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Das ist doch ein echter Rochen! Oder?
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Das ist doch ein echter Rochen! Oder?

Senckenberg-Museum

Ein Rochen will hoch hinaus in Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Das Korallenriff im Senckenberg-Museum nimmt Gestalt an. Wir begleiten den Einzug des Riffmantas namens Alfredo und hoffen, den Haien zu entkommen.

Alfredo schaut ein bisschen ängstlich. Oder täuscht das? Momentan hängt er, von drei bunten Riemen gehalten, leicht schepp von der Decke herab. Sein langer, spitzer Schwanz ist mit einem gelben Lappen markiert, vorsichtshalber. Sein linker Flügel – oder sagt man Flosse? – ist mit Luftpolsterfolie umwickelt und mit dem charakteristischen bunten Flatterband, mit dem Senckenberg seine Umbauarbeiten seit einigen Jahren kennzeichnet.

Eine gute Stunde noch, dann wird Alfredo all diese Fesseln los sein. Dann ist Alfredo ein Star.

Und natürlich weiterhin ein Rochen, aber was für einer! Ein Riffmanta, 1:1 in Originalgröße, 3,50 Meter Spannweite. Mobula alfredi auf Lateinisch. Von dieser wissenschaftlichen Bezeichnung bis zu dem Namen, den ihm die italienischen Konstrukteure gaben, war es für Alfredo nur noch ein kleiner Flügelschlag.

Vor drei Wochen kam Alfredo in Frankfurt an. Ein letztes Streicheln seiner Erzeuger aus Venetien, und nun sind wir live dabei, wie er an seine überragende Position schwebt: in die neue Dauerausstellung Korallenriff, die im Juli eröffnet wird. Sie ist eine Welt für sich. „Wir werden hier neben dem Riff nur fünf physische Exponate haben“, sagt Philipe Havlik, Museumsentwickler bei Senckenberg, „auf 200 Quadratmetern.“ Neben den physischen, also gegenständlichen Ausstellungsstücken werden dann noch Erklärungstafeln und interaktive Inhalte dazukommen. Aber über allem: der Rochen. Da kommt Alfredo natürlich ganz groß raus.

Gerade ist die Vitrine fürs Riff eingetroffen, zwei Tonnen schwer allein das Glas. Daran vorbei soll der Manta schweben, als Blickfang für alle, die den Saal betreten, als „Highlight-Exponat“, sagt Havlik. „Man soll reinkommen – und aahhhh!“, beschreibt Hildegard Enting, womit kein Entsetzensschrei formuliert sein soll, sondern ein Laut des Wohlgefallens. Die zoologische Präparatorin ist mit ihrem Team zuständig für das Riff und die Tierwelt drumherum. Anna Frenkel, Kay Weber und Sylva Scheer gehören zum Team dazu.

Aber zurück zu Alfredo. Riesentyp. „Aber völlig harmlos“, sagt Philipe Havlik. „Er ist wie ein großer Staubsauger. Was er einsaugt ist ein paar Millimeter, höchstens mal einen Zentimeter groß.“ Das kennt man von daheim, wenn ungewollt der Hemdknopf, den man seit Wochen gesucht hat, im Staubsaugerrohr für immer verschwindet. Würde Alfredo aber nie machen. Ein Sympathieträger ist er auch. Es gab überhaupt keine lange Diskussion, wer der Chef im Riff-Ausstellungssaal werden sollte. „Wir wollten ihn alle“, sagt Anna Frenkel, und alle strahlen.

Weil die Darmstädter „Okeanos-Stiftung für das Meer“ finanziell mithalf, baumelt der Rochen nun also in den bunten Riemen. So kann es nicht bleiben. Er muss höher schweben. Und das ist gar nicht so einfach. Zu dritt pumpen Frenkel, Havlik und Museums-Elektriker Ferit Senal den Kameraden Zentimeter für Zentimeter empor. Die Seile sind oben mit drei chemischen Dübeln in der Decke befestigt und sollen jeweils einen Kleinwagen halten können, heißt es – was nicht unbedingt nötig wäre: Alfredo wiegt nur 35 Kilo. Aber sicher ist sicher.

