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Der Eingang zum etwa einen Hektar großen Gelände der Milchsackfabrik an der Gutleutstraße.
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Der Eingang zum etwa einen Hektar großen Gelände der Milchsackfabrik an der Gutleutstraße.

Milchsackgelände

Ein buntes Stück Frankfurt bleibt erhalten

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Die der Stadt Frankfurt gehörende Gesellschaft KEG kauft das riesige Milchsackgelände und will die hier angesiedelte Kreativ-Szene erhalten - Ideen hätten die Nutzer:innen viele.

Wenn im Rhein-Main-Gebiet von Grundstücksgeschäften berichtet wird, sind das gerne auch mal Geschichten mit Beigeschmack. Da geht es dann um unerhörte Gewinne, die Zerstörung lange gewachsener Nachbarschaften oder die Vertreibung alteingesessener Mietparteien. Ein riesiges Areal in der Frankfurter Gutleutstraße dürfte seit Jahren auch die Fantasie von Immobilienspekulanten gewesen sein – doch diese Träume sind ausgeträumt, und das ist eine ausgesprochen gute Nachricht.

Zum 1. Januar hat die städtische „Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft“ (KEG) das 10 600 Quadratmeter große Grundstück der ehemaligen Milchsackfabrik übernommen. Deren Ziel: Die inzwischen so seltene eindrucksvolle Mischung aus Kreativen ganz unterschiedlicher Richtungen soll erhalten werden. Die Erleichterung bei den rund 30 Mieterinnen und Mietern ist groß. Von einer „klugen und weitsichtigen Entscheidung“ spricht der frühere Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Bahnhof/Gutleut, Gregor Amann.

Verkäufer war der Dreieicher Dichter und Wortakrobat Peter Peters, Enkel des Firmengründers Carl Milchsack, der als Vertreter der Erbengemeinschaft nach der Insolvenz der früheren Farbenfabrik 1999 ein großes Herz für die alternative Kulturszene bewies. Dank günstiger Mieten fand hier ein buntes Stück Frankfurt eine Heimat.

Daniel Hartlaub im Atelier. Eigentlich hätte er aktuell eine Ausstellung in Chicago; die wurde pandemiebedingt verschoben.

Zur Gutleutstraße hin sind Wohnungen, im früheren Verwaltungs- und Laborgebäude, dem „Künstlerhaus Gutleut“, etwa ein Dutzend Atelierräume untergebracht. Fotografenstudios, der Technoclub Tanzhaus West, der Club Dora Brilliant, eine Kunstwerkstatt für Jugendliche, das Theater Landungsbrücken, ein Caterer und auch eine Autowerkstatt nutzen das bis zu den Bahngleisen reichende Industrieareal mit seinen teils historischen Gebäuden.

Die Mischung aus Kultur und Gewerbe ist tatsächlich ungewöhnlich. „Es ist hier ganz berlinmäßig, wobei es so was dort inzwischen eigentlich gar nicht mehr gibt“, sagt der Medienkünstler Daniel Hartlaub, der hier ein Studio hat, den bisherigen Besitzer Peter Peters gut kennt und ihn sehr für sein Engagement lobt. „Ohne ihn wäre das nicht entstanden“, betont Hartlaub. Peters sei es wichtig gewesen, dass das Milchsackgelände so vielfältig kulturell genutzt bleibt wie bisher.

Das Milchsackgelände

Das Gelände Gutleut 294 liegt an einer der alten Ausfallstraßen Frankfurts nach Westen. Nach dem Bau des Hauptbahnhofs und der dazugehörigen Gleisanlagen im Jahr 1883 wurde auch die Gutleutstraße mit Industriegebäuden bebaut, etwa 1899 das „Pharmazeutische Institut“ („Pharma-Gans“). Von 1922 an wurde das Gelände von verschiedenen Farbherstellern genutzt, dann im Jahr 1928 von der Firma Dr. Carl Milchsack, die Druckfarben herstellte. 1999 wurde die Produktion eingestellt. Peter Peters, Enkel des Firmengründers, vermietete in den darauffolgenden Jahrzehnten als Geschäftsführer der Erbengemeinschaft auf dem Gelände an Kunst- und Kulturschaffende, Gewerbe und Soziales und baute die „Farbenfabrik“ behutsam zu seiner „Kulturfabrik“ um. Seit dem 1. Januar 2021 gehört das Areal der Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft (KEG) der Stadt Frankfurt.

