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Der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Andreas von Schoeler mit der neuen Landmann-Biografie.

Frankfurt

„Ein großer OB, ein Mann mit Visionen“

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Andreas von Schoeler spricht im Interview über das ehemalige Frankfurter Stadtoberhaupt Ludwig Landmann und den neuen Landmann-Preis für Mut und Haltung

Herr von Schoeler, Ludwig Landmann, der große Frankfurter OB der 20er Jahre, ist in Vergessenheit geraten. Auch sein furchtbarer Tod 1945 im von Deutschen besetzten Holland ist kaum noch im öffentlichen Bewusstsein. Warum ist es heute wichtig, an Ludwig Landmann zu erinnern?
Es ist wichtig, an alle zu erinnern, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind, weil sie Widerstand geleistet haben und widerstanden haben. Es ist ein trauriges Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass diese Menschen nach dem Krieg nicht als Vorbild gewürdigt worden sind. Das gilt für Ludwig Landmann, aber auch für viele Musiker und Literaten. Es hat, zugespitzt formuliert, eine zweite Verfolgung gegeben. Man hat sich in der Nachkriegszeit nicht an diese Menschen erinnern wollen, weil sie bewiesen hatten: Es gab auch einen anderen Weg als den des Mitläufers oder der Unterstützung der Nationalsozialisten. Deshalb liegt es mir sehr am Herzen, dass Landmann in Frankfurt gewürdigt wird. Es gibt die Ludwig-Landmann-Straße …

… die eher abschreckend wirkt.
Richtig. Das ist keine angemessene Würdigung. Unser Bestreben als Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums ist es deshalb, dieses Versäumnis zu heilen.

Sie werden einen Ludwig-Landmann-Preis stiften. Wer soll gewürdigt werden?
Er wird Ludwig-Landmann-Preis für Mut und Haltung heißen. Es geht uns um Personen, die sich durch eine besondere Haltung ausgezeichnet haben, die in schwierigen Konfliktsituationen Mut bewiesen haben. Das kann auf den unterschiedlichen Feldern sein, denen sich das Jüdische Museum widmet. Etwa dem Kampf gegen den Antisemitismus, dem Einsatz für das Existenzrecht des Staates Israel, für demokratische Freiheitsrechte.

Wie häufig wird er verliehen werden?
Der Preis soll im Turnus von zwei Jahren vergeben werden und ist mit 10 000 Euro dotiert.

ZUR PERSON

Andreas von Schoeler (71) war als FDP-Politiker von 1976 bis 1982 Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Er wechselte dann in die SPD über und war von 1991 bis 1995 Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt. Seit 2009 führt er den Förderkreis des Jüdischen Museums.

Das ist eine Initiative des Freundeskreises des Jüdischen Museums, also aus der Bürgerschaft heraus …
Ja. Der Freundeskreis, das sind unabhängige Bürger, die das Jüdische Museum unterstützen.

Und Sie sind der Vorsitzende des Freundeskreises.
Ja. Wir wollen Menschen an das Museum heranführen und Geld für das Haus sammeln. Es gibt ja keinen Ankaufsetat. Und das Museum brauchte für die neue Dauerausstellung zusätzliche Objekte, die wir erwerben konnten. Und einige Baumaßnahmen wären auch dem Rotstift zum Opfer gefallen, wenn wir nicht eingesprungen wären.

Zurück zu Ludwig Landmann. Was kann man lernen von seinem Lebensweg?
Viel. Der Grund für seine Ehrung ist nicht nur, dass Ludwig Landmann von den Nazis vertrieben wurde. Er war ein großer OB, ein Mann mit Visionen. Er hat 1916 im Magistrat begonnen. Nach dem Ersten Weltkrieg führte er Frankfurt in die Moderne. Die Stadt hat sich an der Lufthansa beteiligt, Landmann hat die Eingemeindungen vorangetrieben. Er hat dem Stadtbaurat Ernst May und den Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer Wirkungsmöglichkeiten verschafft.

Es gibt eine neue Biografie von Wilhelm von Sternburg über Landmann.
Sie schließt eine Lücke. Und ich kann sie nur sehr empfehlen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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