeit.

Obdachlos in Frankfurt

Eine Dach über dem Kopf reicht nicht

  • Johannes Vetter
    VonJohannes Vetter
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Ein Dach über dem Kopf hilft nicht jedem Obdachlosen. Die Sozialarbeiterin Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten erläutert im FR-Interview, warum.

Christine Heinrichs befasst sich seit drei Jahrzehnten mit dem Thema Obdachlosigkeit. Im Jahr 1989 kam sie zum Frankfurter Verein für soziale Heimstätten. Heute leitet die 57-jährige Sozialarbeiterin dort den Bereich „Hilfen in sozialen Notlagen“.

Frau Heinrichs, wieso kann man für die 100 bis 200 Menschen, die nachts in Frankfurt auf der Straße und in der B-Ebene schlafen, nicht einfach ein Haus bauen und sie dort einquartieren?
Weil deren Problemlagen umfangreicher sind, als einfach nur kein Dach über dem Kopf zu haben. Das sind Personen, die sehr unterschiedliche Anforderungen an eine Hilfe haben. Da ist das fehlende Dach nur ein winziger Aspekt. Außerdem ist es nicht nur eine Belastung, auf der Straße zu sein. Es kann für manche, die schwer psychiatrisch erkrankt sind, auch eine Entlastung sein. Für diese Menschen wäre es das Schlimmste, in einem geschlossenen Raum alleine zu sein.

Was glauben Sie denn, was passierte, wenn man ein großes Haus bauen würde und dann allen Obdachlosen sagte, sie könnten darin wohnen?
Es würden andere darin wohnen als die, für die es gebaut wurde. Es ist so: Die Stadt Frankfurt ist bei der Prävention zur Wohnungssicherung sehr erfolgreich. Wenn Sie eine Räumungsklage haben, die bei Gericht anhängig ist, wird automatisch das Sozialamt informiert. Dann wird das Sozialamt tätig, schreibt Sie an und sucht das Gespräch. Bei Personen, die darauf nicht reagieren, ist davon auszugehen, dass es eine größere Problemlage gibt.

Wie sehen diese Problemlagen aus?
Das sind Leute, die sich aus dem Leben zurückgezogen haben, die vielleicht eine Depressionserkrankung haben, eine Suchtproblematik oder auch eine Schizophrenie. Unsere Sozialarbeiter versuchen dann, mit diesen Personen in Kontakt zu treten. Keine Wohnung zu haben, das ist dann ein Miniproblem. Wenn es nur an der Wohnung hinge, wären wir nächste Woche fertig.

Das Problem der Wohnungsnot in Frankfurt und das Problem der Obdachlosigkeit …
… haben eine sehr kleine Schnittstelle. Auf der Straße haben wir mehrere Gruppen: zum einen Arbeitsmigranten aus anderen Ländern, die versuchen, sich durchzuschlagen, die Strukturen in Anspruch nehmen, für die sie nichts zahlen müssen. Dann haben wir eine Gruppe von Roma. Das ist im Moment eine relativ kleine Gruppe von ungefähr 20 Menschen, über deren Hintergründe wir zu wenig wissen. Dann haben wir depravierte Menschen aus osteuropäischen Ländern, die schon lange in Deutschland sind, die massive Alkoholprobleme haben, die schwer erkrankt sind, die dem Tod näher als dem Leben sind. Und wir haben die schwer psychiatrisch Erkrankten, die Frankfurter sind oder sich schon lange hier aufhalten. Alle diese Gruppen haben eigentlich wenig damit zu tun, wie der Wohnungsmarkt aussieht. Sie haben im Grunde gar nichts damit zu tun.

Speziell für die Gruppe obdachloser Arbeitsmigranten aus anderen EU-Ländern fordert die Linke, eine kommunale Unterkunft, eine Art Boardinghaus, zu errichten. Was halten Sie davon?
Das beachtet die Problemlage nicht. Das Bahnhofsviertel hat 7000 Hotelbetten. Eine Unterkunft im Hostel auf der Kaiserstraße kostet 20 Euro die Nacht pro Person. Wir haben überhaupt keinen Mangel an Unterkünften. Wir haben bei den Menschen aus Osteuropa das Problem, dass sie keine Sozialhilfeleistung in Anspruch nehmen können. Ein EU-Bürger muss seit fünf Jahren hier sein, um überhaupt Sozialleistungen beantragen zu können.

Der fehlende Anspruch auf Sozialleistungen ist also das Problem?
Wenn man ein Boardinghouse will und sagt, alle Leute, die hier herkommen, die arbeiten wollen, sich aber nicht selbst versorgen können, gehen in das Boardinghouse. Dann muss man der Stadtgesellschaft auch erklären, warum sie das bezahlen soll. Also, die Übernachtungsstätte im Ostpark ist ja so etwas wie ein Boardinghouse, der Betrieb kostet 1,5 Millionen Euro im Jahr. Dort müssen sie auch sagen, wen sie aufnehmen wollen und wen nicht. Dort geht es ja erst einmal um ein Angebot für eine Nacht. Die Menschen müssen dann zum Jugend- und Sozialamt. Und wenn sie aus dem Ausland kommen, kriegen sie keine Kostenzusage. Wir sehen sie dann oft nicht wieder.

Was schlagen Sie vor?
Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz, das Städten ermöglicht, die berufliche Eingliederung von EU-Ausländern zu fördern. Im Moment kommen die Menschen her und versuchen, sich auf der Straße durchzuschlagen. Und wir haben hier in Frankfurt keine Möglichkeit, zu verhindern, dass jemand in eine Notlage gerät. Die Menschen kommen her, verelenden, und wir müssen dann mit der Situation umgehen. Die Stadt Frankfurt macht ihnen dann das Angebot, die Rückreise zu finanzieren.

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