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Ein großes Ehrenamt: Marc Grünbaum ist bei der Jüdischen Gemeinde Frankfurt unter anderem für Kultur zuständig.
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Ein großes Ehrenamt: Marc Grünbaum ist bei der Jüdischen Gemeinde Frankfurt unter anderem für Kultur zuständig.

PORTRÄT DER WOCHE

Ein Sternenhimmel für Frankfurts ermordete Juden

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Marc Grünbaum, Vorstand der Jüdischen Gemeinde, hat zum weltweiten Shoah-Gedenktag am 7./8. April ein berührendes Projekt angestoßen. Es soll das Gedenken an die ermordeten Frankfurter Jüdinnen und Juden wach halten.

Eine Kerze zum Gedenken anzuzünden, das ist ein schönes Symbol und ein sehr altes. Im mittel- und osteuropäischen Judentum, bei den Aschkenasim, erinnern die Flämmchen als traditioneller Brauch am Todestag von Eltern, Geschwistern oder auch Kindern an die Verstorbenen, wie Marc Grünbaum, einer der fünf Vorstände der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, erklärt.

Man tut das eigentlich für Verwandte, doch Millionen Holocaustopfer haben keine Familien mehr, die ihnen zu Ehren am morgen Abend beginnenden Holocaustgedenktag Jom haSchoa eine Kerze anzünden. Vor 40 Jahren entstand in Kanada die Idee, mit dem Entzünden einer „Yahrzeit“-Kerze auch Fremder zu gedenken. Die Frankfurter Gemeinde beteiligt sich seit Jahren am „Yellow-Candle-Projekt“, sehr feierlich und schön sei das stets gewesen, sagt Grünbaum.

Ihre Kerzen erinnern an die etwa 11 000 deportierten und ermordeten jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurter. „Das waren eben bei weitem nicht nur Prominente, sondern auch der Handwerker aus dem Ostend oder das sechs Monate alte Baby“, sagt Grünbaum.

Auch dieser Gedenktag steht nun im Zeichen der Corona-Pandemie, zum zweiten Mal schon und deshalb sozusagen mit Ansage. „Im vergangenen Jahr hatten wir die Gläubigen dazu aufgerufen, ihre Kerzen zu Hause zu fotografieren und die Bilder bei Facebook hochzuladen“, berichtet der 50-Jährige, der als Gemeindevorstand unter anderem für Kultur, Kinder und die Jüdische Volkshochschule zuständig ist.

Jom haSchoa und das „Yellow-Candle-Projekt“

Weltweit gedenken die jüdischen Gemeinden am Donnerstag, 8. April, der Verschleppung und Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden. Die Gedenkstunde in der Frankfurter Gemeinde mit Musik von Kantor Yoni Rose, einer Begrüßung von Salomon Korn und dem Totengebet Kaddisch kann man digital als Live-Stream verfolgen unter www.jg-frankfurt.de. Sie beginnt um 19 Uhr.

In Israel ist der Tag ein Feiertag, an dem die Fahnen auf Halbmast wehen. Nach jüdischer Tradition beginnen Feiertage bereits am Vorabend, der Jom haSchoa also schon am Mittwoch Abend. Die Gläubigen entzünden dann Kerzen, die einen Tag lang brennen. „Yellow Candle“ ist eine aus Kanada stammende Idee, die auch an die Ermordeten erinnern soll, die keine lebenden Nachkommen haben. Vor genau 70 Jahren wurde der Gedenktag eingeführt, das Projekt mit den gelben Kerzen gibt es seit genau 40 Jahren.

In diesem Jahr bietet die Frankfurter Gemeinde wegen der Corona-Pandemie etwas neues an: Virtuelle Kerzen können alle Frankfurterinnen und Frankfurter im Internet anzünden. Die Darmstädter Agentur von Florian Schunck und Felix Dölker hat die Seite eigens für die Gemeinde entwickelt. Zur Lichterfest Luminale hatte ihre Agentur 2018 auch die Westend-Synagoge illuminiert, 2020 musste die märchenhafte Installation von Schunck/Dölker an der Fassade des Jugendstilbaus aber wie die gesamt Luminale am Eröffnungstag abgesagt werden.

Zu jeder Flamme gehören der Name, Geburtstag und, falls bekannt, Todesdatum eines oder einer Deportierten aus Frankfurt, vom Baby bis zum Handwerker oder zur Rentnerin. Die Zuordnung von Name und Flamme erfolgt dabei nach dem Zufallsprinzip. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto heller erstrahlt das Lichtermeer am Donnerstagabend. Mit der Computer-Maus lassen sich auch die Daten abfragen, die zu anderen digitalen Kerzen gehören. Zu finden ist die Seite unter www.yellowcandleffm.de. aph

Doch diesmal hatte die Gemeinde Zeit, sich vorzubereiten – und so ist auf Grünbaums Initiative hin etwas ganz Besonderes und Eigenes zum „Yellow-Candle-Day“ entstanden. Neben den echten Kerzen, die von heute an im Gemeindezentrum ausgegeben werden, lassen sich von Mittwochabend an auch im Internet Gedenklichter entzünden. Die Namen der Menschen, derer dabei gedacht wird, werden zufällig den Kerzen zugeordnet. Eine Darmstädter Agentur hat das im Auftrag der Gemeinde entworfen und umgesetzt.

So entsteht aus den einzelnen Flämmchen ein Lichtermeer, ein virtueller Sternenhimmel, den alle Frankfurterinnen und Frankfurter zum Leuchten bringen können, ganz egal, welcher Konfession sie sich zugehörig fühlen. Diese poetische Idee wird wohl auch nach dem Ende der Pandemie bleiben.

Was Grünbaum ehrenamtlich für die Gemeinde leistet, ist erstaunlich – für manchen wäre das wohl schon ein Vollzeitjob. Der Jurist, der sich bei einer großen Frankfurter Kanzlei auf Immobilienrecht spezialisiert hat, nimmt sich viel Zeit für das Ehrenamt – obwohl er mit ganzer Leidenschaft Jurist ist und 40-Stunden-Arbeitswochen eher die Ausnahme sind.

Die Pandemie macht das nicht entspannter, als Dezernent ist der gebürtige Frankfurter, der in seiner Heimatstadt studiert hat und fast immer hier geblieben ist, auch für Krippen und Kitas verantwortlich, mit all den Fragen rund um Hygiene, Vorsorge und Corona-Abstandsregeln. Wie schafft er das alles? „Rechtsanwalt ist ein freier Beruf, da bin ich meist Herr über meinen Kalender“, meint er lächelnd. „Ich glaube aber, dass jeder das Potenzial hat, sich Zeit für ein Ehrenamt zu nehmen.“

So arbeitet er oft abends und am Wochenende. „Ich bin aber sehr ausgeglichen und zufrieden“, sagt er. Beinahe wäre Grünbaum übrigens Historiker geworden, doch die Eltern überzeugten ihn, Jura zu studieren, wegen der besseren Berufsaussichten. Die Passion für Geschichte ist ihm geblieben. Mit Leidenschaft liest er historische Werke – aber auch für Netflix bleibt manchmal noch Zeit.

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