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Ein Musiker im Widerspruch

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Ein Solitär: Der Musiker und Komponist Heiner Goebbels.
Ein Solitär: Der Musiker und Komponist Heiner Goebbels. ©  dpa

Nach seinem 70. Geburtstag zieht der Komponist Heiner Goebbels mit dem Orchesterwerk „A House of Call“ eine Zwischenbilanz.

Dass die Revolte von 1968 nicht nur einen politischen Umbruch darstellte, sondern auch kulturellen Aufbruch brachte, dafür lassen sich gerade in Frankfurt am Main etliche Protagonisten als Beleg finden. Einer von ihnen ist der Musiker und Komponist Heiner Goebbels. 1976 gründete der Saxofonist gemeinsam mit anderen in Frankfurt das „Sogenannte Linksradikale Blasorchester“. Sechsundvierzig Jahre später präsentiert der international renommierte Repräsentant der Neuen Musik nun in der Alten Oper am 14. September sein zweites Stück für großes Orchester: „A House of Call“, eine Art musikalische (Zwischen-)Bilanz. Goebbels ist einen weiten Weg gegangen, hat aber seine musikalischen Wurzeln nicht vergessen. Sein 70. Geburtstag liegt wenige Wochen zurück.

1976 hatten die Musiker großen Spaß daran, sich selbst „linksradikal“ zu taufen: Weil sie eben in der bürgerlichen Presse so etikettiert worden waren. Das „Blasorchester“ bildete so etwas wie die Big Band der Frankfurter 68er, wollte auch endlich das Defizit beheben, „dass in der linken Szene kaum gesungen wird“ (Goebbels). Die Gruppe hauchte linkem Liedgut neues Leben ein.

1976 spielte sie etwa beim Konzert auf dem Römerberg eine instrumentale Version des „Lieds von der Gedankenfreiheit“ von Walter Mossmann. Goebbels erinnert sich: „Die Anfänge waren für vieles entscheidend: Für die Art, zu leben, Musik zu machen, Widerspruch zu formulieren, Entscheidungen zusammen treffen zu können und nicht akademische Korrektheit und Virtuosität an die erste Stelle zu setzen – sondern die Haltung, mit der Musik gemacht wird.“

Dieser Leitlinie blieb der Musiker treu, entwickelte sich weiter, häutete sich stets aufs Neue. Von 1975 bis 1988 im Duo mit Alfred Harth, dessen improvisierte Klänge sich teils geradezu eisig-sphärisch anhören, dann 1982 bis 1992 in der experimentellen Rockgruppe „Cassiber“. Schon früh, vor 35 Jahren, entwickelte sich die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern, dem vielleicht besten Klangkörper der Neuen Musik. Sie begann, als Goebbels für das Ensemble die Ballettmusik „Red Run“ komponierte. „Das Vertrauen wuchs über die Dauer der Zusammenarbeit, der Ausweitung des Szenischen, der Arbeit mit Raum, Bewegung, Licht.“

Mit dem Musiktheaterstück „Schwarz auf Weiß“, das 1995/96 entstand, eroberte er eine neue Dimension. Das Ensemble selbst wird zum Darsteller, seine Mitglieder agieren nicht nur musizierend, sondern auch sprechend und spielend. Tennisbälle fliegen auf eine große Trommel, das Pfeifen eines Wasserkessels wird in die Komposition integriert. Goebbels freut sich, „dass wir ‚Schwarz auf Weiß‘ immer noch aufführen.“ Im November wird es im Bockenheimer Depot zu sehen und zu hören sein, es ist die 80. Aufführung. Mit dem Ensemble Modern zusammen entstand 1998 auch „Eislermaterial“, eine Hommage an den politischen Komponisten und Schönberg-Schüler Hanns Eisler.

