Justiz

Ein Kind von Traurigkeit

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Eine Angeklagte erweist sich vor Gericht als schwer krank, will das aber selbst nicht wahrhaben. Die Frau war 2019 auf der A66 im Slalom unterwegs.

Laut Anklage ist die junge Frau, die sich am Freitag wegen Straßenverkehrsgefährdung vor dem Amtsgericht verantworten muss, kein Kind von Traurigkeit. Am Nachmittag des 17. Juni 2019 jedenfalls bretterte sie mit einem Mercedes über die A66 wie eine Henkerin auf Speed. Zwischen den Ausfahrten Zeilsheim und Hattersheim fuhr sie viel zu schnell, überholte im Slalomstil andere Autos, nutzte dabei auch kleinste Zwischenräume sowie den Standstreifen und ignorierte das Hupkonzert der gegnerischen Verkehrsteilnehmer.

Einem Auto fuhr sie den Seitenspiegel ab (Schaden: 200 Euro), einem anderen krachte sie in die Seite (1500 Euro), einem dritten in die Karosserie (8000 Euro). Immerhin stoppte dieser Unfall ihre Amokfahrt, da die Vorderachse ihres Mercedes brach.

Den Polizisten, die den Unfall aufnahmen, sagte sie, sie sei „vom Stau genervt“ gewesen. Außerdem habe sie zwei Tage zuvor Drogen genommen, aber leider vergessen, welche. Ein Bluttest ergab weder Spuren von Alkohol noch von anderen Drogen.

Den ersten Gerichtstermin im Juli hatte die Frau geschwänzt, weshalb sie am Freitag vorgeführt wird. Im Gerichtssaal macht die 23-Jährige dann aber doch den Eindruck eines Kindes von Traurigkeit. Jedenfalls starrt sie mit waidwundem Blick ins Leere. Auf Fragen reagiert sie, wenn überhaupt, extrem zeitverzögert. Zu der ihr vorgeworfenen, kaum zu leugnenden Amokfahrt will sie sich nicht äußern: „Dazu habe ich keine Lust.“

Massive psychische Probleme

Nach wenigen Minuten ist jedem im Gerichtssaal klar, dass die junge Frau massive psychische Probleme hat und dringend ärztlicher Hilfe bedarf. Das hatte sich wohl schon im Vorfeld abgezeichnet, jedenfalls hat das Amtsgericht eine Psychiaterin einbestellt, die die Angeklagte begutachten sollte – was allerdings wegen deren Weigerung zur Mitarbeit unmöglich war. Denn in der Tat scheint es im Saal lediglich eine Person zu geben, die die Angeklagte als völlig klar im Kopf sieht: sie selbst. Von der Richterin auf ihren Geisteszustand angesprochen, erwacht sie kurz aus ihrer Lethargie und sagt: „Bei allem Respekt: Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen!“ Als zur Sprache kommt, dass sie vor Kurzem in einer Klinik untersucht worden war und dort der Verdacht auf eine schwere Psychose aufkam, wendet sie sich direkt an die Zuhörer: „Möchten die Herrschaften noch etwas Privates wissen?“

Handlungsbedarf jedenfalls sieht sie nicht. Im Gegensatz zu ihrem Verteidiger, der Staatsanwältin und der Richterin. Und ihrem Vater, der seine Tochter zu dem Prozess begleitet – und ein Betreuungsverfahren in die Wege geleitet hat, um sie vor sich selbst schützen zu können. Die Tochter werde zusehends wunderlicher. Seit der Unfallfahrt ihres Führerscheins verlustig, sei sie unlängst erst von der Polizei nach Hause eskortiert worden, weil sie sich im Bus handfest geweigert hatte, eine Schutzmaske zu tragen. Seine Tochter benötige dringend Hilfe, hätten die Beamten attestiert, berichtet der Vater im Zeugenstand.

Die Angeklagte wird wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Ihr Führerschein bleibt für mindestens elf weitere Monate in Sicherheit. Dass die Frau nicht einmal ansatzweise verstanden hat, worum es hier ging, bestätigen ihre traurigen letzten Worte: „Gibt es eine Möglichkeit, die Fahrerlaubnis früher zurückzubekommen?“

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