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Kristina Nottbohm.

Interview

„Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von sexualisierter Gewalt betroffen“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Kristina Nottbohm vom Paritätischen Wohlfahrtsverband fordert höhere Fördermittel und warnt vor krisenbedingten Schließungen von Fachberatungsstellen in Hessen

Frau Nottbohm, die Fachberatungsstellen mussten in diesem Jahr Spendenausfälle, Einnahmeverluste durch wegfallende Fortbildungen und Mehrausgaben für die digitale Ausrüstung einberechnen. Wie hoch waren die Ausgaben beziehungsweise die Ausfälle in diesem Jahr in Hessen?

Eine Abfrage im Sommer hat ergeben, dass hessenweit eine Finanzierungslücke im höheren sechsstelligen Bereich zu befürchten sein könnte. Bei einigen Fachberatungsstellen hat sich die finanzielle Lage mittlerweile etwas entspannt, bei anderen ist sie weiterhin kritisch. Womöglich wird auch das Förderprogramm „Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ des Sozialministeriums nicht alle pandemiebedingten Finanzierungslücken schließen, da Beratungsstellen maximal 15 000 Euro beantragen können.

Einige kleine Stellen sind unterfinanziert und fürchten um ihre Zukunft. Inwiefern ist die Existenz von Fachberatungsstellen bedroht?

Vom Land und den Kommunen erhalten die Beratungsstellen freiwillige Zuschüsse. Diese sind nicht kostendeckend. Meines Erachtens gibt es hier einen Fehler im System. Fachberatungsstellen müssen ihre wichtige Beratungs- und Unterstützungsarbeit für von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche zum Teil über Spenden und Einnahmen durch Fortbildungsangebote mitfinanzieren. Wenn diese Eigenmittel wegbrechen, wie jetzt durch Corona, offenbaren sich die Grenzen dieses Finanzierungsmodells. Gerade kleinere Vereine geraten hier schnell in existenzielle Not. Im Übrigen haben auch andere Träger mit frauen- und mädchenspezifischen Angeboten, wie beispielsweise Frauenhäuser, Notrufe, Schwangerschaftsberatungsstellen, Frauengesundheitszentren, Mütterzentren und Familienbildungsstätten dieses Problem.

Zur Person

Kristina Nottbohm hat Sozial- und Kommunikationswissenschaften in Deutschland und Frankreich studiert. Seit April 2020 ist sie beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen als Fachreferentin für den Bereich Frauen und Mädchen zuständig. stn

Manche Beratungsstellen finanzieren sich zu 50 Prozent aus Eigenmitteln. Niemand weiß, wie die Corona-Lage im nächsten Jahr aussehen wird. Sollte es zu Kürzungen im kommunalen Bereich kommen, erwarten Sie dann eine entsprechende Reaktion der Landesregierung?

Wünschenswert wäre für 2021 zunächst die Verlängerung des Förderprogramms, möglichst bedarfsdeckend und ohne Deckelung. Sollte es zudem zu kommunalen Kürzungen kommen, müsste der Förderumfang vermutlich deutlich erhöht werden.

Führen Sie derzeit Gespräche auf Landesebene?

Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit der Fachebene im Sozialministerium. Auch die Liga der Freien Wohlfahrtspflege hat in verschiedenen fachpolitischen Gesprächen auf dieses Problem hingewiesen.

Die Finanzierung ist recht kompliziert. So erhalten die Fachberatungsstellen städtische Zuschüsse und kommunalisierte Landesmittel. Warum aber erhalten manche Stellen mehr Geld als andere?

Ja, das stimmt. Die hessische Landesregierung hat in den letzten Jahren die kommunalisierten Landesmittel für Fachberatungsstellen und Beratungsstellen mit spezialisiertem Angebot erhöht. Die Kommunen entscheiden über die Mittelvergabe an die jeweiligen Träger. Durch Corona wurde erneut deutlich, dass die Finanzierung nicht ausreicht. Es braucht dringend eine weitere Aufstockung der Fördermittel für eine auskömmliche und krisenfeste Finanzierung von Beratungsangeboten und einen flächendeckenden Ausbau der Fachberatungsstellen bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass Einrichtungen schließen müssen, welche Folgen hätte das für die Betroffenen?

Viele Beratungsstellen berichten wegen der Corona-Maßnahmen von einem erhöhten Beratungsaufwand und komplexen Anforderungen. Laut Schätzungen sind in Deutschland pro Schulklasse ein bis zwei Kinder von sexualisierter Gewalt betroffen. Mit den Schul- und Kitaschließungen hatten betroffene Kinder und Jugendliche plötzlich keinen Kontakt mehr zu Bezugspersonen, denen sie sich anvertrauen und die ihnen entsprechend weiterhelfen können. Wenn in dieser Krisensituation Beratungsstellen ihr Angebot verringern oder gar schließen müssten, wäre das fatal. Dies könnte zur Folge haben, dass Kinder und Jugendliche keinen Zugang zum Unterstützungssystem haben und unter Umständen länger sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind.

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