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Aus der Zeit gefallen: Der immer wieder diskutierte „Ring der Statuen“ im Rothschildpark wurde kurz nach dem Ende der NS-Diktatur in Bronze gegossen und aufgestellt. Foto: Peter Jülich
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Aus der Zeit gefallen: Der immer wieder diskutierte „Ring der Statuen“ im Rothschildpark wurde kurz nach dem Ende der NS-Diktatur in Bronze gegossen und aufgestellt.

Kultur

Ein Museum unter freiem Himmel

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Dank des legendären Städel-Direktors Georg Swarzenski stehen in Frankfurt so viele Werke des einst weltberühmten Künstlers Georg Kolbe wie nirgendwo sonst. Heute werden sie kaum noch beachtet.

Das Museum of Modern Art in New York und die National Gallery in Washington besitzen Werke von ihm, einem der berühmtesten Bauwerke des 20. Jahrhunderts, Ludwig Mies van der Rohes „Barcelona-Pavillon“ würde ohne seine Skulptur das Zentrum fehlen, eine kleine Figur hat bei einer Auktion gerade 300 000 Euro erlöst, und in Berlin ist dem Bildhauer Georg Kolbe (1877–1947) sogar ein eigenes Museum in dessen ehemaligem Atelier gewidmet. Doch die vielleicht beste Sammlung steht in Frankfurt, verteilt über die ganze Stadt – einst waren Kolbes Denkmäler eine Sehenswürdigkeit, heute werden sie im besten Falle kaum noch beachtet.

Bei Passantinnen und Passanten lösen die einst so berühmten Werke vielleicht am ehesten ein Schulterzucken aus, und immer wieder mal gibt es Beschwerden über die als unpassend empfundenen bronzenen Nackten beiderlei Geschlechts. Dabei lohnt sich ein Spaziergang zu den zwischen 1913 und 1954 aufgestellten Denkmälern zwischen Hauptfriedhof und Städel-Garten am Sachsenhäuser Mainufer. Anders als die Kunst im Museum sind die meisten Frankfurter Kolbewerke als Denkmäler in Parks und Grünanlagen immer zugänglich, Corona hin oder her.

Ruhm, Reichtum und Vergessenwerden, Begeisterung, Unverständnis und auch Abscheu – im Werk Georg Kolbes spiegelt sich die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts wie bei kaum einem anderen Künstler dieser Zeit. „Von den drei bekanntesten deutschen Bildhauern des 20. Jahrhunderts, Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck und Georg Kolbe, war er sicher der mit Abstand finanziell erfolgreichste“, sagt Julia Wallner, Leiterin des nach dem Bildhauer benannten Berliner Museums.

Kolbes Heinedenkmal, das erste überhaupt, überstand die NS-Zeit im Städel versteckt.

Beginnen müsste ein Spaziergang eigentlich in der Taunusanlage, wo versteckt hinter dem Schillermonument nackt Reigen getanzt wird (eine Tour begänne aber praktischerweise beim „Adam“ am Hauptfriedhof, siehe Kasten). Das erste Denkmal, das in Deutschland an den Dichter Heinrich Heine erinnern sollte, ist auch eine der frühesten Arbeiten Kolbes, entstanden von 1910 an.

Auf Georg Kolbes Spuren

Die Frankfurter Figuren Georg Kolbes stehen fast alle unter freiem Himmel und sind auch in den Zeiten geschlossener Museen frei zugänglich. Beginnen könnte ein Spaziergang auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, wo direkt hinter der Trauerhalle Georg Kolbes monumentaler nackter Adam steht, eine Dauerleihgabe des Städel-Museums.

Bis zum Rothschildpark, dessen Mittelpunkt Kolbes „Ring der Statuen“ bildet, dauert der Fußweg etwa eine halbe Stunde. Sieben leicht überlebensgroße, in sich gekehrte ‚nackte‘ Bronzeskulpturen und schmale Basaltsäulen bilden einen Kreis, in dessen Mitte ein eigenartiges akustisches Phänomen, ein Echoeffekt, zu hören ist.

Der Weg führt weiter durch die Taunusanlage in Richtung Main. Linker Hand auf einem künstlichen Hügel steht das wohl umstrittenste Denkmal Kolbes, der im wahrsten Wortsinn monumentale (natürlich nackte) Beethoven, 1951 hier aufgestellt.

Der Gegensatz zum nahen Heinrich-Heine-Denkmal, gut versteckt im Gebüsch nahe der Straße (auf Höhe der Niederlassung der Bundesbank), könnte kaum größer sein. Dass das elegante Werk provozierte, ist heute kaum noch nachvollziehbar.

Überquert man den Main, ist das Städel-Museum aktuell zwar geschlossen, der Garten mit vielen Skulpturen aber über den Eingang in der Dürerstraße zugänglich. Hier steht an der Nordostecke des Altbaus Kolbes „Verkündung“ von 1924. aph

Ein Vergleich des im wahrsten Wortsinne leichtfüßigen Werks mit dem doch ziemlich bombastischen, gerade einmal 50 Jahre älteren Schillerdenkmal von Johannes Dielmann auf ehrfurchtgebietend hohem Postament zeigt den viel moderneren Blick, der nicht Heine auf den Sockel stellt, sondern versucht, die Eleganz und Leichtigkeit seiner Gedichte einzufangen. Und wer Lust bekommen hat, Dichterdenkmäler zu vergleichen: Nur ein paar Schritte weiter lässt sich das sehr abstrakte „Haus für Goethe“ des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida sogar durchschreiten, 73 Jahre nach Kolbes Heine entstanden, offen für alle und ganz ohne Sockel. Der Gang vom Schiller über den Heine zum Goethe ist sozusagen sich selbst erschließende Museumspädagogik.

