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Er quält sich beim Schreiben, verwirft Texte, beginnt von neuem: Bodo Kirchhoff.

Bodo Kirchhoff

„Ein Roman ist ein Luxus“

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Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der die Goetheplakette erhält.

Von hier oben geht der Blick über das Museumsufer und den Park, im Hintergrund glitzern die Hochhäuser der Frankfurter Skyline. Seit vielen Jahren schon zieht sich Bodo Kirchhoff zum Schreiben in diese kleine, karg möblierte Klause über den Dächern Sachsenhausens zurück. Und die „Silhouette der Banken“ gerät ihm dabei „zur externen Fieberkurve“ über den Wandel der Stadt. Frankfurt, das sich vor seinen Augen „ständig verändert“, so rasch und so durchgreifend wie vielleicht keine andere deutsche Großstadt.

Der 70-Jährige ist Frankfurt treu geblieben, seit er vor 41 Jahren seine ersten Manuskripte in den Briefkasten von Suhrkamp im Westend geworfen hatte – in der bangen Hoffnung, vom damals wichtigsten deutschen Verlag als Autor akzeptiert zu werden. Diese Erwartung erfüllte sich, er war fortan auch öffentlich ein Schriftsteller, was ihn davor bewahrte, abzustürzen in Alkohol, sich zu verlieren in den Bordellen im Bahnhofsviertel. Er habe sich „schreibend aus dem eigenen Sumpf gezogen“, sagte Kirchhoff einmal im Gespräch.

Und nun verleiht ihm Frankfurt am kommenden Montag die Goetheplakette. „Die Stadt war wichtig für mich und ist wichtig für mich.“ Es gebe „ein stilles Band“ zu Frankfurt, das ihn in all den Jahrzehnten davor bewahrt habe umzuziehen.

Und auch die Goetheplakette habe „etwas mit mir zu tun“. Kirchhoff fühlt sich dem Dichterfürsten in einem zumindest verwandt: Auch Johann Wolfgang von Goethe sei „nicht hereingefallen auf die Tagespolitik“, sondern habe stets einen Freiraum für die Dichtung, für die Arbeit als Autor verteidigt. „Er war im Herzen Dichter.“

Goethes lange Zeit erst als Geheimer Legationsrat, später als Exzellenz und Staatsminister am Hof von Weimar erklärt sich der Schriftsteller so: „Er war pragmatisch, weil er ja von irgendetwas leben musste.“

Und so geht es Kirchhoff, dem Träger des Deutschen Buchpreises (2016), schließlich heute auch: Er braucht einen Brotberuf. Und deshalb bricht der Frankfurter Ende nächster Woche wieder zu seinem Haus im Städtchen Torri del Benaco am Gardasee auf, in dem er wie seit langem über die Sommermonate leben und arbeiten wird. Er gibt dort gemeinsam mit seiner Ehefrau seit mehr als fünfzehn Jahren Kurse für kreatives Schreiben: „Die Schreibwerkstatt bedeutet uns total viel, und die ist auch finanziell wichtig.“

Denn ein Roman zahlt sich wirtschaftlich gesehen nur in den seltensten Fällen aus. Das gilt auch für Kirchhoff, seit Jahrzehnten einer der renommiertesten deutschen Schriftsteller. Seit vergangenem Jahr schon schreibt er an einem neuen großen Text: „Drei bis vier Jahre kostet mich das, ein Roman ist ein derartiger Luxus, sich diese Zeit zu nehmen.“

Dem Autor geht das Schreiben nicht leicht von der Hand; er quält sich lange mit Sätzen, mit einzelnen Wörtern gar, verwirft Versionen, überarbeitet Texte. Vom neuen Roman hat er gerade „die dritte Fassung begonnen“. Langsam erst gewinne die Arbeit Konturen, sagt er. Jetzt wisse er, wohin er wolle.

Schon in der Novelle „Widerfahrnis“, für die er 2016 den Deutschen Buchpreis erhalten hatte, blitzt die große Fluchtbewegung als Thema auf, die Millionen Menschen in Richtung Europa treibt. Im neuen Roman rücken „Wanderung“ und „Unruhe“ jetzt ins Zentrum.

Für Kirchhoff ein grundsätzliches Motiv, das „die Menschen immer wieder aufbrechen“ lasse: „Wanderung hat es immer schon gegeben, und wer versucht, dies zu bekämpfen, bekämpft den Menschen selbst.“

Nicht nur in Frankfurt, auch in Torri del Benaco trifft Kirchhoff die Menschen, die sich auf den langen Weg von ihrer Heimat nach Europa gemacht haben. „Neri“, die Schwarzen, hießen die Geflüchteten etwa aus Sri Lanka bei den Einheimischen am Gardasee. Und der Schriftsteller bekommt dort im Städtchen den Rat, bloß nicht mit den „Neri“ zu sprechen.

Kirchhoff verfolgt „mit Sorge“, wie das Land Italien, das er so liebt, sich verändert. Wie die rechtspopulistische Regierung immer mehr Einfluss gewinne. Und zugleich chinesische Investoren sich überall in Italien ausbreiteten. „Sie fangen an, in großem Stil Häuser zu kaufen.“ Der Schriftsteller fürchtet einen „Ausverkauf der Kultur“, die ihn vor Jahrzehnten in den Süden gezogen hat. „Die Italiener müssen sehen, dass sie ihre Kulturlandschaften behalten.“ Das Land mache es sich im Umgang mit der großen Wirtschaftsmacht China „zu leicht“.

Dass etwas Ähnliches in Deutschland und in seiner Heimatstadt Frankfurt geschehen könnte, hält der Autor kaum für möglich. „Ich denke, dass wir mehr in uns ruhen.“

In seinem neuen großen Text will Kirchhoff der Frage nachgehen, inwieweit die innere und die äußere Wanderung „Teil der conditio humana“ sind. „Alles andere ist Tagespolitik.“ 2020 wird er das Buch vorlegen, nicht früher. Denn ein Roman, das ist Luxus.

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