Dass Goebbels zur Zusammenarbeit mit dem DDR-Dramatiker Heiner Müller fand, der sich ein Leben lang am zweiten deutschen Staat abarbeitete, war geradezu zwangsläufig. Die beiden lernten sich 1979 kennen. Goebbels komponierte die Musik für die Uraufführung des Müller-Stücks „Leben Gundlings Friedrich Wilhelm von Preussen Lessings Schlaf Traum Schrei“. Noch heute betont der Komponist, wie wichtig Müller für ihn gewesen sei: „Er hat mein Theaterverständnis entscheidend mitgeprägt.“ Theater „nicht als Repräsentation, sondern als eigene Realität zu verstehen. Auf Fremdheit zu setzen – nicht auf Vertrautheit und Wiedererkennung.“

Das Konzert

Das Ensemble Modern Orchestra spielt „A House of Call, My Imaginary Notebook“ am Mittwoch, 14. September, in der Alten Oper Frankfurt um 20 Uhr im Großen Saal. Zuvor gibt es um 18.30 Uhr einen Vortrag von Komponist Heiner Goebbels mit dem Titel „… mit den Mitteln der Bühne musizieren“ zusammen mit Clara Schumann im Foyer. Karten gibt es ab 33 Euro unter

www.frankfurtticket.de. jg

Der Deutsche aus dem Westen und der Deutsche aus dem Osten traten 1989, zwei Tage nach dem Fall der Mauer in Berlin, gemeinsam in New York auf, mit dem Hörstück „Der Mann im Fahrstuhl“, das Goebbels nach einem Text von Heiner Müller geschrieben hatte. Es geht um eine Fahrstuhlfahrt, die sich zum Horrortrip entwickelt: „Ein Erdbeben in Tönen und Worten“, wie ein Kritiker urteilte. Goebbels ging davon aus, dass Heiner Müller am 11. November 1989 gar nicht zur Aufführung erscheinen würde, Besseres zu tun hätte: „Aber er kam pünktlich, fünf Minuten vor der Zeit.“

Kontinuierlich hat Goebbels im Lauf der Zeit seine künstlerischen Mittel erweitert. Auf Einladung von Museen wie dem Centre Pompidou in Paris, der Mathildenhöhe in Darmstadt und dem Albertinum in Dresden entwickelte er Sound- und Videoinstallationen. „Eine willkommene Abwechslung neben den großbesetzten Arbeiten auch einmal alleine beziehungsweise mit kleinem Team etwas zu entwickeln, das dann monatelang zu erleben ist.“ Für das Jahr 2023 plant der Musiker Installationen im griechischen Elefsina, dann europäische Kulturhauptstadt, und im litauischen Vilnius. Auch für das Museum Reine Sofia in Madrid entsteht eine neue Arbeit.

Zugleich hat der Komponist seit den 90er Jahren Orchesterstücke geschrieben. „Surrogate Cities“ hieß 1994 der erste abendfüllende Zyklus, es gibt einige andere, kürzere Orchesterpartituren. „A House of Call“ ist das zweite große Orchesterwerk. Wieder arbeitet Goebbels mit dem Ensemble Modern. Er selbst spricht von einem Konzert, wenn auch nicht von einem üblichen. „Ein anderer Liederabend für großes Orchester – aber ohne Sängerinnen und Sänger auf der Bühne. Dennoch mit Stimmen, auf die das Orchester antwortet, reagiert.“

Für „A House of Call“ hat Goebbels Stimmen gesammelt, „die mich berührt oder auch verstört haben“. Dazu zählen historische Aufnahmen auf Wachszylindern aus Armenien, Kasachstan, Griechenland, Namibia. „Zu den sehr persönlichen Stimmen kommt auch die Realität der Aufnahmen, das Kratzen der Walzen und die Bedingungen, unter denen diese Aufnahmen gemacht wurden.“ Hier verarbeitet der Künstler Einflüsse, die ihn über Jahrzehnte hinweg prägten.

Seit dem „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ ist viel Zeit vergangen. Goebbels ist längst akademisch geworden, als Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Gießener Universität von 1999 bis 2018, als Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, als Träger des Europäischen Theaterpreises.

Doch er komponiert weiter. Komponieren gibt es bei ihm aber nicht „im landläufigen Sinne von ‚Noten auf das Papier malen‘“. Er versteht es als „Verhältnis von Hören und Sehen, als intermediales Arbeiten mit den verschiedensten Materialien“. Dazu gehörten neben den Klängen „auch der Raum, die Bewegung, das Licht, die Librettoarbeit an den Texten“. Heiner Goebbels weigert sich, sich Kategorien zu unterwerfen, das ist nicht pflegeleicht für den Theater- und Konzertbetrieb. Seine künstlerische Position hat er 2002, bei der Verleihung der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, mit den Worten beschrieben: „Nirgendwo so richtig mittenrein.“ Er bleibt ein Solitär.

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