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Ein waschechterFrankfurter Bub

Nobelpreisträger Benjamin List stammt aus Sachsenhausen

Er ist ein waschechter Frankfurter Bub – und würde auch sofort hierher zurückkehren, gäbe es hier ein Max-Planck-Institut wie das in Mülheim/Ruhr. Was verbindet ihn noch mit Frankfurt? Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List (53) erzählt es am Telefon.

„Meine Frau stammt aus Sachsenhausen. Die Volhards, die Familie meiner Mutter, kommen aus Sachsenhausen, aus der Weidmannstraße“, sagt er. Die Volhards haben schon im 19. Jahrhundert bedeutende Wissenschaftler hervorgebracht. Was man auch überall lesen kann: Benjamin List ist ein Neffe der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, Entwicklungsbiologin aus Tübingen. „Sie hat mich 1995 mitgenommen nach Stockholm“, berichtet er. „Da war ich 27 und promovierte gerade in Frankfurt bei Professor Johann Mulzer.“ Jetzt, 26 Jahre später, sind die Rollen vertauscht. Jetzt hat List seine Tante eingeladen zu einem Trip nach Stockholm.

Seine Familie ist vielfältig mit Frankfurt verbunden. Seine Mutter lebt hier, sein Vater ist auch wieder nach Frankfurt gezogen, einer der Brüder lebt hier. Und ein Sohn von List, der in Kalifornien geboren wurde, macht zurzeit eine Ausbildung in Frankfurt. „Wir lieben die Stadt heiß und innig. Wenn ich in Frankfurt bin, gehe ich mit meiner Familie ins ,Gemalte Haus‘“, sagt List und erzählt ein bisschen aus seiner Kindheit und Jugend.

So etwa, dass er als Jugendlicher mit Freunden Rollerskates gefahren ist: „Die B-Ebene wurde gebaut, und wir sind mit den Skates die Treppenstufen hinabgesaust!“ Benjamin List ist in der Klüberstraße aufgewachsen, im Westend, im Schatten der Bankentürme, die damals auch gerade emporwuchsen. Seine Eltern ließen sich scheiden; die Mutter, eine Architektin, ließ ihren Jungs viel Freiheit. Der antiautoritäre Kinderladen war ihr Refugium.

Chemie hat schon den jungen Benjamin interessiert. Er erinnert sich: „Ein Freund von mir wohnte am Westendplatz. Dort gab es eine kleine Apotheke, und der Apotheker hat uns Kindern verbotenerweise Chemikalien verkauft.“ Glaubwürdig versicherten die Buben, sie wollten Schulexperimente nachstellen. Der Freund hatte einen Kellerraum, in dem die beiden sich ein Labor eingerichtet hatten. „Wir hatten wirklich alles: Bunsenbrenner, Mörser, Reagenzien.“

Die Jungs stellten Schwarzpulver her und zerstampften es im Mörser. Einer wollte den Bunsenbrenner entzünden. Das Streichholz brach ab, fiel in den Mörser: „Es gab eine große Stichflamme, Unmengen Rauch drangen durchs Kellerfenster, und der Apotheker kam kreidebleich angelaufen. Er hat uns nie wieder etwas verkauft“, bedauert List.

List hat die Bettinaschule besucht. In dem Gymnasium hatte er viele Freunde. „Wir sind zu allen Schulpartys gegangen, nicht nur im Westend, auch in Sachsenhausen“, erinnert er sich. „Es war eine schöne Zeit.“ Dankbar ist der Nobelpreisträger seinem Chemielehrer Peter Rosenkranz: „Er hat mich inspiriert. Er war sehr kompetent.“

Nach dem Abitur studierte Benjamin List an der Freien Universität Berlin Chemie und promovierte bei Professor Johann Mulzer. Mulzer wechselte dann, wenn auch nur für zwei Jahre, nach Frankfurt, und sein „Clan“ begleitete ihn. So kam List in die Stadt seiner Kindheit zurück. Professor Michael Göbel, Mulzers Nachfolger, berichtet: „Mulzer hat eine Reihe hervorragender Wissenschaftler ausgebildet. List ragte schon damals hervor.“

Am Niederurseler Hang, dem Naturwissenschaftlichen Campus der Goethe-Uni, war damals noch viel Grün. „Es gab einen Neubau und die Chemie, die damals schon alt war. Es ist schade, dass die Chemie immer vernachlässigt wird“, bedauert List. „Wir mussten als Erste aus Bockenheim weg, wohl weil man glaubt, die Chemie sei schmutzig und giftig. Dabei vergessen alle, wie viel sie der Chemie zu verdanken haben.“ Etwa HIV-Medikamente – den Nobelpreis erhält List dafür, dass mit seiner Methode genau solche Medikamente sehr viel einfacher und günstiger herzustellen sind.

Später ging der Chemiker für sechs Jahre nach Kalifornien und machte dort 1999 das entscheidende Experiment. Sein Ruhm ging in Fachkreisen um die Welt. Frankfurt bot ihm eine neu eingerichtete Professur an – aber eben auch das Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim/Ruhr. „‚Max Planck‘ ist ein Paradies für Forscher. Wir sind frei, wir müssen uns nicht um Drittmittel kümmern, wir sind leistungsstark.“ 2005 wurde er Direktor des Instituts.

Ein halbes Jahr vorher überlebten er und seine Familie den Tsunami vom 26. Dezember 2004, am letzten Urlaubstag in Thailand. Er, seine Frau und die beiden Jungs, drei und fünf Jahre alt, wurden getrennt, der Fünfjährige wurde ihm aus den Armen gerissen, Benjamin List wurde von Trümmern unter Wasser gedrückt – und schloss mit dem Leben ab. Es sei ein Wunder, dass alle überlebt und sich rasch wiedergefunden haben, sagt er. „Was bis heute bleibt, ist die Dankbarkeit in mir für alles, was ich habe.“

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