Hoppla: ein blauer Gurt hat sich verheddert. Alfredo hängt in den Seilen. Das muss jetzt schnell entwirrt werden. Was, wenn ein Hai kommt? Havlik, ganz oben auf der Leiter: „Der frisst erst die Leute ganz unten.“

Das kann jetzt einen Moment dauern, bis jemand gefressen beziehungsweise das Zugseil neu eingefädelt ist. Zeit, einen Blick aufs Korallenriff in der Glasvitrine zu werfen, noch nicht ganz fertig, aber jetzt schon eine Pracht. Fischschwärme schauen zu, was da draußen mit dem Rochen geschieht, Würmer recken ihre Köpfe aus dem Sand, Seesterne liegen platt auf dem Boden, Schnecken sind da, Schwämme – eine gigantische Vielfalt, sechseinhalb Meter lang.

Seit mehr als 40 Monaten arbeiten die Präparatorinnen an dem indonesischen Riff, mit Beratung seitens der Meeresbiologen und passionierten Taucherinnen bei Senckenberg, mit dem Leibniz-Zentrum für marine Tropenforschung als Partner. 2900 Individuen bevölkern die Szene. „So ein Projekt kriegt man nicht alle Tage“, sagt Hildegard Enting. Aber allzu viel wollen wir noch nicht verraten. Eine große Schildkröte wird bald auf der Tagseite des Riffs dazustoßen, und auf der Nachtseite: Haie.

Apropos, wie weit sind die Entwirrarbeiten? Fertig. Keine Haiattacken. Weiter aufwärts geht es für Alfredo, Stück für Stück Richtung Saaldecke, die schon teilweise blau schattiert ist wie eine Wasseroberfläche, von unten betrachtet, teils aber auch von Klimageräten regiert wird. Nix zu machen, Vorschrift. Eine der Anlagen schockgefriert gerade Philipe Havlik, der auf einem Gerüst für Alfredo weitere Zentimeter der Schwerkraft abtrotzt. Rührend, wie der riesige Rochen alles über sich ergehen lässt, die zwei Augen rechts und links am Kopf, ein wenig wie E.T., nein, noch eher wie Sid aus „Ice Age“, aber natürlich insgesamt viel majestätischer. Die Präparatorinnen sind begeistert von der Detailverliebtheit der italienischen Rochenbauer, bis ins offene Maul hinein. „Man kann das sogar auf der Oberfläche fühlen“, sagt Enting. „Aber jetzt natürlich nicht mehr.“

Jetzt ist Alfredo nämlich, entgegen der bei Rochen beliebten Aufenthaltstiefe von einigen Hundert Metern unterm Meeresspiegel, in zweieinhalb Metern Höhe angekommen. „Hängt er gut?“, fragt Havlik. Links ein bisschen runter, 15 Zentimeter vielleicht. Jetzt? „Ich find’s ganz charmant“, gibt Hildegard Enting ihr Plazet. „Ei ja – dann machen wir ihn fest“, sagt Havlik.

Also werden die bunten Montageriemen zum Finale durch dünne Stahlseile ersetzt. Alfredo ist so freundlich, seinen Rücken als Abstellfläche für die Schüssel mit den Schrauben anzubieten. Als alles fertig ist, sieht er fantastisch aus, wie er sich elegant und schnittig in die Kurve legt. Dann kann die Ausstellungseröffnung ja kommen – am 16. Juli.

Ich schau dir in die Augen, Alfredo. Links: Philipe Havlik, Museumsentwickler.
Vom 16. Juli an sieht man Alfredo übers Riff fliegen. Mitte: Museumselektriker Ferit Senal.
Anna Frenkel beruhigt Alfredo. Ist der wirklich nicht echt? Der sieht doch völlig echt aus!

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