Im Künstlerhaus , dem früheren Labor- und Verwaltungsgebäude der Farbenfabrik, haben viele Kreative ihre Ateliers, so Nadja Bauernfeind (Zeichnung), Andrea Moseler (Papierdesign), Uli Pflaum (Malerei), Monika Linhard (Rauminstallation), HFX Special Effekte, Sikko Brand (Malerei), Daniel Hartlaub (Graphic Novel) und der Countertenor Jürgen Banholzer.

Was die KEG in Zeiten eines immer noch überhitzten Immobilienmarkts bezahlt hat, darüber wurde Stillschweigen vereinbart. Es dürfte aber eine Summe sein, die deutlich unter dem maximal zu erzielenden Profit lag, meinen Insider. „Was Herr Peters geschaffen hat, wollen wir bewahren und weiterentwickeln“, verspricht KEG-Geschäftsführer Klaus-Peter Kemper. Der Kaufpreis sei eine Summe, die sich aus den Erträgen refinanzieren lasse, sagt er. Die Stadt wolle aber die bisherigen Nutzungsstrukturen erhalten. Aktuell untersuche die KEG, wie sich kleinere Baumängel beheben ließen.

Lediglich die an den Gleisen gelegene Autowerkstatt im hinteren Teil des Geländes passe nicht zur übrigen kreativen Nutzung. Es gebe bereits zwei sehr konkrete Vorstellungen, wie es damit weitergehen könnte, sagt Kemper. So überlege die benachbarte Mainova, ihren Standort zu erweitern und ein Teilstück zu erwerben. Die Wirtschaftsförderung der Stadt könnte sich auf der Fläche der bisherigen Werkstatt auch einen Handwerkerhof vorstellen. „Das ist ein Thema, das die Stadt schon lange bewegt“, sagt Kemper. Klären werde sich das noch in diesem Jahr.

Auch die teils schon seit vielen Jahren hier lebenden Künstler:innen haben sich viele Gedanken gemacht, der Mieterverein Gutleut 294 überlegte eine Zeit lang sogar, das Gelände selbst zu kaufen. Für die jetzige Lösung gibt es aber eine breite Zustimmung. Und die kreative Szene hat auch viele Ideen, wie es hier weitergehen, was hier noch entstehen könnte und wie sich die hier Arbeitenden einbringen könnten.

„Wir würden gerne als Künstlerhaus stärker wahrgenommen werden und uns mehr der Nachbarschaft öffnen“, sagt Monika Linhard, die ein großzügiges Atelier direkt unter Hartlaub hat. Bisher habe das Medium Kunst in der Milchsackfabrik nur eine marginale Rolle gespielt, meint sie. Ein gemeinsamer Auftritt nach außen, offene Ateliers, Werkstattgespräche oder die Teilnahme an Events wie den „Tagen der Industriekultur“ könnten das ändern, schlägt Linhard vor.

Eine Ausstellungshalle wäre denkbar, es gäbe genug Platz für ein Café mit Biergarten und Räume, die auch die Menschen aus dem Gutleutviertel für Feiern nutzen könnten, für Sommerkurse und vieles mehr. Finanziert werden könnte das neben der Eigenleistung der Kreativen durch Fördermittel oder Stiftungen.

Eine besonders interessante Idee haben die Mieter:innen für das rückwärtige Gelände, auf dem sich die KEG den Handwerkerhof vorstellen könnte. Hier sollten Atelierstudios entstehen, in denen Kreative arbeiten und wohnen könnten. Denn das fehle in Frankfurt wegen der hohen Mieten ganz besonders, sagt Monika Linhard. Ein Architekt habe bereits Ideen entwickelt.

Noch ist die Gegend an der Ausfallstraße geprägt von Industrie und Gewerbe. Gegenüber wird aber teuer gebaut, und zum edlen Wohnviertel am Westhafen sind es nur wenige Minuten. „Ich bin aber optimistisch, dass der Charakter erhalten bleibt“, sagt die Künstlerin.

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