Dass in Frankfurt eine hervorragende Sammlung solcher Skulpturen zu sehen ist, verdankt die Stadt dem legendären Städel-Direktor Georg Swarzenski, der Kolbes Karriere von Anfang an begleitet hatte. Im Städel-Garten steht – frei zugänglich – eine Kolbefigur, ein nackter Engel, und auch der „Adam“ auf dem Hauptfriedhof gehört dem Städel. Anders als Kolbe, der auch in der Nazizeit ausstellen durfte, musste Swarzenski emigrieren.

Seit 66 Jahren steht der „Ring der Statuen“ im Rothschildpark.

Der Nationalsozialismus und Kolbe – das ist sicher das schwierigste Kapitel im Schaffen des Künstlers, der nie „abstrakt“ gearbeitet hat und auch im Nationalsozialismus den Geschmack der Zeit mehr oder weniger traf.

Mehr oder weniger: Der „Heine“ wurde gleich 1933 gestürzt, wohl hauptsächlich wegen des jüdischen Dichters, die Figuren überlebten im Städel und konnten nach dem Krieg wieder aufgestellt werden. Mehr oder weniger: Sein doch sehr großes Beethovendenkmal, hundert Meter vom zarten Heine auf einem künstlichen Hügel platziert, hat er allerdings schon Ende der 1920er Jahre konzipiert, gegossen wurde es aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder war und ist der Beethoven in den vergangenen Jahren Ziel wütender verbaler Attacken. Dass er 1951 so besonders monumental auf einem künstlichen Hügel platziert wurde, war übrigens eine Idee von Kolbes Bildhauerkollegen Richard Scheibe.

Der Betrachter, die Betrachterin macht es sich wohl zu einfach, wenn er oder sie die in der NS-Zeit entstandenen Werke Kolbes pauschal aburteilt. Der 1933 sehr berühmte Künstler kritisierte das Regime zwar in privaten Briefen, erhielt aber auch weiterhin öffentliche Aufträge, etwa für das Berliner Olympiastadion. Wie viel Ideologie steckt in diesen Werken?

Der nackte „Beethoven“ steht seit 1951 in der Taunusanlage.

Nun stehen im Anlagenring keine Denkmäler „klassischer“ NS-Künstler wie Arno Breker oder Joseph Thorak, dessen Eigentumsrechte an zwei überdimensionierten Bronzepferden von Hitlers Berliner Reichskanzlei ganz aktuell vor Gericht verhandelt werden – insofern ist der direkte Vergleich schwierig. Aber bleibt man bei den beiden Pferden Thoraks von der Reichskanzlei, von denen aktuell viele Fotos kursieren, sieht man doch den Unterschied auf den ersten Blick: Viel glatter, klassizistisch ist ihre Oberfläche gestaltet. Von den muskelbepackten Kraftprotzen Brekers mit ihrem heroisch-verkniffenen wütenden Blick lassen sich ebenfalls viele Fotografien als Vergleich finden.

Auch der „Ring der Statuen“ im nahen Rothschildpark entstand in der Zeit der Naziherrschaft, wurde aber erst nach dem Krieg fertiggestellt, eine Figur blieb wegen des Krebstodes Kolbes im Jahr 1947 unvollendet. Sieben schöne junge Leute stehen hier im Kreis, eine seltsame, melancholische Versammlung voller Trauer, Nachdenklichkeit und Melancholie, beinahe schon Gegenentwürfe zu Brekers NS-Helden. Da ist eher die Nähe zum großen Auguste Rodin spürbar, den Kolbe persönlich kannte und dessen Ideen er von Frankreich nach Deutschland brachte. Ihre Nacktheit provoziert offenbar noch immer, regelmäßig wird die Bronze beschmiert, manchmal bemalen sie auch Kindergartenkinder mit Wachsmalfarben. Darunter leidet das scheinbar so dauerhafte Material. „Kolbe hat aber durchaus in Kauf genommen, dass seine Werke nicht für die Ewigkeit gemacht sind“, sagt Museumsdirektorin Wallner. Und wer kann sagen, ob die Frankfurter Werke nicht auch eines Tages abgebaut werden, zu nackt, zu heroisch, zu anstößig?

Georg Kolbe in seinem Berliner Atelier.

Dass die sieben verletzlichen Nackten in einer nationalsozialistisch beherrschten Stadt Frankfurt wirklich gefallen hätten, ist fraglich. Nach Kriegsbeginn wurden ohnehin keine Skulpturen Kolbes mehr in Bronze gegossen, wie Julia Wallner berichtet. Dass sie nach 1945 noch aufgestellt wurden, lag sicher an der durchgehend „massiven Wertschätzung“ des Künstlers in Frankfurt, wie Wallner sagt. „Aber es lag sicher auch an bestehenden Verträgen, die die Stadt erfüllen wollte. Ich glaube, es lohnt sich immer wieder darüber nachzudenken, was es heißt, Kunst 1920 oder 2020 aufzustellen“, sagt Wallner. „Es ist aber auf jeden Fall sehr spannend, sich als Geschichtsinteressierter mit der Kunst dieser Zeit auseinanderzusetzen.“

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